Pessach

Alles Mazze

Mazze zu Pessach gibt es kiloweise oder in der praktischen Packung für unterwegs Foto: Rafael Herlich

Eines ist sicher: Mazze ist in den kommenden Tagen der Star. Wer »Mazzen« als Suchbegriff bei Google eingibt, bekommt Tausende Ergebnisse, wo das ungesäuerte Fladenbrot zu beziehen ist – und das nicht nur zu Pessach.

Der Lebensmittelhändler Rewe zum Beispiel listet das traditionelle ungesäuerte Brot, dessen Verzehr an den Auszug der Juden aus Ägypten erinnern soll, unter seinen besonderen »Tipps fürs Osterschlemmen« auf. Selbst beim Online‐Händler Amazon kann man mittlerweile »schnell und günstig« Mazzen ordern. Oder beim Bringdienst Lieferando: »Einfach bestellen und sich schmecken lassen«.

Sortiment
Auf der Website findet sich sogar eine ausführliche Produktbeschreibung (»dicker als das indische Naan‐ und dünner als das griechische Pita‐Brot«), mit Rezepten zum Selbermachen inklusive. Doch der Selbstversuch, sich tatsächlich eine Portion Mazzen nach Hause liefern zu lassen, ist dann doch zum Scheitern verurteilt. Denn allein ein Frühstücksservice in München zählt das Fladenbrot zu seinem Sortiment. Frankfurt hingegen ist zumindest in dieser Hinsicht, um im Bild zu bleiben, eine »Service‐Wüste«.

Mazzen sind gesund. Besonders wenn man die Variante aus »Einkornvollkornmehl oder Dinkelmehl, vegan, palmfettfrei, laktosefrei, ohne Zusatz von Zucker, Salz, Fett und Hefe« wählt, die es bei einem Anbieter von Produkten aus kontrolliert biologischem Anbau zu kaufen gibt – »der ideale Snack für zwischendurch«.

Fast so wie damals, in der Wüste. Komisch nur, dass bei diesem Überangebot dann doch noch jemand das Internet‐
Portal »Gute Frage« konsultieren muss, um zu erfahren, »wo es denn eigentlich Mazzen gibt«. Die Antwort eines selbst ernannten Lebensmittelexperten bleibt etwas unpräzise: »Steht häufig beim Diätkram«, lautet seine Auskunft.

Seder Die jüdische Gemeinschaft weiß natürlich, wo sie sich mit Mazzen eindecken kann. Und die koscheren Geschäfte haben sich schon längst vorbereitet auf den Ansturm der Kundschaft vor dem ersten Seder. 27 Paletten, voll bepackt mit Mazzenpackungen, so rechnet Gadiel Miirov vor, hat er auch in diesem Jahr bereits wieder geordert, bevor das Edeka Scheck‐in‐Center, dessen koschere Abteilung er leitet, zum abendlichen Pessach‐Shopping mit zehn Prozent Rabatt auf alle koscheren Produkte einlädt.

Und Mazze ist nicht gleich Mazze, erläutert Miirov. Es gibt süße, salzige oder scharfe Varianten: mit Schokolade, Honig, Zwiebel‐ oder Knoblauchgeschmack sowie Mazze‐Cracker und Mini‐Mazzen in verschiedenen Formen für die Kinder. Bei »Migdal«, dem koscheren Lebensmittelladen im Frankfurter Osten, ist die Produktpalette ähnlich groß und bietet Leckeres für alle Geschmäcker, von der gesunden Vollkornmazze bis zum eher deftigen Zwiebel‐Ei‐Fladen: »Wir beziehen unsere Mazze aus verschiedenen Ländern – Frankreich, Israel und den USA«, erläutert Inhaber Zohar Rapaport.

Schmura Doch findet sich bei ihm eine weitere Variante im Angebot: die Schmura‐Mazze, also die Mazze, deren Herstellung unter besonderer Aufsicht stattfindet, wobei vor allem vermieden werden soll, dass sie feucht wird. Zwar wird seit mehreren Tausend Jahren darüber diskutiert, ab welchem Zeitpunkt die Bewachung einsetzen soll, ob bei der Getreideernte, dem Mahlen des Mehls oder erst beim Teigkneten, aber die von Hand hergestellte Schmura‐Mazze darf dennoch unbestritten als ungekrönte Königin unter den ungesäuerten Broten gelten.

So kostbar und rar ist sie, dass sie bei »Migdal« bereits Tage vor dem Fest ausverkauft ist. Aber zumindest eine maschinell produzierte Schmura kann man immer noch bei Zohar Rapaport erhalten.

Doch immer nur über den Fladen selbst zu sprechen, ist eine etwas trockene Angelegenheit. Der Doronia Versandhandel bietet zusätzlich verschiedene Aufstriche an, die das Pessachfest versüßen können. Bei der Mazze selbst zeigt man sich kompromisslos: »Wir verkaufen nur die Produkte von Aviv, die sind nicht zu dick und nicht verbrannt«, heißt es auf Anfrage.

Familien würden gleich mehrere Kilopakete davon ordern, Paare eher die etwas bescheideneren 450‐Gramm‐Pa­ckungen, und wer acht Tage lang auf mit Triebmittel gebackenes Brot verzichtet, kann sich zusätzlich das kleine 200‐Gramm‐Päckchen mit zwei einzeln abgepackten Tüten für unterwegs besorgen. Neben dem traditionellen Charosset, so weiß man bei Doronia, sind auch Datteln äußerst beliebt, vor allem in Kombination mit Halva, Sesam oder Sirup, weil der Geschmack die Menschen an die Wüste erinnert, wie in dem Versandhandel gemutmaßt wird. Zuckerfreie Marmeladen erfreuen sich ebenfalls großer Beliebtheit.

Auch Israel Meller, Sekretär des Rabbinats der Synagogen‐Gemeinde Köln und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD), liebt es, sich zum Frühstück Dattelhonig auf die Mazze zu streichen. Oder, wie er es aus seiner Kindheit kennt, »einfach ein bisschen Butter und darüber Salz oder Zucker streuen«. Zu Hause bevorzugt er die Mazzot von P. Heumann’s, »weil die so schön dünn sind«; in seiner Kölner Gemeinde werden hingegen die Produkte von Aviv verwendet. »An Bedürftige verschenken wir jedes Jahr an Pessach ein Kilopaket Mazza sowie Mazzemehl und eine Flasche Wein«, erzählt Meller.

Nährstoffe Im Alten‐ und Pflegeheim der Henry und Emma Budge‐Stiftung wartet man dieser Tage stündlich auf das Eintreffen eines großen Lkws: Denn er bringt, wie in jedem Jahr, Wein, Fleisch und jede Menge Mazzot für das Pessachfest. »Wir rechnen für die beiden Sederabende mit rund 200 Gästen, zusätzlich zu unseren Bewohnern«, erklärt Rabbiner Andrew Steiman.

Unter den Mazzen, die der Rabbiner geordert hat, befindet sich auch von Hand gebackene Schmura‐Mazze. »Die kommt nach vorne auf unseren großen Sederteller«, erläutert Steiman. Er hat aber auch an diejenigen gedacht, die während der acht Tage von Pessach aus gesundheitlichen Gründen nicht auf Nährstoffe verzichten können, und daher zusätzlich Mazzen mit Ei, aus Vollkorn und mit Schokolade bestellt.

In der kommenden Woche werden zudem auch Mazzebrei und Gerichte aus Mazzemehl für die Bewohner des Heimes serviert. Und der Rabbiner hat vorsorglich auch noch einige Extrapackungen beiseitegelegt.

»Es ist mittlerweile zur Tradition geworden, dass eine Gruppe behinderter jüdischer Menschen aus dem Rhein‐Main‐Gebiet bei uns den zweiten Sederabend verbringt. Und zum Abschied bekommt jeder von ihnen immer ein 500‐Gramm‐Mazzen‐Paket überreicht«, erzählt Andrew Steiman. Dann Chag Sameach!

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