Heinz-Galinski-Schule

»Wir sind erwachsen geworden«

von Anke Ziemer

Die Schüler, Lehrer und Eltern der Heinz-Galinski-Schule haben wahrlich allen Grund zur Freude: Ein weiteres Schuljahr ist zu Ende gegangen, die meisten Abgänger werden ihre Laufbahn auf Berliner Gymnasien fortsetzen, und die Schule feierte am 3. Juli mit einem Fest ihren 20. Geburtstag. Zu den rund zweihundert Gratulanten gehörten neben Eltern, Gemein-
derepräsentanten, Rabbinern und Bezirkspolitikern auch der ehemalige Direktor Jakov Levi, viele Wegbegleiter und Freunde, Vertreter von befreundeten Schulen aus der Nachbarschaft sowie den jüdischen Schulen in Düsseldorf, Frankfurt am Main und Halberstadt. Die Schulleitung, das Kollegium und die Schüler der sechsten Klassen präsentierten mit einer Dia-Schau, mit Musikdarbietungen, mit Grußworten und einem Theaterstück 20 Jahre Jüdische Grundschule in Berlin. In einer zweistündigen Gala schlugen sie den Bogen von den schwierigen Anfängen bis hin zum gegenwärtigen Schulalltag.
Die ersten Überlegungen kamen 1983 auf. Die damalige Gemeinde bestand überwiegend aus Holocaustüberlebenden und ihren Kindern sowie rund 3.000 russischen Zuwanderern. Die Zahl der Sterbefälle überstieg die Geburtenzahlen, das Bewußtsein für jüdische Identität fehlte weitgehend. Die Zweifel, daß eine jüdische Schule erfolgreich sein könnte, waren also groß. Selbst der damalige Gemeindevorsitzende Heinz Galinski befürchtete zunächst neue Isolation, zudem gab die Senatsverwaltung für Bildung dieser Idee kaum eine Chance. »Auch ich hatte anfangs große Bedenken«, erinnert sich Jael Botsch-Fitterling, langjährige Repräsentantin der Gemeinde. »Aber der Wunsch einiger Eltern, ihre Kinder mögen jüdisches Leben, wenn schon nicht zu Hause, dann wenigstens in einer Schule lernen, hat mich schließlich überzeugt.«
Im August 1986 startete die jüdische Grundschule in der Bleibtreustraße mit 25 Kindern, dem Direktor Micha Barkol und den Lehrerinnen Maria Tschernigow und Evelyn Zwicker-Uebelguenn. Die Elternschaft beobachtete die ersten Schuljahre skeptisch, doch die Unsicherheit wich bald. Die Zahl der Schüler und der Lehrer wuchs, so daß Ende der Achtziger in der Großen Hamburger Straße eine Filiale eröffnet wurde. Im September 1995 konnten Schüler, Lehrer und Eltern das Provisorium verlassen und in den von Zwi Hecke entworfenen Neubau an der Waldschulallee 73 einziehen.
»Wir sind erwachsen geworden, wir haben Barmizwa und Pubertät hinter uns«, faßte die Direktorin Ronit Vered die 20jährige Geschichte augenzwinkernd zusammen. »Wir fühlen uns wie eine große Familie und sind sehr stolz auf unsere Schule.« Das ursprüngliche Konzept, erarbeitet von Micha Barkol, hat sich bewährt: Die Verbindung von säkularer und religiöser Bildung kombiniert mit Sprachkenntnissen in Hebräisch. »Wenn ich sehe, wie lebenslustig die Schüler hier sind, dann hatte meine Arbeit Sinn«, sagt Jakov Levi, der die Schule 1989 mit 49 Schülern übernahm und bis 1994 leitete. »Damals haben wir noch um jedes Kind, um jedes Elternpaar und um die staatliche Anerkennung gekämpft, aber unsere Saat ist aufgegangen.«
Wie familiär es heute in der Heinz-Galinski-Grundschule zugeht, demonstrierten die Sechstkläßler, die sich in ihrem Theaterstück »Einer fehlt« um das Wohlergehen der Bibliothekarin Ilou Hanke sorgten. Denn Rachel, Dana und Josie fanden einen Zettel, der nichts Gutes verhieß. Mit Hilfe zweier Privatdetektive und viel Unterstützung durch die zuschauenden Eltern beantworteten sie die Fragen zur Geschichte der Schule und zu ihrem Na-
mensgeber Heinz Galinski, so daß sie ihre Bibliothekarin noch rechtzeitig »retten« konnten.
Wie beim offiziellen Festakt, so dominierte bereits am Tag zuvor beim Sommerfest die ausgelassene Stimmung. Auch in diesem Jahr verköstigten die Eltern alle Gäste mit israelischen und russischen Speisen, mit Kaffee und Kuchen und sorgten mit Hüpfburg, Zauberer und Clown und einem Fußballturnier auch bei den Kindern für Spaß und Heiterkeit.
Anläßlich des 20jährigen Jubiläums waren auch viele Ehemalige dabei, so daß es für viele von ihnen zu einem langersehnten, oder aber unverhofften Wiedersehen kam. »An einige Gesichter kann ich mich gar nicht mehr erinnern«, gesteht Miron Kropp, als er vor den alten Einschulungsfotos steht. »Deshalb freue ich mich um so mehr, wenn ich hier ehemalige Klassenkameraden treffe.« Der heute 26jährige gehörte zu den ersten Kindern des Jahrgangs 1986 und erinnert sich noch immer gern an seine Schulzeit, »obwohl es mit den Kenntnissen in Hebräisch und Religion nicht so gut geklappt hat wie erhofft.«
Trotz der Feierlaune geriet die aktuelle Situation nicht völlig aus dem Blick. »Es bleibt noch viel zu entwickeln«, deutete Ronit Vered die Frage nach der Zukunft Schule an. »Die meisten Eltern haben immer an uns geglaubt. Ich hoffe, daß es die Gemeindepolitiker auch tun und sich zu ihr bekennen.« Sie sei ein kleines Wunder und verkörpere die Hoffnung auf eine selbstbewußt jüdische Jugend, sagte der Gemeindevorsitzende Gideon Joffe. »Sie besitzt enorme Bedeutung nicht nur für die Gemeinde, sondern auch für die Stadt. Aber die stagnierenden Zahlen wird der Vorstand zum Anlaß nehmen, das Konzept auf den Prüfstand zu stellen.« Durch die Eröffnung der zweiten jüdischen Grundschule durch Chabad Lubawitsch im vergangenen August hat die Heinz-Galinski-Schule Konkurrenz bekommen.
Erschwerend kommt hinzu, daß Ronit Vered ihre Position als Direktorin kurzfristig zum neuen Schuljahr aufgibt – aus familiären Gründen und völlig unverhofft, wie Schuldezernent Peter Sauerbaum am Rande des Festaktes bekräftigte. Der Posten ist ausgeschrieben und soll zum Februar 2007 mit einer Lehrkraft, die das deutsche Schulsystem durchlaufen hat sowie gute Kenntnisse in Hebräisch und den judaistischen Fächern aufweist, besetzt werden.

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