Waffenforschung

Zukunft sichern

von Wladimir Struminski

An Israels 60. Geburtstag darf sich Jitzchak Ben‐Israel ein Gefühl der Genugtuung gönnen. Schließlich hat er entscheidend zur Zukunftssicherung des Landes beigetragen. Der am 26. Juli 1949 – sechs Tage nach Ende des Unabhängigkeitskrieges – Geborene war nämlich im Laufe von drei Jahrzehnten maßgeblich an der Entwicklung israelischer Wehrtechnik beteiligt. Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn stieg er zum Befehlshaber des Forschungs‐ und Entwicklungswesens der israelischen Streitkräfte auf und anschließend, im Range eines Generalmajors, zum Chef des Forschungs‐ und Entwicklungsdirektorats im Verteidigungsministerium – Aufgaben, die weitaus wichtiger sind als diejenigen der meisten Regierungsmitglieder. Für seine Arbeit wurde ihm zweimal der begehrte Preis für Israels Sicherheit verliehen: 1972 für die Entwicklung eines Bombenzielsystems für Kampfjets und 2001 für ein neues Konzept zukünftiger Kriegsführung.
Wie wichtig der brillante Wissenschaftler aus der Sicht der Armee war, lässt sich auch an einem scheinbar banalen Vorfall erkennen. 1988 erlaubten ihm die Streitkräfte, seinen Doktorgrad zu machen – allerdings nicht auf dem Gebiet kriegswichtiger Naturwissenschaften, sondern in Philosophie, Spezialgebiet Modallogik. Dem begnadeten Erfinder dies zu verwehren, erschien seinen Vorgesetzten einfach zu riskant.
Seit 2002 ist Ben‐Israel Zivilist, Professor und Leiter des Programms für Sicherheitsstudien an der Universität seiner Heimatstadt Tel Aviv. Im Juni 2006 rückte er auf der Liste der Kadima‐Partei für den ins Staatspräsidentenamt gewählten Shimon Peres in die Knesset nach. Seitdem darf er nur noch mit Sondererlaubnis und ohne Gehalt lehren, sind doch Parlamentariern Nebenjobs grundsätzlich untersagt. Damit kann er leben: „Ich möchte zur Bildung der nächsten Generation beitragen“, erklärt er seine nunmehr freiwillige Lehrtätigkeit, zu der auch noch das Amt des Vorsitzenden der israelischen Raumfahrtagentur hinzukommt – ebenfalls unbezahlt. Da müsse er doch, wirft der Besucher ein, auf eine Arbeitszeit von 70 Stunden die Woche kommen. Der bebrillte, milde wirkende Intellektuelle überlegt. „Ich habe nie nachge‐ rechnet. Wahrscheinlich etwas mehr.“ Auch damit kann er leben: „Ich arbeite, wie ich schon immer gearbeitet habe.“
Den wichtigen Mann kehrt Ben‐Israel dennoch nicht hervor. Sowohl für seine Sekretärin als auch für die Doktorandin, die seinen Rat sucht, ist er einfach Itzik. Die Bescheidenheit scheint Programm zu sein: itzik@knesset.gov.il lautet auch seine E‐Mail‐Anschrift im Parlament.
Die Arbeitsstunden, die Ben‐Israel und seine Kollegen in neue Technologie investiert haben, machen sich bezahlt. Heute gehört Israel nach Ben‐Israels Einschätzung neben den USA und Frankreich zu den drei innovativsten Nationen der Welt – vor Großbritannien, das vor allem amerikanische Waffen kaufe, vor Deutschland, das seine Möglichkeiten auf dem Gebiet zur Waffenentwicklung nur begrenzt einsetze, und vor Russland, das, so der israelische Experte, der Weltspitze um 20 Jahre hinterherhinke. Das ganze Spektrum der Wehrtechnik deckt Israels Rüstungsindustrie wohlgemerkt nicht ab. Das würde die Möglichkeiten des kleinen Landes übersteigen. Auf wichtigen Gebieten aber, ob Raketenabwehr, Präzisionsbomben, unbemannte Flugzeuge oder Kommando‐ und Kontrolltechnik für das Schlachtfeld, werden Israels Produkte weltweit bewundert – und gekauft. Israelische Konzepte waren Ausgangspunkt der heute vor allem von den USA vorangetriebenen „Revolution of Military Affairs“. Damit wird eine zukunftsweisende Neuorientierung der Streitkräfte bezeichnet, die modernste Waffen, Kommunikation und Kampfdoktrin umfasst. Israelische Erfindungen haben auch hohe Relevanz für die Terrorismusbekämpfung, von der Abwehr raketengestützter Bedrohung des Westens durch Schurkenstaaten ganz zu schweigen.
Wie aber hat den Zwerg Israel den Sprung in die Riege der Technologieriesen geschafft? Die häufig geäußerte These, Israel sei unter dem Zwang des 1967 von Frankreich verhängten Waffenembargos zu einer Hochburg der Militärtechnologie mutiert, weist Ben‐Israel zurück. „Israel wurde nicht von Charles de Gaulle, sondern von David Ben‐Gurion als Technologienation begründet“, sagt der Forscher zur Jüdischen Allgemeinen. Bereits im Mai 1949 habe der Staatsgründer Wissenschaft und Forschung zu den Grundsteinen der Landesverteidigung gezählt. Auf der Grundlage von Ben‐Gurions Vision machten führende Wissenschaftler das Land zu einer Oase der Technologie. Von der Wehrtechnik – sie kommt im Übrigen nicht nur bei der Entwicklung neuen Kriegsmaterials, sondern auch im nachrichtendienstlichen Bereich zur Geltung – hat auch die zivile Wirtschaft profitiert. Wenn Israel heute eine Elektronikgroßmacht und der weltweit zweitwichtigste Standort für Start‐up‐Firmen ist, so ist das vor allem der Armee zu verdanken. Und dies nicht nur durch Rüstungsaufträge der Armee. Vielmehr verlassen Jahr für Jahr erfahrene und im Wortsinne kampferprobte Ingenieure die Streitkräfte und wenden sich dem Zivilmarkt zu. „Ohne die militärischen Wurzeln bliebe vom israelischen Hightech‐Sektor nicht viel übrig“, glaubt Ben‐Israel.
Indessen warnt er davor, den Erfolg als eine Selbstverständlichkeit zu betrachten. Auch künftig müsse Spitzentechnologie auf Grundlagenforschung beruhen. Die im vergangenen Jahrzehnt wegen verknappter Hochschuletats entstandene Forschungsflaute sieht er mit großer Sorge. Zwar versuche die Armee, den Nachschub neuer Ideen durch Forschungsfinanzierung an Hochschulen zu sichern, doch könne der Verteidigungshaushalt die zivilen Mittel nicht ersetzen. Deshalb hofft der Ex‐General, dass die 2007 erstmals seit langer Zeit wieder erhöhten Hochschulzuwendungen der Beginn einer positiven Trendwende sind. Als Knessetmitglied hat der Professor nun die Möglichkeit, direkt ins parlamentarische Geschehen einzugreifen, um seiner Sorge Ausdruck zu verleihen. Ob sich seine Ideen auf dem Minenfeld der Politik wohl genauso bewäh‐ ren wie auf dem Kriegsschauplatz? Wenn ja, hat er sich bald einen weiteren Preis verdient.

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