Jüdisches Museum

Zeitgenössisch kontrovers

von Miryam Gümbel

Auf dem Jakobsplatz bestaunen die Münchner die neue Synagoge, aber auch die beiden anderen Gebäude. An den Fenstern des kleinsten der drei Komplexe ist seit einigen Tagen zu lesen: Jüdisches Museum München. Eröffnung 22. März 2007.
Die Spannung, was dort zu sehen sein wird, ist groß. Dass eine Affinität zu dem weltbekannten New Yorker Jewish Museum besteht, ist eine der wenigen Dinge, die bereits bekannt sind. Denn Bernhard Purin, Gründungsdirektor des Jüdischen Museums in München, sieht sein Haus in der Tradition der New Yorker Institution. So hatte die Literaturhandlung in Zusammenarbeit mit dem Haus der Kunst und dem Jüdischen Museum eingeladen zu einem Podiumsgespräch mit dem Titel „On the Crest of a New Wave – Das Jüdische Museum und die Avantgarde“. Am Podium saßen neben Bernhard Purin Emily D. Bilsky, Tom F. Freudenheim und Stephanie Rosenthal.
Schon die Auswahl dieser Runde war ein Stück Antwort auf das gewählte Thema. Emily D. Bilsky aus Jerusalem ist Kunsthistorikerin. Von 1985 bis 2004 war sie Kuratorin des Jewish Museum in New York. Seit 2005 ist sie Gastkuratorin des Jüdischen Museums München. Tom F. Freudenheim aus Washington ist Kunsthistoriker. Er war von 1961 bis 1966 Kurator des Jewish Museum in New York, von 1971 von 1978 Direktor des Baltimore Art Museum, später arbeitete er unter anderem als stellvertretender Direktor des Jüdischen Museums Berlin. Stephanie Rosenthal ist Kunsthistorikerin und seit 2000 als Kuratorin für zeitgenössische Kunst im Haus der Kunst in München zuständig.
Die dort gezeigte und gerade zu Ende gegangene Ausstellung „Black Paintings“ führte die Besucher der Gesprächsrunde sozusagen im Vorübergehen schon ganz plakativ ein in das Thema Avantgarde und Jüdisches Museum. Denn auch am Jakobsplatz herrscht Aufbruchsstimmung, ebenso wie es die Künstler der Nachkriegsjahre in New York empfanden. Manche dieser Künstler, deren Werke jetzt im Haus der Kunst zu sehen waren, wurden seinerzeit nicht nur im Stadtteil Greenwich Village gezeigt, sondern auch im New Yorker Jüdischen Museum.
Dieses hatte sich unter seinem Direktor Alan Solomon (1959–1965) zu einem der wichtigsten Ausstellungsorte amerikanischer Gegenwartskunst entwickelt. Weltbekannte Namen dabei sind Jasper Johns, Robert Rauschenberg, Barnett Newman oder Ad Reinhardt. Auch die „Black Paintings“ verschiedener Maler wurden dort gezeigt.
Die Aufbruchsstimmung, die sich in den „Black Paintings“ zeigte, manifestierte sich nicht nur in der Malerei. Sie erfasste auch Musik, Theater und Literatur. Die Bewegung beeinflusste die Kunst des 20. Jahrhunderts maßgeblich.
Tom F. Freudenheim schilderte temperamentvoll und anschaulich, wie sich Museum und Künstler damals in New York aufeinander einließen – und wie das Publikum das Miteinander von Präsentation jüdischer Geschichte und der künstlerischen Umsetzung der Gedankenwelt der Gegenwart akzeptierte.
Diese Zweigleisigkeit, die heute im New Yorker Jewish Museum an der Fifth Avenue ganz selbstverständlich aufgenommen wird, wurde behutsam und zugleich zielgerichtet fortgesetzt. Ihre Erfahrungen von dort will Emily D. Bilsky jetzt auch in München einbringen. Zeitgenössische kontroverse Künstlerpositionen sollen auch hier die Gegenwartskunst als Spiegel und Seismograph zeitgenössischen Denkens zeigen.
Bernhard Purin möchte gemeinsam mit seinen Mitarbeiterinnen auch in München das Wagnis eingehen, kontroverse zeitgenössische Künstlerpositionen zu zeigen. Das sei eine der Möglichkeiten, um Denkanstöße zu geben. Mit der Beschreibung der wegweisenden New Yorker Epoche der 60er Jahre und damit der Anfänge auch des dortigen Jewish Museum erlebten die Besucher der Gesprächsstunde im Haus der Kunst bereits ein Stück der Perspektiven, wie sie sich die Verantwortlichen des Münchner Museums am Jakobsplatz vorstellen.

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