Alfred Döblin

Zweifach entwurzelt

von Harald Loch

75 Jahre Exil sind zu viel, sagte sich Stephan Doblin, der jüngste und letzte überlebende Sohn von Alfred Döblin, als im vergangenen Jahr dessen 50. Todestag be‐ vorstand. Seit 1933 waren die Werke seines Vaters nicht mehr angemessen publiziert worden. Erst wurden sie von den Nazis verbrannt, nach dem Krieg wurde ihr Autor vom deutschen Publikum verschmäht. Nach einer kurzen Phase mit ordentlich edierten Neuausgaben im Schweizer Walter Verlag wurde das Werk von den deutschen Nachfolgern stiefmütterlich behandelt. Gäbe es nicht die Taschenbücher bei dtv, wären die Werke des vor 130 Jahren, am 10. August 1878 geborenen Alfred Döblin nur noch in den Bibliotheken von Literaturwissenschaftlern zu finden. Die stellen seine Romane in eine Reihe mit Kafka, Dostojewski oder Joyce und betonen ihren stilprägenden Einfluss auf die deutsche Nachkriegsliteratur, in der sich von Arno Schmidt bis Ingo Schulze viele auf Döblin beziehen.
Der 82‐jährige Stephan Doblin betrieb den Wechsel der Verlagsrechte mit der Dynamik und dem Geschick, die ihn als Spitzenmanager, zuletzt als Finanzvorstand bei Renault, zeitlebens ausgezeichnet hatten. Er berichtet stolz, wie ihm in der für solche Vorgänge erstaunlich kurzen Zeit der Wechsel zu dem alten Hausverlag seines Vaters gelang: Seit dem 1. Juli liegen die Rechte wieder bei S. Fischer. Im September werden dort zehn Bände mit Romanen Döblins erscheinen, darunter auch Die drei Sprünge des Wang‐lun, mit dem 1914 die Zusammenarbeit mit dem Verlag begann. Sie endete vor 75 Jahren, als Döblin aus Deutschland fliehen und S. Fischer die Veröffentlichung jüdischer Autoren einstellen musste.
Stefan Doblin hat jetzt begonnen, für seine Enkelkinder die dramatische Flucht der Döblins vor den in Frankreich heranrückenden Deutschen 1940 aufzuschreiben. Als Vierzehnjähriger hatte er seine Mutter bei ihren verzweifelten Gängen zu Dienststellen und Konsulaten begleitet, bis – „alles musste binnen einer Woche passieren“ – das Ausreisevisum aus dem besiegten Frankreich, die Durchreisevisa durch Spanien und Portugal und das Einreisevisum für die USA sowie das nötige Fahrgeld beschafft waren. Stephan Doblin berichtet von der kultivierten Gesetzes‐ übertretung eines französischen Generals, von barmherziger Großzügigkeit anonymer Geldgeber, von der Resignation seines Vaters und der lebenserhaltenden Dynamik der Mutter.
Ein wichtiger Wendepunkt im Leben von Alfred Döblin fällt in diese Fluchtzeit in Frankreich: seine Wende zum Katholizismus. Aufgewachsen war Döblin in einer assimilierten jüdischen Familie. Religion spielte für ihn keine Rolle, obwohl er 1904 an Else Lasker‐Schüler geschrieben hatte, dass er „vielleicht einmal sehr gläubig“ werden würde. Das Pogrom im Berliner Scheunenviertel 1923, als ein nationalistischer Mob Wohnungen und Geschäfte eingewanderter Ostjuden verwüstete, veranlasste Döblin, sich intensiver mit seiner jüdischen Herkunft auseinanderzusetzen. Im Herbst 1924 trat er eine zweimonatige „Entdeckungsreise“ in die Zentren jüdischen Lebens in Osteuropa, nach Warschau, Wilna, Lemberg und Krakau an und kehrte tief beeindruckt von der dort angetroffenen Frömmigkeit zurück. Seine Erlebnisse fasste er in dem Buch Reise in Polen (1925) zusammen. Verstärkt widmete Döblin danach auch seine politischen und religiösen Schriften der „Judenfrage“. Im Exil, zunächst in Zürich, dann in Paris, wurde Döblin Mitbegründer der „Ligue juive pour la colonisation“, nachdem er bereits in Berlin in der O.R.T. („Organisation, Reconstruction, Travail“) gearbeitet hatte, die damals eine Ansiedlung der Juden in Angola befürwortete.
Es ist viel spekuliert worden, warum Alfred Döblin im amerikanischen Exil 1941 mit Frau und Kindern zum Katholizismus übertrat. Er selbst datierte den Zeitpunkt seiner Bekehrung auf den Sommer 1940 in der Kathedrale von Mende, einer Kleinstadt am Rande der Cevennen, in die der Schriftsteller sich auf der Suche nach seiner Familie verirrt hatte. In seinem Buch Schicksalsreise liefert der studierte Psychiater Döblin mitten in seinen theologischen Gedankengängen eine Art ärztliche Erklärung: „Der Mann, der als Mediziner es eigentlich wissen sollte, befindet sich in einem physiologisch und psychischen unnormalen Zustand…“ Dann fährt er, nunmehr in bekennender Ich‐Form fort: „Ich war wirklich unterernährt … Eine gewisse halluzinatorische Erregtheit stellte sich sogar ein …“ An anderer Stelle schreibt Döblin: „Zwei Wochen in ruhiger Umgebung, bei ausreichender Nahrung würden genügen, den Mann von seiner Theologie zu befreien.«
Doch diese ruhige Umgebung und eine materiell auskömmliche Existenz sollte Alfred Döblin bis zu seinem Tode im Jahr 1957 nicht mehr erleben. Im November 1945 kehrte er nach Deutschland zurück, in französischer Offiziersuniform, als Literaturinspekteur der französischen Militärverwaltung zunächst in Baden‐Baden und später in Mainz. Er hatte gehofft, erinnert sich sein Sohn, „die früher auch in Deutschland beheimatete europäische und humanitäre Gesinnung an ihren alten Platz“ stellen zu können. Eine „mission impossible“, sagt Stephan Doblin. „Mein Vater war Emigrant, galt als Jude, hatte die französische Staatsangehörigkeit. Auf so einen hörte man seinerzeit in Deutschland nicht.“
Eine Rolle dabei spielten alte Bekannte Döblins, wie Gottfried Benn, den er seit 1929 gut kannte. Im März 1933 hatte Benn, damals begeisterter Nazianhänger, eine Loyalitätserklärung aller Mitglieder der Preußischen Akademie der Künste gegenüber der Hitlerregierung verlangt. Döblin, der bereits nach Zürich geflohen war, erklärte darauf seinen Austritt aus der Akademie. Als Benn Anfang 1947 an einer neuen Literaturzeitschrift mitarbeiten wollte, scheiterte das Projekt seinetwegen. „Wer hat das verfügt?“, schrieb Benn an seinen Förderer Friedrich Wilhelm Oelze. „Der Leiter der betr. Abteilung in der franz. Zone. Wer ist das? Herr Döblin, mein 3facher Kollege: Berliner Schriftsteller, Berliner Arzt und Kollege aus der Dichterakademie. Er sitzt als Franzose im Rang eines Oberstleutnants in Baden‐Baden …“ Noch drastischer äußerte sich Ernst Jünger in einem Brief an Gerhard Nebel vom 8. Mai 1949. Er schrieb von „gewissen Emigrantenkreisen“, die sich einen „geistigen Naturschutzpark im Schatten der Bajonette geschaffen“ hätten. Aber, so Jünger triumphierend: „Schon nähern sich die schönen Zeiten ihrem Ende, in denen sie zugleich Zensoren und Autoren waren, wie etwa im Falle Döblin.“
In der Tat: Alfred Döblin, der Bestsel‐ lerautor der Weimarer Republik, der mit Berlin Alexanderplatz den ersten deutschen Großstadtroman geschrieben hatte, wurde in Westdeutschland zur literarischen Persona non grata, konnte keinen Verleger mehr finden. Sein Roman Hamlet erschien 1956 nur in der DDR. Tief enttäuscht verließ Döblin 1953 die Bundesrepublik und kehrte nach Frankreich zurück. Vier Jahre später, 1957, starb er an der Parkinson‐Krankheit.

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