Hamburg

Zwei Angebote, ein Ziel

von Heide Sobotka

Das „A“ ist Annas Lieblingsbuchstabe. Vorsichtig führt sie ihren Stift von rechts oben nach links unten. Setzt oben wieder an und zieht den Strich nach rechts unten. Das Hütchen verbindet sie in der Mitte. Das A ist fertig. Anna ist gerade vier Jahre alt geworden. Larisa und Anatoli Levit, ihre Großeltern, sind am Freitagnachmittag in das Gebäude der Unesco‐Schule an der Altonaer Straße gekommen, um zu fragen, ob Anna in einem Jahr in der jüdischen Schule aufgenommen werden kann.
Es ist Tag der offenen Tür. Sibylle Stoler, Herz und Initiatorin der jüdischen Joseph‐Carlebach‐Schule in der staatlichen Ganztagsschule begrüßt alte Bekannte, stellt sich neuen Eltern vor und heißt sie willkommen. Im ersten Stock des roten Backsteingebäudes von 1884 mitten im Multikulti‐geprägten Hamburger Schanzenviertel hat die Joseph‐Carlebach‐Schule zwei Räume, eine Bleibe, ein Zuhause. Vor zweieinhalb Jahren, als die jüdische Schule der Gemeinde schließen musste, waren die letzten verbliebenen Schüler hier untergekommen. „Es war eine Notlösung und wurde zu einem kleinen Juwel“, sagt der Konrektor der Unesco‐Schule, Eckhard Krallmann.
Krallmann ist auf einen kleinen Plausch vorbeigekommen, um zu schauen, wie es denn so läuft. Im Schulbetrieb, das bestätigt der unkompliziert wirkende End‐Vierziger, läuft es gut. Die jüdischen Kinder besuchen in den Sachkundefächern den Unterricht der Unesco‐Schule, für jüdische Geschichte, Religion, Hebräisch die jüdische Schule. In den Pausen spielen alle gemeinsam auf dem Schulhof.
Sibylle Stoler ist diese Mischung wichtig. Die Schüler integrieren sich in eine multikulturelle deutsche Gesellschaft und in die jüdische. Das ist genau die Mixtur, die auch Elena Keshvari für ihre Tochter Anastassia sucht. Elena notiert sich die Unterrichtszeiten, fragt nach Fächerangebot, Klassengröße und ob Anastassia von zu Hause abgeholt werden kann. Viel hat sie schon von ihren Nachbarn gehört, die ihr Kind auch auf die Joseph‐Carlebach‐Schule schicken. Sie legen großen Wert auf gute Erziehung, gute Lehrer und gute Atmosphäre.
Unbefangenheit herrscht an diesem Schulschnuppertag. Maxim kommt hereingestürmt, die Haare von Schweiß ganz verklebt. „Ich bin doch der Spielmann“, erklärt er außer Atem, läuft rüber zur Mutter, mopst sich einen Keks, erzählt Sibylle schnell etwas und ist wieder draußen.
Kurze Wege zwischen Schülern und Lehrern, Eltern und Lehrern bilden die Grundlage für ein gutes Miteinander. „Probleme werden sofort gelöst“, sagt Stoler. Diese sind vor allem sozialer Natur, die Schule ist für die meisten Familien ein Ratgeber für vieles. Die meisten Eltern leben von der Grundsicherung, sie leben zwischen zwei Gesellschaftssystemen, zwischen zwei Sprachen. „Wenn ich höre, die Zuwanderer haben sich integriert, staune ich immer wieder“, sagt Stoler. „Alte Wertesysteme und Gesellschaftsregeln sind noch so tief in den Zuwanderern verwurzelt, dass sie ihre Kinder fast überfordern.“ Die Carlebach‐Schule dient hier auch als Ausgleich, als Ruhepol, als Entspannungsfaktor. Schulbusfahrer, einige Eltern und Lehrer unternehmen mit den Kinder Ausflüge, Freizeiten, die die Kinder sonst nicht hätten.
Anna hat den ganzen Trubel um sich herum kaum wahrgenommen. Eifrig hat sie ihren Tu‐Bischwat‐Baum mit einem grünen dichten Laubdach versehen, aus dem rote Früchte herausblinzeln und den Stamm schwarz angemalt. Die Großeltern haben alles erfahren, was ihnen wichtig war. Als Andenken nimmt sich Anna eine selbst gebastelte Channukia mit.
Zwei Tage später: Pavlo Olennikov möchte seinen Sohn Patrick gern an der Schule der jüdischen Gemeinde anmelden. Auch sie trägt den Namen Joseph Carlebachs. Ihre Räume hat sie in der altehrwürdigen Talmud‐Tora‐Schule am Grindelhof. Sie lädt am Sonntag zum Tag der offenen Tür, um neue Schüler zu gewinnen. Im Foyer des ersten Stockwerks haben sich die Erstklässler vor einer Tafel versammelt und stellen den Eltern die Buchstaben des deutschen Alphabets und die Monate des jüdischen Kalenders in Stabreimen vor. Schülereltern und die, die es werden wollen sind beeindruckt, wie selbstbewusst die Winzlinge hier agieren.
Mark und Margarita Inger sind gekommen, um ihren fünfjährigen Sohn Ari anzumelden. Sie legen Wert auf die ganzheitliche Erziehung, die die Schule bieten kann. Denn hier werden die Kinder in allen Fächern zusammen unterrichtet. Jüdische Themen können dabei fächerübergreifend wie aktuell zu Tu Bischwat auch in den Sachkundeunterricht mit einfließen. Jüdische Feiertage werden generell im Deutsch‐ oder Geschichtsunterricht eingebunden. „Wir wollen möglichst viele außerschulische Lernorte“, erklärt Schulleiter Heinrich Hibbeler. So fahren die Kinder schon einmal zum Sachkunde‐
unterricht ins Planetarium. Auch die Joseph‐Carlebach‐Schule in der Trägerschaft der jüdischen Gemeinde beruft sich auf die Pädagogik des Hamburger Rabbiners.
Im einstigen und wieder aufkeimenden jüdischen Grindelviertel sieht Hibbeler dazu auch die Chance gegeben. Es ist heute das Hamburger Universitätsviertel. Mit dem Tag der offenen Tür möchte Hibbeler auch die hier lebenden nichtjüdischen Familien für seine Schule begeistern. In Zeiten von Jugendkriminalität und -gewalt könnte die Carlebach‐Schule für viele Eltern eine attraktive Alternative sein. Für Margarita Inger ist dieser Aspekt ein weiteres Argument, Mark hier anzumelden. Doch sowohl für Familie Olennikov wie für die Ingers ist der lange Schulweg noch ein Problem. Beide Familien wohnen in Billstedt, einem Bezirk mit 70 Prozent Ausländeranteil, aber preiswerten Wohnungen. Da beide Eltern jedoch inzwischen Arbeit gefunden haben, wollen sie umziehen.
Sieben, acht neue Namen von Familien, die ihre Kinder gerne für die Vor‐ oder erste Klasse der Schule anmelden möchten, kann sich Heinrich Hibbeler heute auf seinem Zettel notieren. Die Eltern haben sich das Gebäude genau angeschaut, sich von den Lernmöglichkeiten überzeugt, gesehen wie sich die Kinder an Sprossen‐ und Kletterwand im Bewegungsraum austoben können und den großen Kreativraum begutachtet, in dem der Kunst‐ und Musikunterricht stattfinden soll. Zwei junge Lehrerinnen und zwei Sozialpädagogen betreuen die Kinder mit großem Engagement.
Ohne dies geht es in beiden Schulen nicht. Sie tragen denselben Namen und haben zum Teil auch dieselben Nöte. Denn Geld ist immer ein wichtiger Schlüssel, eine solche Schulform anbieten zu können. Die Schule in der Unesco‐Schule wird von einem Förderverein und einer Stiftung getragen. Die Schule im Talmud‐Tora‐Gebäude von der Gemeinde und durch Schulgeld. Beide verfolgen dasselbe Ziel, Kindern Judentum zu vermitteln und sie zu selbstbewussten Juden zu erziehen.
Doch ihre Klientel ist verschieden. In der Altonaer Straße ist diese eher jüdisch liberal, häufig alleinerziehend und sozial noch auf wackligen Beinen stehend. Die Eltern im Grindelhof sind sozial arrivierter, religiös konservativer. Aber alle wollen in Hamburg eine jüdische Schule für ihre Kinder unterstützen.

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