Verantwortung

»Ein tolles Gefühl, anderen zu helfen«

Die Elsbach Stiftung basiert auf Immobilienbesitz und unterstützt damit soziale Projekte

Aktualisiert am 21.09.2018, 13:48 – von Katharina Schmidt-HirschfelderKatharina Schmidt-Hirschfelder

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Das schlichte Schild fällt erst auf den zweiten Blick ins Auge. »Elsbach Stiftung. Gemeinnützig« steht schnörkellos darauf. Es ist direkt neben dem Eingang zur »Pedro Elsbach Hausverwaltung« angebracht, einem kleinen Ladenbüro in einer ruhigen Steglitzer Nebenstraße. Von den ebenerdigen Räumen aus, die sich von all den schwerfälligen Altbauten ringsum geradezu hell und luftig absetzen, verwaltet Pedro Elsbach sowohl seine eigenen Immobilien als auch die anderer Hauseigentümer. Und die Stiftung, die den Namen seiner Familie trägt.

»Meine Mutter hatte noch zu Lebzeiten die Idee, unser Erbe in eine Stiftung zu überführen – sie wollte damit gemeinnützige Initiativen unterstützen«, sagt der gelernte Immobilienfachwirt.
Denn das habe Brigitte Elsbach ohnehin Zeit ihres Lebens getan, sagt der Sohn. »Sie war immer sozial eingestellt, hat immer viele Leute unterstützt.«

flucht Brigitte Elsbachs soziale Einstellung resultierte auch aus ihrer Familiengeschichte. 1923 wurde sie in Königsberg als Tochter eines jüdischen Pferdehändlers geboren. Bereits als junges Mädchen erlebte sie in Nazideutschland Ausgrenzung aufgrund ihres Judentums.

Noch vor der Pogromnacht 1938 gelang der Familie die Ausreise über die Tschechoslowakei und Marseille nach Uruguay, wo sie sich eine neue Existenz aufbaute.

1941 heiratete Brigitte in Südamerika den jüdischen Emigranten Alfred Elsbach. Dessen Eltern hatten in Kassel eine Mazzefabrik betrieben, die sie 1938 verkaufen mussten. 1954 kehrten die Elsbachs nach Deutschland zurück.

Brigitte Elsbach legte fortan unter anderem ihre Ersparnisse und Wiedergutmachungszahlungen in Immobilien in ihrer neuen Heimatstadt Berlin an. Diese Häuser langfristig zu halten, um den Bewohnern eine sichere Existenz zu garantieren, stand für sie von Beginn an außer Frage.

gemeinwohl Auch der Sohn empfindet diese Verantwortung – nicht nur für den Hausbestand, sondern auch für seine Mieter. »Leben und leben lassen« ist sein Motto. Und: »Man soll nicht gierig sein.«

Dieser besondere soziale Auftrag ist in den Stiftungszielen festgeschrieben. Denn schließlich habe man es »mit einem wertvollen Gut der Menschen zu tun: ihrem Dach über dem Kopf – also dem Schutzraum, aber auch dem Raum ihrer Entfaltung«. Daraus leitet die Stiftung eine Verpflichtung für das Gemeinwohl in der Nachbarschaft ab. Wo es dieses in den einzelnen Stadtteilen zu verbessern gilt, »beteiligen wir uns gern«, sagt Pedro Elsbach.

Dass Brigitte Elsbach der Verfolgung durch die Nazis nach Südamerika entkommen und nach ihrer Rückkehr in Deutschland ein gutes Leben aufbauen konnte, habe sie als Glück empfunden, erzählt Pedro Elsbach. »Wir wurden gut aufgenommen, haben komfortabel gelebt, das Vermögen ist gewachsen, und meine Eltern wollten der Gesellschaft etwas zurückgeben von dem Guten, das ihnen zuteilgeworden war«, erinnert sich Pedro Elsbach, der fünf Jahre alt war, als die Familie nach Berlin zurückkehrte.

Elsbachs Familie lebt von den Einnahmen und hält die Häuser in Schuss. Renovierungen bezahlt die Stiftung aus den Rücklagen der Mieteinnahmen. Modernisierungsarbeiten nimmt der Stiftungschef persönlich in Augenschein.

Gerade hat ein Elektriker angerufen. Eine Stromleitung muss ausgetauscht werden. Auf Elsbachs Schreibtisch steht neben Aktenordnern und Telefon eine Charlie-Chaplin-Figur, an der Wand lehnt ein hellblaues Fahrrad mit Aktentasche. »Eines unserer Häuser ist nicht weit von hier«, sagt Pedro Elsbach. »Wenn Mieter anrufen, fahre ich schnell hin und schaue, was anliegt.« Sein Mitarbeiter sei gerade in Elternzeit, da erledige er viele Anfragen eben selbst. Viele seien es ohnehin nicht, sagt Elsbach und lächelt. Denn die Fluktuation in den von der Stiftung verwalteten Häusern sei eher gering.

win-win Aus gutem Grund. Viele von Elsbachs Mietern wohnen seit Jahrzehnten dort. Den persönlichen Kontakt wissen sie ebenso zu schätzen wie die soziale Sicherheit, ein schönes und dennoch bezahlbares Dach über dem Kopf zu haben – keine Selbstverständlichkeit auf Berlins angespanntem Wohnungsmarkt mit steigenden Mieten.

Pedro Elsbach weiß das. Sich ethisch zu verhalten, sei für ihn aber alternativlos. Es sei keine Kopfentscheidung, sondern eine, die »aus dem Herzen« kommt. »So war meine Mutter, so bin ich auch«, sagt er. Auch verwalte er nur Immobilien von anderen Eigentümern, sagt Elsbach, die seinen eigenen ethischen Ansprüchen nahekommen.

Eigentum verpflichtet, diesem Leitsatz seiner Mutter bleibt auch Pedro Elsbach treu. Kein Wunder, dass sich die guten Taten herumsprechen. Für dieses Jahr sei er schon ausgebucht, sagt Elsbach. Viele Ini­tiativen hätten angefragt, ob die Elsbach Stiftung sie unterstützen könne. Die rbb-Abendschau hat schon über ihn berichtet, der »Spiegel« ebenfalls. Denn Elsbach ist nicht nur ein verantwortungsvoller Vermieter; die Mehrerlöse aus den Mieteinnahmen fließen über die Stiftung sozialen Projekten zu.

Eine Win-win-Situation für alle: Denn auch die Bewohner freuen sich, dass sie mit ihren Mieten soziale Projekte mitfinanzieren – einen neuen Kicker für den Jugendklub im Nachbarschaftsheim Schöneberg etwa, Zuschüsse für Klassenfahrten, Möbel und frische Farbe für ein Zimmer des Kinderschutzbundes.
Die Unterstützung ist laut Satzung gesellschaftlich breit gefächert. »Alles, was mich überzeugt, das machen wir dann.« Es sei außerdem »ein tolles Gefühl, anderen zu helfen«. Es seien manchmal die kleinen Dinge, die große Veränderungen bewirken können, meint Pedro Elsbach. »Vor allem, wenn es so konkret und handfest ist und man sieht, was da passiert.«

wurzeln So hat die Stiftung unter anderem im März eine Fahrt des Shalom Chors, in dem Pedro Elsbach singt, nach Kassel finanziert – zur Stolpersteinverlegung für Pedro Elsbachs Großeltern. Beide wurden in Theresienstadt ermordet. »Das war sehr bewegend, denn wir trafen einen Zeitzeugen, der meine Großeltern kannte.«

Gelegenheiten wie diese sind Pedro Elsbach wichtig – »um sich zu erinnern, wo die eigenen Wurzeln sind«. Auf die besinnt sich Pedro Elsbach auch, wenn er im Shalom Chor singt. Der frühere Oberkantor – und Pedro Elsbachs Barmizwa-Lehrer – Estrongo Nachama hatte ihn 1994 gegründet, inzwischen leitet ihn der Kantor Assaf Levitin.

»Estrongo Nachama hat mir meine Stimme gebracht – deshalb bin ich zum Chor zurückgekehrt, weil ich das Gefühl hatte: Das ist die Verbindung zu Gott, zu meinem Judentum – weniger die Synagoge«, sagt Pedro Elsbach. Ohnehin komme es im Leben weniger auf Religiosität als darauf an, »wie man sich gegenüber anderen Menschen und seinen Mitarbeitern verhält«, ist Pedro Elsbach überzeugt.

So ist es dem 68-Jährigen unbegreiflich, wie viele Hausverwaltungen und -eigentümer mit ihren Mietern umgehen. »Wo bleibt da das Mitmenschliche, die ethische Verantwortung, die mit Besitz einhergeht?« Man könne auch mit niedrigen Mieten Gewinne erzielen, so einfach sei das.

modell »Die Menschlichkeit, die ich erwarte, gibt es bei vielen Eigentümern nicht«, stellt Elsbach fest. Dabei müsste das nicht sein. »Wenn man Häuser so lange besitzt, dann ist es nicht unbedingt erforderlich, dass man alles ausnutzt bei Mietern, was auszunutzen geht, sondern man kann es alles auch moderat gestalten und hat immer noch gute Überschüsse. Auf der Basis von sechs Euro pro Quadratmeter kann man immer noch Geld verdienen.«

Pedro Elsbach wünscht sich, dass das Modell Stiftung auch für andere Eigentümer interessant sein könnte – »wenn man ethisch eingestellt ist«. Man könne Gutes tun – und ganz nebenbei auch noch Steuern sparen. Denn bei dem Stiftungsmodell fällt die Erbschaftssteuer weg.

www.elsbachstiftung.de

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