Moldawien

Zusammenspiel

von Jonathan Scheiner

Der Besucher auf dem jüdischen Friedhof der moldawischen Kleinstadt Edinets sieht aus wie Doktor Schiwago. Er trägt Schnauzbart, Pelzmütze und einen schwarzen Mantel. Aber es ist nicht Omar Sharif, der die „Straße des Holocaust“, wie der Weg durch das ehemalige Schtetl heißt, zu den alten jüdischen Grabsteinen gegangen ist. Es handelt sich um den Klesmerforscher Zev Feldman. Begleitet wird er von seinen Kollegen Alan Bern und Bob Cohen. Alle drei haben Vorfahren, die aus Moldawien stammen, dem ehemaligen Bessarabien. Doch wegen ihrer Familiengeschichte sind sie nicht nach Edinets gekommen. Die Reise ist Teil des „Other European“-Projects, das Gemeinsamkeiten zwischen Klesmer und der Lautarimusik der Roma zu ergründen sucht. In deren Repertoire hat sich hier, im hintersten Eck von Europa, jiddische Musik erhalten, von der man dachte, sie sei in der Schoa untergegangen. Feldman, Bern, Cohen und 22 weitere Musiker und Forscher wollen den Lautarispielern zuhören, wenn sie eine Doina oder eine Hora spielen, sie fragen, wie das war, als ihre Großväter zusammen mit jüdischen Musikern auf Hochzeiten und anderen Festen aufspielten.
„Bis heute bezeichnet das Wort Klesmer in dieser Region nicht nur jüdische, sondern ganz allgemein alle Musiker, die auf Festivitäten spielten“, sagt Alan Bern. „In der Vergangenheit gab es keine Trennung zwischen Roma und Juden. In dieser Region haben die beiden Gruppen auch fröhlich untereinander geheiratet.“ Bern, der Gründer der Klesmer‐Band Brave Old World und Chef des Festivals „Yiddish Summer“ in Weimar, ist der Leiter des „Other European“-Projects.
Die Idee dazu entstand vor zwei Jahren beim Yiddish Summer Weimar, als die moldawische Wissenschaftlerin Diana Bu‐nea einen Vortrag über die Gemeinsamkeiten von Klesmer und Lautari in ihrer Heimat hielt. Alan Bern und seine Kollegen beschlossen, nach Nordmoldawien zu reisen. Damit es nicht zu theoretisch würde, plante man auch gemeinsame Konzerte ein, um hörbar zu machen, wie die Musik von damals geklungen haben muss. Bei den Klesmer‐Festivals in Krakau, Wien und Weimar standen bereits Lautari‐ und Klesmermusiker gemeinsam auf der Bühne, darunter der Trompeter Paul Brody und der Klarinettist Christian Dawid. Aus Moldawien kamen der Geiger Marin Bunea, der Klarinettist Adrian Receanu oder der Zimbel‐Spieler Kalman Balogh, die in ihrer Heimat zu den besten Musikern zählen. „Die Lautari sind echt abgehärtete Jungs“, sagt Brody anerkennend. „Sie sind es gewöhnt, nicht nur, wie hierzulande, anderthalb Stunden in einem Konzertsaal zu spielen, sondern oft anderthalb Tage am Stück.“
Gelernt haben die Klesmerspezialisten von den Roma auch einiges über ihre eigene Musik. „Das jüdische Repertoire wurde im Allgemeinen expressiver, im Sinne einer größeren emotionalen Tiefe gespielt“, resümiert Alan Bern. „Der Hauptgrund dafür liegt vermutlich in der Verbindung der Klesmermusik mit Kantorenmusik, und die ist nun mal langsam.“ Das wird auch für Bern Folgen haben. „Zu Beginn des Klesmerrevivals waren wir jung und wollten schnelle Musik mit Drive spielen. Inzwischen denke ich, dass wir zum Gebet zurückkehren sollten, wenn wir Klesmer spielen, denn die Verknüpfung von Klesmer und kantoraler Musik hat immer bestanden.“
Für ihre Arbeit haben die Klesmerforscher Unterstützung von der Europäischen Union bekommen, die das Forschungsprojekt zwei Jahre lang finanziell gefördert hat. In Weimar hat der Oberbürgermeister ein Schulgebäude kostenfrei zur Verfügung gestellt, das künftig ganzjährig für Forschung und Seminare zum Thema genutzt werden soll. Der Deutsche Musikrat hat den Klesmerforschern einen Preis für „interkulturelles, generationenübergreifendes Musizieren“ verliehen.
Nicht nur wissenschaftlich und musikalisch haben die Moldawienreisen für die Projektteilnehmer Früchte getragen, auch emotional. Bei einem seiner Besuche hat Alan Bern die Geschichte des letzten Juden in der Heimatstadt seines Vaters, Vertujeni, gehört. Als der alte Mann 2002 nach Israel auswanderte, standen die Nachbarn vor ihren Häusern und weinten. Einer sagte zum Abschied: „Wenn der letzte Jude die Stadt verlässt, dann geht mit ihm die Zivilisation.“ Wo hört man in Europa heute noch so schöne Sätze über Juden?

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