Gavriel Holtzberg

»Wir sind isoliert«

Herr Rabbiner, wie offen ist die indische Gesellschaft für Juden? Gibt es Attacken oder Antisemitismus?
holtzberg: An diesem Schabbat habe ich das zum ersten Mal erlebt. Ich ging mit einer Gruppe Juden zur Synagoge, da rief jemand: »Hey Jews! You kill Palestinians!« Das war das allererste Mal, seit ich hier bin.

In Deutschland steht vor jeder Synagoge Polizei, und es gibt viele Sicherheitsvorkehrungen für jüdische Einrichtungen. Brauchen Sie das hier auch?
holtzberg: Eigentlich nicht. Wenn wir große Veranstaltungen haben, treffen wir ein paar Vorkehrungen und haben Polizeischutz. Aber eine Rundumüberwachung der Synagogen, das gibt es bei uns nicht.

Sind Sie als Rabbiner nur für die Juden von Chabad Lubawitsch zuständig?
holtzberg: Da es keine anderen Rabbiner hier gibt, werde ich auch von den anderen gefragt. Wir versuchen, das Gemeindeleben wiederzubeleben. Gerade erst haben wir eine neue Mikwe gebaut.

Auch wenn die jüdischen Gemeinden in der Stadt wachsen, sind Juden in Indien eine sehr kleine Minderheit.
holtzberg: Meistens gilt: Was wenig ist, hat mehr Qualität. Deshalb hat Gott die Juden zu einer Minderheit gemacht.

Wie schwer ist der Alltag hier? Woher bekommen Sie koschere Lebensmittel?
holtzberg: Wir machen alles selbst. Ich bin der Schochet, ich schlachte Hühnchen, wir verteilen sie in der Gemeinde. Und meine Frau bäckt jeden Tag Brot. Nur so kommen wir an koscheres Essen.

Bevor Sie vor zwei Jahren hierherkamen, war die Rabbinerstelle 50 Jahre unbesetzt. Woher bekam die Gemeinde damals koschere Produkte?
holtzberg: Vorher gab es dafür keine Standards. Viele Familien haben einfach kein Fleisch gegessen. Jetzt haben sie die Möglichkeit dazu und können nicht mehr so viele Kompromisse machen. Vieles, was mit dem Judentum zu tun hat, wussten sie nicht.

Was für Kompromisse machen Sie, um als Jude in Bombay zu leben?
holtzberg: Der Kompromiss ist, das wir alles in diesem Haus machen müssen. Und wir haben hier keine Freunde.

Führen Sie ein isoliertes Leben?
holtzberg: Ja, wir sind isoliert. Wer ins Ausland geht, um Juden das Judentum näherzubringen, lässt Verwandte und Freunde zurück. Das ist ein Opfer. Ich sehe meine Fa- milie in New York nur einmal im Jahr.

Wie ist die Entwicklung in der Gemeinde? Haben Sie viele Hochzeiten, Geburten, was tut sich für die Zukunft?
holtzberg: Wir haben Hochzeiten, wir haben Geburten. Es ist bei uns wie in einer ganz normalen Gemeinde.

Gibt es eine jüdische Schule oder einen jüdischen Kindergarten?
holtzberg: Wir planen für nächstes Jahr die Eröffnung eines Kindergartens. Eine jüdische Schule gibt es noch, aber 98 Prozent der Schüler sind Muslime, nur zwei Prozent sind jüdisch. Das Einzige, was die Schule jüdisch macht, ist, dass sie am Schabbat und an jüdischen Feiertagen geschlossen ist.

Warum leben Sie in einem Hotel? Wollen Sie nicht lange in Bombay bleiben?
holtzberg: Nein, das Hotel ist an einem guten Platz, und wir haben ein Apartment. Wir bleiben. Genau genommen bleiben wir alle hier, bis der Messias kommt.

Das Gespräch führte Daniela Siebert.

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