Geburtstag

Alles was Recht ist

»Ältester Rechtsanwalt in der ältesten Minderheit in München«: Uri Siegel Foto: Marina Maisel

Er selbst bezeichnet sich gerne als »ältesten Rechtsanwalt in der ältesten Minderheit in München«. Mit gutem Grund: Uri Siegel ist nach wie vor voller Elan und beruflich noch aktiv. Am 2. Dezember hat der gebürtige Münchner nun seinen 90. Geburtstag gefeiert.

Münchner ist Siegel in der zweiten Generation, Rechtsanwalt in der dritten. Die mütterliche Seite hat dazu beigetragen, dass er in den vergangenen Jahren auch in den Medien gefragt war – als Neffe des früheren FC-Bayern-Präsidenten Kurt Landauer, der die »Rothosen«, wie sie damals hießen, zur ersten Deutschen Fußballmeisterschaft geführt hatte. Ein Jahr später drängten ihn die Nazis aus seinem Amt.

emigration Für den zehnjährigen Uli, wie Uri Siegel damals noch genannt wurde, gingen in dieser Zeit die umsorgten Kindertage zu Ende. Doch im Vergleich zu vielen anderen hatte er Glück: Die Familie emigrierte im Februar 1934 nach Palästina. Erste Station dort war Haifa, wo er zunächst zusammen mit seiner zwei Jahre älteren Schwester Hannah in einem Kinderheim am Carmel untergebracht wurde, während die Eltern in einem Pensionszimmer ihre erste Bleibe fanden.

Nach einem halben Jahr kam die Familie in einer Mietwohnung wieder zusammen, und Uri, wie er jetzt hieß, konnte eine Oberschule besuchen. Drei Jahre lang hatte der heutige Inhaber eines Dolmetscherdiploms für Iwrit dort wegen seiner mangelnden Sprachkenntnisse Probleme, bis er in ein Internat in einem Kibbuz nahe Haifa wechselte.

Mit 17 Jahren bereitete sich Siegel auf die Eintrittsprüfung an der Universität London vor. Mit 19 Jahren legte er den Test erfolgreich ab, was seinerzeit noch im gesamten British Empire möglich war. 1942 meldete er sich freiwillig zur Königlichen Artillerie und kam 1944 zu der damals gegründeten Jüdischen Brigade.

Zuletzt eingesetzt an der italienischen Front, erlebten die jungen Soldaten das Ende des Krieges nahe Imola. Von dort ging es 1945 nach Belgien und Holland. Im Juni 1946 wurde Siegel in Palästina aus der Armee verabschiedet – mit Ehrenzeichen für seine Verdienste zwischen 1939 und 1945, beim italienischen Feldzug und der mobilen Flugabwehr.

Und auch die Siegesmedaille, die »Victory Medal«, wurde ihm zugesprochen. Später kamen noch weitere Auszeichnungen, vom Bundesverdienstkreuz über die Ehrung für die freiwillige Teilnahme am Zweiten Weltkrieg bis hin zu jener für die Teilnahme am israelischen Unabhängigkeitskrieg hinzu.

Uri Siegel schien in Israel eine neue Heimat gefunden zu haben. Er studierte Jura in Jerusalem, wo er am 4. Oktober 1951 seine Zulassung als Anwalt bekam. Sechs Wochen später heiratete er seine Frau Judith, ebenfalls eine gebürtige Münchnerin; sie hatte die Schoa in Kalifornien überlebt und war 1951 nach Israel ausgewandert.

Rückkehr Doch der Weg führte – zunächst nur zeitweise – wieder zurück nach München. 1953 übernahm er für wenige Monate die Vertretung einer Tel Aviver Anwaltskanzlei an der Isar. 1957 ging es dann ein zweites Mal nach München, um dort die Niederlassung dieser Kanzlei zu leiten. Zuvor hatte er bereits erste Fälle bei Wiedergutmachungsverfahren vertreten.

Später arbeitete er dann als Wiedergutmachungsreferent beim Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, deren Geschäftsführer er ab 1971 für fast 20 Jahre war. 1973 erwarb er die Zulassung als Rechtsanwalt in Deutschland, Grundlage für seine Tätigkeit als selbstständiger Rechtsanwalt, die er bis heute ausübt.

Wiedergutmachung war für Uri Siegel nicht nur ein Paragrafenthema. Als Deutscher, der er neben seiner israelischen Staatsbürgerschaft immer war und blieb, hatte seine Familie das Nazi-Unrecht am eigenen Leib erlebt. In seinem Wohnzimmer hängt mit einem Gemälde der Holländischen Schule ein Stück Zeitgeschichte. Es hatte der Schwester seiner Mutter gehört. Nach dem Krieg hatte man das Bild neben zahlreichen anderen Kunstwerken zusammen mit Eigentümerlisten gefunden und restituiert.

Das Wissen um die Schicksale der NS-Opfer ermöglichte Uri Siegel eine gute Voraussetzung für seine Tätigkeit im Wiedergutmachungsbereich. So musste vieles nicht ausgesprochen werden, was die Überlebenden belastete. Er kannte die Geschichten. Die Menschen und die Arbeit für sie liegen ihm bis heute am Herzen.

ISrael Seine Liebe und diejenige seiner Frau gehörten immer auch dem jüdischen Staat. Mit den Menschen, die er aus seiner Schul- und Militärzeit sowie dem Studium kannte, pflegte er Jahrzehnte freundschaftlichen Kontakt. Mit Ezer Weizman, Israels späterem Präsidenten, war er gemeinsam in der Haifaer Oberschule, mit dessen Frau Reumah im selben Kibbuz-Internat.

Dem Museum des Jüdischen Soldaten des Zweiten Weltkriegs in Kiryat Ono liefert er bis heute Dokumente und Unterlagen. »Die Zeit, die ich in Palästina und Israel verbracht habe, waren für meine gesamte Entwicklung wichtig. Ich möchte sie nicht missen«, bekennt der Jubilar. »Den Zusammenhalt, den ich damals erfahren habe, vermisse ich.« Ein Stück von diesem Zusammenhalt hat er in die Gegenwart gerettet, auch bei seiner Arbeit: »Irgendwie sehe ich mich als inoffiziellen Vertreter Israels durch meine Betreuung von Juden und Arabern, die zum Beispiel Übersetzungen benötigen«, sagt Uri Siegel.

Gemeinde Eingebracht hat er sich auch in die Münchner Kultusgemeinde, deren Geschicke er seit seiner Rückkehr nach München stets mit Anteilnahme verfolgt hat und dies bis heute tut. Als Mitglied des Vorstandes und unter Siegfried Neuland sel. A. als Vizepräsident hat er sich engagiert, zuletzt von 2000 bis 2004.

Neben der Arbeit bleibt aber auch Platz für ein ausgefülltes Privatleben. Gemeinsam mit seiner 1992 verstorbenen Frau widmete er sich der Kunst – als Betrachter ebenso wie als Maler eigener Bilder. Gemeinsam sind sie viel gereist, vor allem nach Israel und Kanada. Musik gehörte ebenfalls zum gemeinsamen Leben. Noch heute setzt Siegel sich gerne ans Klavier, Mozart und Bach gehören zu seinen Lieblingskomponisten. Bücher sind seit seinen Kindertagen fester und geliebter Bestandteil seines Lebens. Diese musische Seite stammt, wie er sich dankbar erinnert, von seiner Mutter Henny, geborene Landauer.

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