Peru

Wurzeln aus Kautschuk

von Hans‐Ulrich Dillmann

Wer Ende des 19. Jahrhunderts nach Iquitos im peruanischen Amazonasgebiet reisen wollte, brauchte Zeit. Insgesamt 18 Tage dauerte die Fahrt von Europa aus. Zu‐ erst landete der Reisende mit einem Überseedampfer im brasilianischen Belén de la Pará. Danach mußte er sich in einem kleinen doppelstöckigen Dampfer über den Amazonas mit Zwischenstation in Manaus nach Iquitos schippern lassen. Aus der peruanischen Hauptstadt Lima dagegen dauerte die beschwerliche Anreise über die Anden per Pferd, zu Fuß und dann in kleinen Ruderbooten mehr als zwei Monate. Iquitos war das peruanische Zentrum des Kautschukbooms und zog Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben an. Alfredo Coblentz war 1880 einer der ersten und einer der wenigen deutschstämmigen Juden, die ihr Glück als Zwischenhändler für den Milchsaft aus dem Gummibaum versuchten.
„Die ersten Juden, die nach Iquitos kamen, waren Menschen, denen man ein besseres Leben versprochen hatte“, sagt Ariel Segal über die Hintergründe für die weite Reise von Nordafrika nach Peru. „Viele flohen auch aufgrund von Antisemitismus im damaligen Marokko“, hat der Universitätswissenschaftler während seines Forschungsprojektes über Iquitos herausgefunden. In seinem Buch Jews of the Amazonas. Self‐Exile in Earthly Paradiese hat er die Geschichte der „vergessenen Juden“ aufgeschrieben.
Vom Gummifieber gepackt, folgten rund 250 vorwiegend sefardische Juden aus Rabat, Marakesch, Tetuan und Casablanca in den Jahren 1880 bis Anfang des 20. Jahrhunderts dem Beispiel Alfredo Coblentz’. Als der Synthetikgummi erfunden wurde, endete der Traum vom ökonomischen Glück im Dschungel.
„Die meisten sind nach Ende des Kautschukbooms um 1912 wieder weggegangen“, sagt Jorge Abramovitz, der derzeitige Präsident der 1909 gegründeten jüdischen Wohlfahrtsgesellschaft „Sociedad de Beneficiencia Israelita de Iquitos“. In ihr sind die wenigen in der Amazonas‐Provinz noch verbliebenen Nachfahren der ehemaligen jüdischen Einwanderer organisiert.
Abramovitz lebt vier Häuser vom Plaza de las Armas entfernt, dem Hauptplatz von Iquitos. In dem hellblau gestrichenen Kolonialbau mit den hohen Räumen betreibt er einen Matratzenhandel. „Das Haus“, sagt er stolz, „ist in den Farben Israels gestrichen.“ Jorge Abramovitz’ aus Polen stammender Vater Zew kam Mitte der 30er Jahre aus Palästina und versuchte sich als Goldsucher in den Amazonas‐Zuflüssen, später als Lederhändler und Stoffimporteur. Im Hinterhof hat Abramovitz’ Frau Rivka einen kleinen Zoo eingerichtet. Kleine Affen hangeln sich keifend von Stange zu Stange. Rot, gelb, blau und grün gefederte Papageien knabbern an Bananen, ein Loro, plappert munter drauflos – auch dann, wenn sich im Nebenraum die jüdische Gemeinde zu Kabbalat Schabbat in der improvisierten Hinterhofsynagoge trifft, die durch einen Vorhang vom übrigen Haus abgetrennt ist.
Derzeit kommen jeden Freitagabend rund 50 Gemeindemitglieder zum Gebet. Der weiß gestrichene Raum wird über eine Treppe aus dem zweiten Stock betreten. Braungestrichene Mahagonistühle, einige blaue plastikgepolsterte Sitzbänke, ein schlichter Tisch mit einer israelischen Fahne, eine Reproduktion eines tanzenden Rebben und eine Tafel mit hebräischen Buchstaben schmücken den Betsaal. „Das Gebetbuch hat uns wieder zusammengebracht“, sagt Miguel Bensús. Der 24jährige ist der Vorbeter. „Wir helfen uns gegenseitig, denn in den Jahrzehnten ist hier vieles, was Jüdischsein ausmacht, verloren gegangen“, sagt der Chemiestudent. Eine dicke Silberkette mit Davidstern hängt um seinen Hals. Seine Kippa legt Miguel Bensús auch auf der Straße und in der Uni‐ versität nicht ab.
Die Geschichte von Miguel Bensús wirft ein Schlaglicht auf die Historie der „vergessenen Juden von Iquitos“. Sein Urgroß‐vater wanderte aus Nordafrika ein und heiratete eine Einheimische. Zwar wurde die Mehrzahl der Nachkommen jüdisch erzogen und beschnitten, doch waren sie halachisch keine Juden“, sagt Bensús. In den katholischen Schulen herrschte Gottesdienstzwang. Wer nicht zur Sonntagsmesse erschien, wurde mit schlechten Noten abgestraft. „Viele haben jüdische Bräuche und katholische Riten und Geschichten verinnerlicht und vermischt. Andere haben im Gestrüpp der äußeren Einflüsse ihre Wurzeln ganz verloren.“
Der jüdische Friedhof liegt am Rande des katholischen Friedhofs, das Tor mit dem blauen Magen David ist von einer eisernen Gliederkette versperrt. Miguel Bensús steht am Grab seines Urgroßvaters Abrahams Bensús Benamú. „Es gibt zwar einen jüdischen Friedhof, der inzwischen als peruanisches Nationalerbe unter Kulturschutz gestellt worden ist“, sagt Gemeindevorsitzender Abramovitz, „aber es gab niemals eine Synagoge. Niemand hat eine Erklärung dafür.“
Erst in den 40er und 50er Jahren begannen sich die Nachfahren der jüdischen Einwanderer wieder auf ihre Wurzeln zu beziehen. Auf Initiative von Victor Ederig bildete sich dann in den 60er Jahren eine Gemeinde, die sich zu Gottesdiensten traf – in Ederigs Kneipe „La Sirena“. Ederigs Kinder Ederigs haben längst Alija gemacht. „Aber Don Victor ist es zu verdanken, daß es heute noch ein Gemeindeleben gibt“, kommentiert Abramovitz.
„Iquitos war eine Welt für sich“, sagt Rabbiner Guillermo Bronstein, der in der peruanischen Hauptstadt Lima lebt. Der Gemeinderabbiner der konservativen „Asociación Judía de Beneficencia y Culto de 1870“ in Lima besuchte 1991 das erste Mal die Juden in Iquitos. Danach begann eine neue Etappe für die jüdischen Nachfahren. „Damals lebten noch zwischen 30 und 40 Familien dort. Manche mit Urgroßeltern, Großeltern, Neffen und Cousinen bis zu 15 Personen in einer Familie und weit im Urwald verstreut“, erzählt der Rabbiner. „Ihnen schlug ich vor, zum Judentum überzutreten, sofern ihre Abkommenschaft von einem jüdischen Elternteil nachvollziehbar sei.“ Ein Großteil akzeptierte den von Bronstein vorgeschlagenen Weg zu den jüdischen Wurzeln. Jeden Freitag sollten sich die Konversionswilligen zum Gottesdienst zusammenfinden. Bronstein schickte Fotokopien von Gebetbüchern und Werken über das Judentum.
Die Gemeinde begann eine Aufstellung jüdisch stämmiger Personen in der Region zu machen. „In der dritten oder vierten Generation mußten sich die Namen der jüdischen Vorfahren aus Marokko finden. Wir haben das sogar mit Hilfe eines katholischen Pfarrers und mit den Gemeinden in Marokko überprüft“, beschreibt Bronstein die Kriterien. Fast zehn Jahre später endete die „jüdischen Spurensuche“ für 98 Iquitos‐Bewohner mit einem festlichen Gottesdienst und für die nicht beschnittenen Männer mit der rituellen Beschneidung. „Wir hatten extra einen Mohel aus den USA kommen lassen“, erzählt Bronstein. Vor zwei Jahren traten während eines Festaktes in einem Hotel von Iquitos weitere 240 Nachfahren jüdischer Einwanderer zum Judentum über. „Fast alle sind inzwischen nach Israel ausgewandert“, sagt Abramovitz. Einige sind inzwischen auch nach orthodoxem Ritus konvertiert.
Wer einen kundigen Stadtführer wie Abramovitz in seiner Begleitung hat, findet noch zahlreiche Spuren der einstigen jüdischen Bewohner von Iquitos. Nur knapp 50 Meter von seinem Geschäft entfernt bleibt der Schaumstoffhändler stehen und weist auf ein einstöckiges Eckgebäude hin, daß fast ein Viertel des Häuserblocks einnimmt. In der „Casa Cohen“ deckten sich die Bewohner der Umgebung mit Baumaterial, Haushaltswaren und Lebensmitteln ein, bevor sie wieder in ihre Weiler am Flußufer des Amazonas zurückkehrten.
Die spanischen Kacheln an der Hauswand zeugen vom Reichtum der ehemaligen jüdischen Besitzer. „Das Handelshaus ‚Casa Israel‘ war in der ganzen Region bekannt“, erzählt Abramovitz. Mit eigenen Schiffen holten sie den Kautschuk bei den Sammlern im Urwald ab und versorgten sie mit allem, was sie für ihr Leben in der Wildnis und ihr Überleben brauchten. „Über Jahrzehnte war das ‚Casa Israel‘ das höchste Haus Iquitos, und über Jahrzehnte regierten jüdische Bürgermeister die Stadt.“
Die Juden von Iquitos haben sich in der Synagoge zum Gottesdienst eingefunden. Die kleine Gemeinde singt auf Hebräisch. „Wir wollen bleiben und unsere Jüdischkeit hier leben“, sagt Jorge Abramovitz.

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