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Zurück nach Dessau

Drei Bauhaus-Schüler gingen 1933 nach Israel. Ihre Kinder, unter ihnen der Historiker Tom Segev, waren dabei, als jetzt eine Ausstellung über ihre Eltern eröffnet wurde

Aktualisiert am 08.07.2013, 10:59 – von Renata SchmidtkunzRenata Schmidtkunz

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Ihre Mutter Ricarda hätte sich gefreut, sagt Jutta Schwerin. Die Architektin und ehemalige Bundestagsabgeordnete der Grünen sitzt am 23. Juni 2013 in einem der vielen Zimmer des Meisterhauses Schlemmer in Dessau und strahlt über das ganze Gesicht. Gerade wurde die Ausstellung »Vom Bauhaus nach Palästina: Chanan Frenkel – Ricarda und Heinz Schwerin« eröffnet.

Mehr als 80 Jahre, nachdem ihre Eltern hier studiert hatten, sind die drei Kinder der ehemaligen Bauhäusler von Israel und Berlin nach Dessau gekommen, um der Ehrung ihrer Eltern beizuwohnen: der Bauzeichner David Frenkel, Sohn des Architekten Chanan (eigentlich Hans-Hermann) Frenkel, geboren 1943 in Jerusalem, der Historiker Tom Segev, Sohn des Ehepaares Ricarda und Heinz Schwerin, geboren 1945 in Jerusalem, und Jutta Schwerin, seine Schwester, geboren 1942, ebenfalls in Jerusalem. Zu sehen sind in zwei Häusern der Meisterhaus-Siedlung architektonische Entwürfe, Fotoarbeiten, Möbelstücke und biografische Notizen der drei ehemaligen Bauhäusler.

holzspielzeug Die im Stil des Bauhauses gehaltenen Möbel von Ricarda und Heinz Schwerin, die noch vor ein paar Tagen in Jutta Schwerins Wohnung in Berlin-Kreuzberg dem Alltag gedient haben, stehen nun wohlgeordnet in einem der Ausstellungsräume: ein höhenverstellbarer Zeichentisch, ein Kleiderschrank in den Maßen 160 cm mal 180 cm, in dem einst die gesamte Kleidung der vierköpfigen Familie Schwerin Platz finden musste, eine Kommode mit intelligenter Inneneinrichtung.

Heinz Schwerin, geboren 1910 in Kattowitz als Sohn eines wohlhabenden Unternehmer-Ehepaares, hatte sie für eine der kleinen Wohnungen in Jerusalem gebaut, die Ricarda und er in den ersten Jahren ihres Exils bewohnten. »Gestaltung war schon sehr wichtig, auch wenn man arm war und bescheiden leben musste«, erinnert sich Jutta Schwerin. »Wir hatten nie etwas Kitschiges. Und es wurden auch keine Kompromisse gemacht: Alles musste schlicht und nützlich sein, ohne Schnörkel.«

In Glasvitrinen steht Kinderspielzeug aus Holz: Traktoren, Lastwagen, Straßenplaniergeräte, Autos. Mit der Herstellung dieser Spielsachen hatten sich die Eltern, die 1933 in Palästina angekommen waren, in den ersten Jahren über Wasser gehalten. Ihre Firma »Pioneers of the Wooden Toy in Palestine« wurde 1936 gegründet. 1937 repräsentierten die Schwerins mit ihren kleinen Kunstwerken aus Holz das britische Mandatsgebiet Palästina auf der Weltausstellung in Paris. Ricarda war besonders stolz darauf, selbst an der eigens in Europa angeschafften und nach Palästina verschifften Holzfräse zu arbeiten.

Einige Wochen nach Heinz Schwerins Tod – er war im Unabhängigkeitskrieg Ende Januar 1948 bei einem militärischen Einsatz vor den Augen seiner sechsjährigen Tochter Jutta von einem Dach gefallen und drei Tage später seinen inneren Verletzungen erlegen – schrieb Ricarda an Freunde über die ersten Jahre in Jerusalem: »Wir zogen es aus politischen und persönlichen Gründen vor, unsere Berufe aufzugeben und als Handwerker zu arbeiten. Wir hatten viel Freude an unserer Arbeit, und oft fiel uns auf, wie vieles, was wir taten, auf den Bauhaus-Einfluss zurückzuführen war.«

Heinz und Ricarda waren keine Zionisten. Sie waren in Palästina, weil es für sie keine andere Möglichkeit gegeben hatte. Tom Segev erinnert sich: »Meine Eltern wären gerne in Deutschland geblieben. Ich bin aufgewachsen mit dem Gefühl, dass meine Eltern etwas Höheres verloren haben. Und dazu gehörte auch das Bauhaus.«

ausschluss »junge menschen, was sucht ihr an den kunstakademien? kommt ans bauhaus!« Dieser Aufruf erschien 1928 in der 4. Ausgabe der Bauhaus-Zeitschrift. Direktor des Bauhauses war soeben der Schweizer Architekt Hannes Meyer geworden, der den Grundgedanken des Bauhauses weiterführen wollte: durch eine Rückbesinnung auf handwerkliche Traditionen als Grundlage allen künstlerischen Schaffens die Trennung von Kunst und Produktion aufzuheben. Meyer, der ursprünglich Maurer gewesen war, gab die Arbeitsparole »Volksbedarf statt Luxusbedarf!« aus.

Die Bankdirektorentocher Ricarda Meltzer, der Fabrikantensohn Heinz Schwerin und der überzeugte Zionist Chanan Frenkel folgten diesem Ruf. Frenkel, der bereits 1928 von Halle/Saale nach Palästina ausgewandert und dort einer der Gründer des Kibbuz Givat Brenner war, kam 1930 nach Dessau, um Architektur zu studieren. Ricarda, die aus protestantischem Haus stammte und überzeugte Atheistin war, wollte nichts anderes, als Fotografie zu studieren. Und der jüdische Kommunist Heinz Schwerin, der 1928 seine Tischlergesellenprüfung an der Freien Schulgemeinde Wickersdorf/Thüringen abgelegt hatte, schrieb sich im Sommersemester 1931 an der Bau-Ausbau-Abteilung ein und studierte in der Meisterklasse von Mies van der Rohe.

Doch nur Frenkel schloss sein Studium am Bauhaus mit einem Diplom ab. Heinz und Ricarda als seine Lebensgefährtin wurden im Frühjahr 1932 wegen »kommunistischer« Umtriebe der Schule verwiesen. Jutta Schwerin schreibt in ihrer Autobiografie Ricardas Tochter: »Im Disziplinarausschuss saßen Mies van der Rohe, Wassily Kandinsky und Ludwig Hilbersheimer. … Der Antrag der Nazis auf Schließung des Bauhauses lag dem Gemeinderat bereits vor. Im Herbst desselben Jahres, wenige Monate bevor die Nazis in Deutschland an die Macht kamen, wurde er beschlossen.«

Kurz zuvor, im August 1932, erlangt Chanan Frenkel das Bauhaus-Diplom Nr. 91 und kehrt im Frühjahr 1933 nach Palästina zurück. Bis zu seinem Tod im Jahr 1957 stellt er sein Können dem Aufbau des Staates Israel zur Verfügung, in erster Linie beim Bau von Krankenhäusern. Sein bis heute bekanntestes Gebäude ist die zwischen 1952 und 1956 entstandene Blutbank des Magen David in Jaffa. Die Ausstellung zeigt auch Frenkels städteplanerische Entwürfe für die britische Mandats- verwaltung und seine Überlegungen, wie man nach der Ausrufung des Staates Israel am 14. Mai 1948 mit den Planungsvorgaben der Briten weiter verfahren solle.

porträts Von Heinz und Ricardas Arbeiten aus der Zeit ihres Studiums am Bauhaus ist nichts geblieben. 1933 gehen die beiden nach Frankfurt/Main, um an der »Schule für freie und angewandte Kunst« zu studieren. Wegen der Verteilung kommunistischer Flugblätter wird Heinz wieder verhaftet. Ricarda vernichtet vor ihrer gemeinsamen Flucht nach Prag all ihre Fotoserien und Heinz’ architektonische Entwürfe. Von Prag reisen sie weiter in die Schweiz, nach Ungarn und schließlich im August 1933 nach Palästina.

Ricarda, die 1999 in Jerusalem starb, konvertierte nie zum Judentum und lernte nie wirklich Hebräisch. Doch sie wurde zu einer der führenden Bild-Chronistinnen Israels. Gemeinsam mit dem ebenfalls aus Deutschland emigrierten Alfred Bernheim schuf sie fotografische Ikonen der israelischen Zeitgeschichte, Porträts von Golda Meir, Yizhak Rabin, Martin Buber, Schmuel Joseph Agnon. Ihr verdanken wir auch die schönsten Porträts der Philosophin Hanna Arendt, mit deren Ehemann Heinrich Blücher Ricarda und Heinz seit ihren Exiltagen in Prag befreundet waren. Die Ausstellung widmet dieser Freundschaft und den Fotos von Hannah Arendt einen ganzen Raum.

Heinz und Ricarda Schwerin wären wahrscheinlich erstaunt, Thema einer Ausstellung zu sein. Tom Segev und Jutta Schwerin erinnern sich beide, dass Ricarda, die nach dem Tod ihres Mannes zunächst ein Kinderheim eröffnete und erst Mitte der 50er-Jahre wieder in ihren Beruf als Fotografin zurückkehrte, jede Form der Bauhaus-Nostalgie ablehnte. Tom Segev: »Für sie war das Bauhaus eine persönliche Erinnerung einer jungen Frau, eine tiefe Erfahrung, die sie ihr Leben lang begleitet hat. Aber eben etwas anderes als das, was die Kunsthistoriker später beschrieben haben.«

Was Bauhaus wirklich bedeutete, hat Jutta Schwerin erst verstanden, als sie 1961 Israel verließ und nach Stuttgart an die Akademie der Bildenden Künste kam, um dort Innenarchitektur zu studieren: »1963 hat der Architekt Herbert Bayer, der auch für die Nazis gearbeitet hatte, in Stuttgart eine Ausstellung über das Bauhaus gemacht. Den Ausstellungskatalog habe ich gekauft und meiner Mutter geschickt. Und sie sagte: ›Das haben wir damals als Experimente gemacht, und nun wird es als große Kunst dargestellt.‹ Das hat sie gewundert.«

»Chanan Frenkel, Ricarda und Heinz Schwerin – Vom Bauhaus nach Palästina«. Bauhaus Dessau, bis 13. Oktober.

Jutta Schwerin: »Ricardas Tochter. Leben zwischen Deutschland und Israel«. Spector, Leipzig 2012, 320 S., 19,90 €

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