Kino

Alter Jude, junger Araber

Fremdsein und Angst, negative Prägungen und Abgrenzung wecken Misstrauen. All das kann zu Hass und Aggressivität führen. In solch einer Ausgangssituation steckt der 14-jährige Ali Messalamder, gespielt von Neil Belakhdar, in dem Film Kaddisch für einen Freund. Dass es einen Ausweg aus diesem Dilemma geben muss – und kann, weiß Leo Khasin. Als Drehbuchautor und Regisseur hat er sich mit der Thematik in dem 2011 fertiggestellten Film auseinandergesetzt.

Khasin erweitert das Konfliktpotenzial noch um die Themen Antisemitismus und Hass auf Israel. Er lässt seinen Filmhelden Ali beim Einzug in die neue Wohnung mit einem alten Juden zusammenkommen, der über ihm wohnt. Ali, aufgewachsen in einem palästinensischen Flüchtlingslager, hat von klein auf gelernt, »die Juden« zu hassen. Bei einer Mutprobe verwüsten er und seine Gang die Wohnung des alten Mannes. Doch der erwischt Ali – und als Beweismittel einen Schuh von ihm. Durch die Straftat droht Alis Familie die Ausweisung aus Deutschland.

In einem facettenreichen und zugleich spannenden Film erzählt Khasin von einem Leben zwischen Existenzminimum und Alltagssorgen, zwischen Abhängigkeit von Ämtern und Begegnungen mit der Vergangenheit. Daraus ist alles andere als eine Schwarz-Weiß-Geschichte geworden.

Der alte Jude Alexander genießt es schon ein wenig, den jungen Palästinenser in seiner Wohnung schuften zu sehen. Ali seinerseits lernt in diesem einen Menschen kennen, den Alltagsprobleme ebenso belasten wie seine eigene Familie. Zugleich stößt er hier auf Verständnis für seine Wünsche und Begabungen.

Idee Khasin kennt die Welten, von denen er erzählt. 1973 in Moskau geboren, kam er mit acht Jahren nach Deutschland und lebt heute in Berlin. Film war schon früh sein Wunschmetier, doch zunächst absolvierte er ein Studium der Zahnmedizin und praktizierte bis 2001. Von 2000 bis 2001 besuchte er die Kaskeline Filmakademie in Berlin.

Die Idee zu Kaddisch für einen Freund ist, so Khasin, erfunden, »die Personen basieren aber auf einer wahren Geschichte, die sich in meiner Praxis ereignet hat«. Im Wartezimmer saßen damals ein libanesischer Junge und ein alter russischer Jude, jeder mit sich beschäftigt. Als Khasin den Jungen ins Sprechzimmer bat, hatte dieser Riesenangst. Der alte Mann nickte ihm wohlwollend zu.

Wie wichtig dieses Aufeinanderzugehen, das gegenseitige Kennenlernen, ist, wurde am 23. Januar deutlich, als der Film im Hubert-Burda-Saal der IKG München gezeigt wurde. An diesem Tag stellte auch der unabhängige Expertenkreis Antisemitismus unter dem Titel »Antisemitismus in Deutschland« das Ergebnis seiner Arbeit vor. Präsidentin Charlotte Knobloch betonte dazu: »Wir brauchen mehr Dialog und eine Erinnerungkultur, die auf die Zukunft ausgerichtet ist.

Nur so können wir die jungen Menschen in unserem Land mitnehmen. Sie müssen verstehen, dass Erinnern und Gedenken keinen Selbstzweck verfolgen, sondern Teil eines Erkenntnisprozesses sind, der den jungen Generationen vermitteln soll, dass der Mensch zu Unmenschlichkeit imstande ist. Erforderlich sind darüber hinaus gegenwartsbezogene Ansätze, die dezidiert auf die Felder eingehen, in denen der moderne Antisemitismus präsent ist.

Das ist nicht nur, aber insbesondere der Nahostkonflikt.« Der Befund, dass judenfeindliche Einstellungen in erheblichem Umfang in der deutschen Gesellschaft verankert sind, sei ebenso traurig wie unnötig. Denn die Forscher fanden das Phänomen vor allem »in einem Umfeld der Unkenntnis, der Stereotype und der Ressentiments über Juden. Das bedeutet, Dialog und Aufklärung könnten einen Großteil von Miss- und Unverständnissen mit hoher Wahrscheinlichkeit ausräumen und damit diese Form des Antisemitismus beseitigen.«

Verständigung Unkenntnis, Stereotype und Ressentiments sind es, mit denen sich der Film von Leo Khasin und seinem Team auseinandersetzt. In der Geschichte gelingt es: Ali betet am Grab von Alexander das Kaddisch, das Totengebet. Dass diese Geschichte aber nicht nur ein Märchen ist, sondern bereits bei den Dreharbeiten einiges bewirkt hat, ist beim Podiumsgespräch nach der Vorführung in der IKG deutlich geworden.

Um seinen Film so authentisch wie möglich zu machen, wurden für die Rollen arabische, großteils palästinensische Familien in Berlin ausgesucht. Das war schon ein erster Schritt zur Verständigung. Dass ein gehobener Schulabschluss zugleich ein Beleg dafür ist, dass Bildung ein wichtiger Schritt hin zu Aufklärung und Toleranz ist, zeigte sich in der Bereitschaft der angesprochenen Jugendlichen zum Mitmachen. Mitgemacht haben dann aber nicht nur die ausgewählten Darsteller: Bei den Dreharbeiten in Berlin haben die Jugendlichen selbst mit ihren Gangs den Drehort und das Team beschützt.

Im Jüdischen Zentrum am Jakobsplatz wurde dieser im Rahmen der Jüdischen Filmwochen gezeigt. Bundesweit läuft er am 15. März an.

Am 13. März hat er im Monopol-Kino, Schleißheimer Straße 127, um 20.45 Uhr Premiere.

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