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George Whyte

»Wir steuern auf eine Katastrophe zu«

von Ingo Way

Er liebe Berlin, erzählt der freundliche ältere Herr in seiner Suite im Hotel Kempinski am Kurfürstendamm. Zwar habe er fast seine gesamte Familie in Auschwitz verloren, weshalb er bis heute keine deutschen Produkte kaufe. Aber »Berlin ist nicht Deutschland. Berlin ist international«. Und zu Deutschland habe er ohnehin inzwischen ein besonderes Verhältnis. »Ich frage mich selbst, warum ich mich ausgerechnet in Deutschland so vollkommen zuhause fühle.«
George Whyte, in Ungarn geboren, mit seinen Eltern während der Nazizeit nach Großbritannien emigriert, ist Vorsitzender der 1993 in Bonn gegründeten Dreyfus Gesellschaft für Menschenrechte und Toleranz. Seit über zwanzig Jahren beschäftigt sich Whyte in wissenschaftlichen und literarischen Werken, in Theaterstücken und Opernlibretti mit der Person des jüdischen Artilleriehauptmanns Alfred Dreyfus, der in Frankreich 1894 fälschlich der Spionage beschuldigt und nach einer antisemitischen Kampagne zu langjähriger Verban-
nung verurteilt worden war, ehe er im Jahr 1906 rehabilitiert wurde.
Der Name Dreyfus sei ihm zum ersten Mal im Alter von fünf oder sechs Jahren begegnet, sagt Whyte, als sein Vater ihm von der Dreyfus-Affäre erzählte. Diese sei ein Beispiel dafür, »wie eine westlich-demokratische Gesellschaft einen Menschen zerstört, nur weil er ein Jude ist«. Neben mehreren historischen Werken schlug sich Whytes Beschäftigung mit Dreyfus in seiner »Dreyfus-Trilogie« nieder, bestehend aus der Oper »The Dreyfus Affair« (1994 an der Deutschen Oper in Berlin uraufgeführt, mit anschließenden Gastspielen in Basel und New York), dem Tanz-Drama »J’accuse« (Oper der Stadt Bonn, 1994) und dem satirischen Musical »Rage and Outrage«.
Whyte hat im Laufe seiner langjährigen Beschäftigung mit Alfred Dreyfus und der Dreyfus-Affäre ein umfangreiches Archiv aufgebaut, das nicht nur historische Dokumente zur Affäre selbst, sondern auch zu den politischen und kulturellen Rahmenbedingungen im damaligen Frankreich versammelt. Eine Frucht dieses Archivs ist der 2005 im britischen Wissenschaftsverlag Palgrave/Macmillan erschienene Band »The Dreyfus Affair. A Chronological History«, in dem Whyte die historischen Fakten sowie die europa- und weltpolitischen Bezüge ausbreitet, angefangen mit der Deklaration der Menschen- und Bürgerrechte von 1789, endend mit den Nachwirkungen der Dreyfus-Affäre bis ins Jahr 2007. Denn die Affäre, sagt Whyte, ist immer noch nicht vollständig aufgeklärt.
Um diesem Mangel abzuhelfen, ist es Whytes Wunsch, das Dreyfus-Archiv nach Berlin zu bringen und dort institutionell fest zu verankern. Ein Zentrum für Antisemitismusstudien soll an das Archiv angebunden und eine Doktorandenstelle geschaffen werden, so dass ein junger Nachwuchswissenschaftler Gelegenheit be- kommt, die dunklen Stellen der Affäre Dreyfus aufzuklären. Erste Gespräche mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland und der Jüdischen Gemeinde zu Berlin haben bereits stattgefunden. Auch das Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin habe Interesse gezeigt, das Dreyfus-Archiv in seine bestehenden Strukturen einzugliedern. Noch ist aber nichts entschieden.
Warum also Deutschland, warum Berlin? »Deutschland ist das einzige Land in Europa, das über eine wissenschaftliche Infrastruktur zur Erforschung des Antisemitismus verfügt«, sagt Whyte. »Außerdem«, fügt er hinzu, »ist Berlin die Stadt, in der die Stimme des jüdischen Volkes zum Schweigen gebracht wurde. Ich möchte, dass diese Stimme in Berlin wieder vernehmbar wird.« In Deutschland seien die antijüdischen und antiisraelischen Ressentiments lange nicht so heftig wie in den meisten anderen europäischen Ländern, meint Whyte. Er schätzt, dass etwa 20 Prozent der Deutschen wirklich aus der Geschichte gelernt haben und dem Antisemitismus ernsthaft entgegen treten.
Aber kann denn Aufklärung über den Antisemitismus überhaupt etwas bewirken? Whyte überlegt. »Ich bin zutiefst pessimistisch, was die Zukunft der Juden betrifft. Das Vorurteil über die Juden ist nach 2000 Jahren antijüdischer Indoktrination durch das Christentum so tief in der europäischen Psyche verwurzelt, dass man es nicht innerhalb einer Generation auflösen kann. Vielleicht überhaupt nie. Nun kehrt es mit Macht zurück. Zum einen, weil das Dritte Reich immer länger zurückliegt. Zum anderen hängt es sich an Israel auf, dem angeblichen ‚Nazi-Staat‘. Ich glaube wirklich, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern. Hitler musste die Juden noch mühsam aus ganz Europa zusammensuchen, um sie zu vernichten. In Israel haben wir heute fünf Millionen Juden auf einem Fleck. Und mit den modernen Massenvernichtungswaffen ...«
Dennoch ist Whytes gesamtes Werk von dem Gedanken getragen, dem Antisemitismus durch historische Wahrheit entgegenzuwirken. Ob er nicht insgeheim doch optimistisch sei, dass die Geschichte sich nicht wiederholt? »Wie kann ich denn optimistisch sein, worauf soll mein Optimismus beruhen? Wenn man sich die 200 Jahre vor der Schoa ansieht, müsste man eigentlich optimistisch sein. Es gab die Judenemanzipation, es gab Bürgerrechte und Gleichheit, es gab Heine, Mahler, Schönberg. Die Pogrome in Russland schienen weit weg. Und dann kam die Schoa. Ich will damit nicht sagen, dass die Aufklärung zur Judenvernichtung geführt hat. Aber die Aufklärung hat sie zugelassen. Das Vorurteil ist unausrottbar.«
Auch die Juden selbst wollten die Gefahr oft nicht wahrhaben, beklagt Whyte. Die berüchtigte jüdische Lobby gebe es gar nicht. Leider. Genau wie während der Nazizeit wollten viele Betroffene das drohende Unheil nicht sehen. Ein Grund dafür sei der jüdische Wunsch, von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Mit allzu schrillen Warnungen wolle man nicht unangenehm auffallen.
Bei Vorträgen und in Gesprächen macht Whyte die Erfahrung, dass den Zuhörern sein Pessimismus unangenehm ist. Der Vorwurf der Paranoia hängt bisweilen in der Luft. Seine Antwort darauf lautet stets: »Ich soll paranoid sein? Nach sechs Millionen Toten?« Sein jüngstes Stück, an dem er seit fünf Jahren schreibt, heißt »Golem 13«. Darin breitet er eine düster-apokalyptische Vision aus, spielend in Jerusalem 100 Jahre in der Zukunft. »Dafür werde ich bestimmt erschossen«, lacht Whyte. »Kommen Sie bitte zur Premiere. Ich erwarte den Schuss, wenn ich den Applaus entgegennehme. Was für ein Abgang! Endlich auf den Titelseiten sämtlicher Zeitungen!«

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