Reformjudentum

»Zorn Gottes«

von Detlef David Kauschke

Mitglieder der Reformbewegung »Israel Movement for Progressive Judaism« haben am Mittwoch vergangener Woche bei der Tel Aviver Polizei Anzeige gegen den ehemaligen sefardischen Oberrabbiner von Israel, Mordechai Eliahu, erstattet. Anlass waren dessen Äußerungen am Holocaust-Ge- denktag. Eliahu hatte in einem Interview mit dem religiösen Piratensender »Kol Haemet« (Stimme der Wahrheit) den Holocaust und die Entstehung der Reformbewegung in Zusammenhang gebracht. Die Opfer der Schoa seien unschuldig gewesen, aber die Reform habe ihren Ausgang in Deutschland genommen. Da der »Zorn Gottes« nicht zwischen Gerechten und Ungerechten unterscheide, seien sie für die Sünden der Reformbewegung bestraft worden. »Wir lernen daraus, dass es verboten ist, zu versuchen, das Judentum zu verändern«, er-
klärte der 78-Jährige.
»Dies ist nicht nur eine Verunglimpfung der Opfer, sondern auch eine Beleidigung der Reformbewegung«, sagte der Tel Aviver Rabbiner und Rechtsanwalt, Gilad Kariv, der Jüdischen Allgemeinen. »Es gibt eine rote Linie, die man nicht überschreiten darf. Wir sind in Israel eine kleine Bewegung, aber wir werden dazu nicht schweigen.« Kariv betont, dass die Anzeige nicht im Namen einer Organisation, sondern von Einzelpersonen erstattet wurde. Einer von ihnen ist Michael Sheizaf. Der 68-Jährige aus Ramat Hascharon, Mitglied der Darchei-Noam-Reformgemeinde, ist Überlebender der Schoa. Er sagte der Allgemeinen: »Ich finde es empörend, dass ein ehemaliger Oberrabbiner behauptet, dass der Holocaust nicht die Tat der Nazis, sondern eine Strafe Gottes war.«
Auch von offizieller Seite gab es Protest. Premierminister Ehud Olmert hat sich von Eliahus »verletzenden« und »unberechtigten« Äußerungen distanziert. »Die Reformbewegung ist ein vitaler und dynamischer Teil des modernen Judentums. Die Regierung und das Volk Israels schätzen ihren Beitrag zum jüdischen Leben in Israel und der Diaspora«, versicherte Olmert in einem Schreiben an die Führung der Weltunion für das progressive Judentum. Der Vorsitzende der Jewish Agency, Zeev Bielski, erklärte, er sei schockiert, dass Eliahu den Holocaust und die Reformbewegung in Verbindung gebracht habe. Dies trage zur Spaltung und sinnlosem Hass innerhalb des Judentums bei.
Anwalt und Rabbiner Gilad Kariv sieht kaum Chancen, den ehemaligen Oberrabbiner (1983-1993) zur Verantwortung zu ziehen. Er sei pensioniert und nicht mehr im öffentlichen Dienst, deshalb auch mit disziplinarrechtlichen Mitteln nicht zu belangen. Die Leugnung des Holocaust oder die allgemeine Verunglimpfung von Opfern stelle in Israel keinen Straftatbestand dar, die Chancen für eine Beleidigungsklage seien gering. »Das Mindeste, was wir erreichen wollen, ist, dass Rabbiner Eliahu vor der Polizei erscheinen und dort zu seiner Aussage Stellung nehmen muss.«

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