Prenzlauer Berg

Torafreude am Wasserturm

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Sonntagnachmittag, Kollwitzstraße: Während draußen die Sonne den Prenzlauer Berg in helles Licht taucht, sitzt der Sofer im Wohnzimmer von Fiona und Ilja Gorelik und schreibt die letzten Buchstaben der Tora. Um ihn herum stehen Mitglieder von der Gemeinde Kahal Adass Jisroel sowie Freunde der Familie und schauen dem Schreiber über die Schulter.

Die Sefer Tora ist eine Gabe der Goreliks, gespendet im Gedenken an Ruben Bollag sel. A. Vor einem Jahr verstarb der Vater von Fiona Gorelik in seiner Heimatstadt Zürich. Nachdem er jahrelang ein koscheres Hotel in seinem Geburtsort Lugano führte, übernahm er später in Zürich eine Bäckerei. Er hinterließ seine Ehefrau Mona und drei Kinder: Sohn David und die Töchter Joelle und Fiona. Joelle ist mit Rabbiner Joshua Spinner, dem Vizepräsidenten der Ronald S. Lauder Foundation, verheiratet und hat mit ihm drei Kinder.

Luftballons Es ist also nicht nur ein großer Tag für die Gemeinde, es ist auch ein ganz besonderer Anlass für die Familie. In der Wohnung von Fiona und Ilja Gorelik herrscht freudige Stimmung. Kinder spielen Fangen, haben Luftballons in der Hand, ein Buffet mit Kuchen ist aufgebaut. Es wird Deutsch, Englisch, Hebräisch, Jiddisch, Russisch und Italienisch gesprochen. »Was, Sie kommen aus Stockholm? Kennen Sie die Familie Finkler?«– »Finkler? Das sind meine besten Freunde!«

Währenddessen sitzt der Sofer, buschiger Bart, Brille mit Kette und Federkiel in der rechten Hand, am Wohnzimmertisch. Nacheinander bittet er Verwandte und Freunde der Familie, einen Buchstaben zu schreiben. Manche haben kaum die Wohnung betreten, da werden sie schon an den Tisch geordert: mazel tov, shkoyach!

Zum Schluss ist Hausherr Ilja an der Reihe: Er schreibt auch den letzten Buchstaben – Lamed, den zwölften Buchstaben im hebräischen Alphabet. Während die Tinte trocknet, werden »kleine L’Chaims« in Gläsern verteilt. Dann wird die Sefer Tora zusammengerollt, und die Gäste gehen auf die Straße. Unter dem Baldachin wird die neue Rolle am Wasserturm vorbeigetragen. Es wird gesungen und getanzt, ein Gegenspieler musiziert, Passanten bleiben stehen und nehmen mit ihren Handys Videos auf. Begleitet wird der Umzug von einigen Polizisten – sicher ist sicher.

Aron Kodesch Nach rund 500 Metern sind die Frauen und Männer in den Räumen von Kahal Adass Jisroel, in einem Nebengebäude der Synagoge Rykestraße, angelangt. Dort muss die Tora einige Treppen nach oben getragen werden, bis sie an ihrem Bestimmungsort angekommen ist. Es werden Gebete gesprochen, danach wird sie im Toraschrein des Yeshurun-Minjans verstaut.

Torastifter Ilja erinnert sich zu diesem Anlass an seinen verstorbenen Schwiegervater. »Ruben legte Wert auf Großzügigkeit und Familie. Es ging nicht um Kavod, sondern ums Helfen. Er hat gerne gegeben, und zwar dort, wo es wirklich gebraucht wurde. Hier dawnen meine Frau, seine Tochter und ich, hier hat er gebetet, wenn er uns besucht hat.« Ähnlich beschreibt auch Sohn David seinen Vater: »Er wurde von jedem gemocht, er hat Machloikes immer vermieden, sogar Streitigkeiten von anderen geschlichtet.«

Am Ende der Toraeinbringung erläutert Rabbiner Joshua Spinner die Bedeutung der religiösen Pflicht. »Warum ist es eine Mizwa, Tora zu schreiben? Weil wir dadurch erst Tora lernen können!« Und auch er erinnert sich – mit brüchiger Stimme – an seinen Schwiegervater: »Sein Sohn David hat für ihn ein Jahr Kaddisch gesagt. Beide seiner Töchter haben geheiratet – der eine Mann hat einen Minjan aufgebaut, der andere eine Sefer Tora geschrieben. Dieser Teil seines Vermächtnisses bleibt bestehen.«

Frankfurt am Main

Salomon Korn wird mit Ignatz-Bubis-Preis ausgezeichnet

Salomon Korn erhält den Ignatz-Bubis-Preis. Die Auszeichnung wird am Montag in der Frankfurter Paulskirche überreicht

 07.01.2026

In eigener Sache

Die Jüdische Allgemeine erhält den »Tacheles-Preis«

WerteInitiative: Die Zeitung steht für Klartext, ordnet ein, widerspricht und ist eine Quelle der Inspiration und des Mutes für die jüdische Gemeinschaft

 07.01.2026 Aktualisiert

Programm

Kicken, Karneval, König Salomo: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 8. Januar bis zum 14. Januar

 07.01.2026

Berlin

Blackout im Südwesten

Kalte Wohnungen, kein Licht – so bewältigten Familien den Anschlag auf das Stromnetz der Stadt

von Christine Schmitt  07.01.2026 Aktualisiert

Dresden

Neue Ausstellung zu jüdischer Exilgeschichte

Unter dem Titel »Transit - Bilder aus dem Exil« sind ab dem 9. Januar Werke der argentinischen Künstlerin Monica Laura Weiss zu sehen

 06.01.2026

Berlin

Anklage: Wegen Davidstern Messer gezogen

In Berlin hat im vergangenen Juni ein 29-Jähriger aus mutmaßlich antisemitischen Motiven einen 60-Jährigen mit einem Messer bedroht. Jetzt wurde Anklage erhoben

 06.01.2026

Frankfurt am Main

Jüdische Akademie eröffnet 2026

Das intellektuelle jüdische Leben erhält einen neuen Mittelpunkt. Die neue Bildungseinrichtung ist die erste dieser Art in der Bundesrepublik

 05.01.2026

Frankfurt

18-mal Familie

In einer Ausstellung des Jüdischen Museums rekonstruiert die Künstlerin Ruthe Zuntz die 500-jährige Geschichte ihrer Vorfahren

von Leon Stork  04.01.2026

Rezension

Das neue Zuhause ist in Gefahr

Israelis in Berlin berichten über ihre persönlichen Erfahrungen nach dem 7. Oktober

von Geneviève Hesse  04.01.2026