Wuppertal

A Chorus Line

Tanzprobe in der Turnhalle: Für »Jankele« studierten die rund 40 Tänzerinnen und Tänzer neue Schrittfolgen ein. Foto: Alexandra Umbach

»Chalomot«, »Träume« heißt das erste Lied, das erklingt und die Eingangsszene begleitet: Ein Paar hat geheiratet und erwartet ein Kind. Es soll Jankele heißen. Dies ist auch der Titel des Musicals über eine jüdische Kindheit, das der Chor Mazel Tov der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal und die Tanzgruppe Jad Bejad der Musik- und Kunstschule Remscheid gemeinsam erarbeitet haben.

Hinter diesem Projekt mit mehr als 70 Beteiligten stehen zwei Frauen: die Chorleiterin Rokella Verenina und die Tanzpädagogin Beate Morvai. Vor eineinhalb Jahren war die Idee entstanden, ein solches Musikprojekt in Angriff zu nehmen. Nun ist aus dieser Idee ein etwa einstündiges Programm geworden, das am kommenden Sonntag im Teo-Otto-Theater in Remscheid aufgeführt wird.

»Es ist kein Musical im klassischen Sinn«, erläutert Rokella Verenina. So gäbe es fast keine Solonummern, Tanz- und Musik seien eher getrennt. »Ich würde es als eine abwechslungsreiche Show beschreiben«, so die Chorleiterin, die sich gemeinsam mit Beate Morvai den Ablauf der Geschichte ausgedacht hat.

Das Stück erzählt mithilfe hebräischer und jiddischer Lieder sowie israelischer Volkstänze die Geschichte von Jankeles Geburt bis zu seiner Jugend in irgendeinem Land. Strukturiert ist sie durch religiöse Motive wie Britmila und vor allem die Barmizwa: Jankele hat keine Lust, für seine bevorstehende Religionsmündigkeit zu lernen, was seinen Eltern Sorgen bereitet. Doch dann wendet sich das Blatt, der Junge ist einsichtig und der Festtag kann kommen.

Die Geschichte wird im begleitenden Programmheft erläutert. Hierin sind auch die Liedtexte übersetzt, was zum Verständnis der Handlung beiträgt. Auf der Bühne stehen Gesang und Tanz im Vordergrund. Einige der aufgeführten Lieder zählten bereits zum Repertoire des Gemeindechores, andere studierten die rund 30 Sängerinnen und Sänger für die Aufführung neu ein. Darunter das wohl bekannteste jiddische Schlaflied Jankele, das dem Stück seinen Namen gab.

Arrangements »Wir haben traditionelle und moderne israelische Lieder gemischt, religiöse sowie Kinderlieder«, umschreibt Rokella Verenina die musikalische Zusammenstellung. Gemeinsam mit ihrem Mann und einem Bekannten hatte sie die Orchesterbegleitung selbst produziert. Das heißt, jedes Instrument wurde einzeln am Keybord gespielt, aufgenommen und dann am Computer bearbeitet.

Die israelischen Volkstänze studierte Beate Morvai mit ihren Tanzgruppen ein. Die Tanzpädagogin reist regelmäßig nach Israel und hat bereits zahlreiche Seminare israelischer Choreografen besucht. Der israelischen Folklore ist die 52-Jährige seit 30 Jahren verbunden und von ihr begeistert. »Die israelische Folklore hat mich immer am meisten beflügelt. Ich empfinde sie weniger erdig als andere Volkstänze, sie vermittelt durch ihre Leichtigkeit eher ein Gefühl, als ob man in den Himmel tanzt«, versucht sie ihre Eigenheit zu charakterisieren. »Es gibt keinen Tanz, bei dem nicht auch das Herz berührt wird.«

Generationsübergreifend Für das Musical Jankele hatte sie zum einen bekannte Choreografien bühnentauglich bearbeitet und teilweise von der Kreisformation gelöst, zum anderen für manche Stücke Schrittfolgen neu zusammengestellt. Die jüngsten Mitwirkenden sind fünf Jahre alt, dazu kommen Jugendliche und Erwachsene, insgesamt 42 Tänzerinnen und Tänzer. Es sind zu einem Großteil Mitwirkende aus ihren Tanzgruppen der Musik- und Kunstschule Remscheid, die regelmäßig in ihre Kurse über israelische Volkstänze kommen. Zunächst sei nach Altersgruppen getrennt geübt worden, dann gemeinsam, erzählt sie.

Vor drei Jahren hatte Beate Morvai bereits ein ähnliches Projekt erarbeitet. Dieses sei jedoch ausschließlich auf Tanzgruppen begrenzt gewesen. Sie nannte es: eine jüdische Hochzeit. Das jetzige Stück kann man als Fortsetzung sehen, die durch die Chorbeteiligung an Lebendigkeit und Vielfalt noch gewinnt.

Nicht immer sei es einfach gewesen, die Proben mit den rund 70 Beteiligten im Alter von fünf bis 80 Jahren zu koordinieren, erzählt Rokella Verenina. Es sei schon schwierig gewesen, einen Raum zu finden, der groß genug für die gemeinsamen Proben war. Man fand eine Sporthalle einer Remscheider Schule. Nur einmal konnten sie am eigentlichen Aufführungsort, dem Teo-Otto-Theater, proben.

Neuland »Wie dort die technischen Gegebenheiten sind, müssen wir sehen«, sagt Rokella Verenina. Noch weiß sie nicht, ob die Mikrofone ausreichen, wie die Akustik für ihren Chor sein wird, wie das Zusammenspiel auf der Bühne funktionieren wird. »Wir müssen irgendwie miteinander kommunizieren, nicht mit Worten, sondern mit Blicken und Gesten«, meint Beate Morvai. Sie bedauert, dass es nicht mehr gemeinsame Proben geben konnte, doch das sei aus finanziellen und logistischen Gründen nicht möglich gewesen.

Trotz aller Hindernisse blicken die Initiatorinnen der Aufführung am Sonntag mit Vorfreude und Aufregung entgegen. Sie sehen die Probenzeit auch ein wenig als jüdisch-christliches Projekt. Die Tänzerinnen und Tänzer sind nicht jüdisch, aber verbunden mit der israelischen Folklore. Manchmal hätte es Verständigungsschwierigkeiten gegeben, da die Chormitglieder nicht so gut Deutsch sprechen würden.

Die Tänzer haben aus der Erzählung viel über jüdische Rituale und ihre Bedeutung gelernt sowie aus den Treffen mit den Chormitgliedern gelernt. »Es gab persönliche Begegnungen, die sonst nicht stattgefunden hätten. In ihnen erfährt man mehr als in Büchern oder Filmen. Und man verliert dabei die unnötige Distanz«, erzählt Chorleiterin Rokella Verenina. Tanzlehrerin Beate Morvai ergänzt: »Es war wirklich eine sehr schöne Zusammenarbeit.«

Für die Zukunft wünscht sie sich, dass solch eine jüdisch-christliche Zusammenarbeit nichts Besonderes mehr darstellt. Beide Initiatorinnen sind stolz auf ihre engagierten Mitwirkenden. »Es sind alles Laien«, betont Beate Morvai. »Uns ist nicht wichtig, dass es perfekt wird, sondern, dass wir es geschafft haben, beide Gruppen zusammenzuführen und das Projekt zu realisieren.«

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