Ukraine

Mahnmal für Babi Jar

In Kiew soll ein Schoa-Gedenkzentrum entstehen, das an das NS-Massaker von 1941 erinnert

24.05.2018 – von Denis TrubetskoyDenis Trubetskoy

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In der ukrainischen Hauptstadt Kiew soll das Holocaust-Gedenkzentrum Babi Jar entstehen. Geht es nach Bürgermeister Vitali Klitschko, soll es irgendwann eine ähnliche Bedeutung haben wie Yad Vashem.

Das Massaker von Babi Jar ist eine der größten Tragödien in der Geschichte Kiews. Mehr als 100.000 Menschen wurden zwischen 1941 und 1943 in dieser Schlucht von der Wehrmacht und ihren ukrainischen Kollaborateuren ermordet, darunter 33.000 Juden allein am 29. und 30. September 1941. Allerdings hat die Katastrophe von Babi Jar lange Zeit keine große Aufmerksamkeit erfahren.

Zu Sowjetzeiten wollte die Kommunistische Partei viele Details des Massakers lieber verschweigen. Moskau hatte ein Interesse daran, das gesamte Sowjetvolk hauptsächlich als Opfer des Zweiten Weltkriegs darzustellen, daher passte Babi Jar, das sich größtenteils zum Kiewer Stadtbezirk Syrez entwickelte, nicht in die Erzählung. Zwar hat man die Geschehnisse nicht komplett ignoriert, das erste Denkmal ist allerdings erst 33 Jahre nach der Vertreibung der deutschen Besatzer aus Kiew im November 1973 errichtet worden.

Nationalisten Doch haderte auch die unabhängige Ukraine nach dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991 mit dem Thema Babi Jar. Der Hauptgrund: Mitglieder der Organisation der Ukrainischen Nationalisten (OUN) hatten als Hilfspolizisten an dem Massaker teilgenommen – ein schwieriges Thema für Kiew, denn zumindest in der Westukraine werden OUN-Mitglieder meist als Helden angesehen. Allerdings wurden später im Laufe der Okkupation Kiews etliche ukrainische Nationalisten in Babi Jar ermordet. Dazu gehört möglicherweise auch die umstrittene Dichterin Olena Teliha, nach der heute eine wichtige Verkehrsader benannt ist, die durch Babi Jar führt.

Einst schrieb Teliha lobende Artikel über Adolf Hitler für das »Ukrainische Wort«, die Zeitung der ukrainischen Nationalisten, später wurde sie von den Besatzern ermordet – allerdings gehen die meisten Historiker davon aus, dass dies nicht in Babi Jar geschah. Dass die wichtigste Straße des Bezirks nach Teliha benannt und im vergangenen Jahr darüber hinaus noch ein teures Denkmal direkt in der Schlucht eröffnet wurde, ist angesichts ihrer Ansichten mehr als fragwürdig.

Dennoch haben sich die Zeiten ein wenig geändert. Im September 2016, zum 75. Jahrestag des Massakers, hat die Ukraine zum ersten Mal eine große Gedenkfeier für die Opfer von Babi Jar veranstaltet, an der unter anderem der damalige Bundespräsident Joachim Gauck sowie Israels Staatspräsident Reuven Rivlin teilnahmen. Letzterer geriet damals in der Ukraine in die Kritik, weil er vor dem ukrainischen Parlament die Mitverantwortung der OUN für das Massaker deutlich angesprochen hatte. Damals wurde Babi Jar ebenfalls grundlegend renoviert – und sieht seitdem endlich halbwegs wie eine konzeptuelle Gedenkstätte aus.

Die wichtigste Ankündigung machte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko allerdings während der damaligen Gedenkfeier. Er kündigte nämlich die Gründung des ersten Gedenkzentrums für den Holocaust an, das den Namen »Babi Jar« tragen soll. »Für uns Ukrainer ist die Trauer der Juden wie unsere eigene«, sagte der heute 52-Jährige, der im Mai 2014 nach der Maidan-Revolution ins Präsidentenamt gewählt wurde. »Es ist für uns extrem wichtig, nun diesen Schritt zu tun. Denn der Holocaust ist keine nationale, sondern eine weltweite Tragödie. Das neue Gedenkzentrum soll zu einem Ort werden, der als starke Impfung gegen die Wiederholung solcher Tragödien fungieren soll.«

Historiker Ursprünglich war der Plan, das Projekt bis 2021 umzusetzen. Dafür sollen vor allem Spendengelder aus der ganzen Welt gesammelt werden, denn der Stadthaushalt von Kiew kann sich die geschätzte Summe von 100 Millionen US-Dollar nicht leisten. Daher wurde eine Initiativgruppe gegründet, zu der weltweit bekannte Historiker und Politiker gehören, unter anderem Deutschlands früherer Außenminister Joschka Fischer, aber auch große Geldgeber wie der ukrainische Oli
garch Wiktor Pintschuk. »Uns unterstützen jüdische Organisationen aus aller Welt, was eindeutig zeigt, wie wichtig dieses Projekt ist«, sagt der frühere sowjetische Dissident und heutige israelische Politiker Natan Sharansky, der zum Vorsitzenden der Initiativgruppe gewählt wurde.

Allerdings hat es ein Jahr gedauert, bis das Konzept des Gedenkzentrums feststand. Damit beschäftigte sich die von dem niederländischen Holocaustforscher Karel Berkhoff angeführte internationale Historikergruppe, die ihre Ideen im vergangenen November präsentierte.

»Wir werden über das Leben der Kiewer Juden am Anfang des 20. Jahrhunderts und ihre Evakuierung erzählen. Das Massaker von Babi Jar soll so detailliert wie möglich beschrieben werden«, sagt Berkhoff. »Über den Antisemitismus in der örtlichen Bevölkerung, bei Ukrainern, Russen und anderen, soll ganz ehrlich, aber objektiv erzählt werden. Wir werden viele Fakten bringen, die für die internationale Historikerzunft neu sein werden.«

Kollaborateure Ganz besonders soll sich das Museum, das am Ort des nicht genutzten Sportstadions in Babi Jar gebaut wird, mit dem Thema Kollaboration beschäftigen. »Dabei muss man allerdings beachten, dass Kollaboration natürlich kein rein ukrainisches Phänomen war – es gab sie schließlich in allen okkupierten Gebieten«, sagt Berkhoff.

Am 16. März wurde nun auch endlich das Memorandum über den Bau des Gedenkzentrums unterzeichnet – unter anderem von Bürgermeister Vitali Klitschko und Kulturminister Jewhen Nyschtschuk. »Für das Image Kiews, das eine solche Tragödie erlebte, ist der Bau des Zentrums extrem wichtig«, betonte Klitschko. »Vor allem aber geht es um Gedenken – und darum, dass sich eine solche Katastrophe niemals wiederholt.« Allerdings war es ebenfalls Klitschko, der vergangenes Jahr das Denkmal für die umstrittene Schriftstellerin Teliha eingeweiht hat. Der Bau jenes Denkmals wurde, anders als das Babi-Jar-Memorial, aus Mitteln der Stadt finanziert.

Trotz dieser Tatsache und obwohl das endgültige Eröffnungsdatum noch lange nicht in Sicht ist, sieht es danach aus, als ob es beim Bau des Gedenkzentrums Babi Jar kein Zurück mehr gibt. Gerade in Zeiten, in denen über die Geschichtspolitik der ukrainischen Regierung innerhalb und außerhalb des Landes kontrovers diskutiert wird, ist es ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn die Diskussion nicht immer einfach und problemlos läuft.

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