Adam Michnik

„Wir haben für Freiheit gekämpft“

Herr Michnik, haben Sie 1968 mit Steinen auf Milizionäre geworfen?
michnik: Mit Steinen?

Oder vielleicht Polizeiautos angezündet?
michnik: Nein, ich habe eine Obsession gegen Gewalt. Ich komme ja aus einem sehr linken, sogar kommunistischen Milieu. Da lag schon früh die Frage nach dem Stalin‐Terror und dessen Ursachen auf der Hand. Wer mit Gewalt eine Bastille stürmt, hat oft kein anderes Ziel, als neue Gefängnisse zu bauen. Davor hatte ich immer Angst.

Aber war das 1968 ein Thema in Polen? Gewalt im politischen Kampf einzusetzen, so wie in den USA und Westeuropa?
michnik: Wir haben das diskutiert, ja. Als ich 1969 aus dem Gefängnis kam, wollte mich ein Bekannter davon überzeugen, dass unsere Studentenbewegung nur deshalb gescheitert sei, weil wir keine Polizeiautos angezündet hätten. Aber ich war immer dagegen. Keine gewalttätige Bewegung endet friedliebend und tolerant.

In Polen protestierten die Studenten 1968 gegen die Absetzung eines Theaterstücks. Konnte man damit das System verändern? Was war daran revolutionär?
michnik: (lacht) Adam Mickiewicz ist ein Sacrum! Unseren großen Freiheitsdichter rührt man nicht an! Das Ganze eskalierte nur, weil die Partei die Warschauer Studenten mit Gewalt auseinandertrieb, weil sie mit Repressionen antwortete. Daraufhin geriet die ganze studentische Welt Polens in Aufruhr.

Der Protest brach auch Ihretwegen aus. Was war passiert?
michnik: Anfang März 1968 ließ mich der Bildungsminister gegen jedes Recht von der Uni feuern. Ohne jede Begründung! Aus und vorbei mit dem Studium!

Ohne jeden Grund?
michnik: Ich hatte schon vorher Probleme. Die Opposition an der Uni gab es bereits seit einigen Jahren. Als die Partei 1965 die Uni‐Assistenten Jacek Kuron und Karol Modzelewski verhaften ließ, war dies der Wendepunkt. Auch ich landete für kurze Zeit hinter Gittern. Wir begannen uns dann zu organisieren. Als 1968 die „Totenfeier“ abgesetzt wurde, demonstrierten wir gegen die Zensur. Ich flog von der Uni und wurde wieder verhaftet.

Warum gerade Sie?
michnik: Henryk Szlajfer und ich hatten im Januar 1968 dem Warschauer Le‐Monde‐Korrespondenten von den Studentenprotesten erzählt und vom Parteiaustritt der Professoren Brus und Bauman. Das waren damals wichtige Leute an der Uni. Darauf erschien in Le Monde ein Artikel, der uns im März zum Vorwurf gemacht wurde. Wir seien Querulanten, würden ständig die Hochschulgesetze brechen und seien daher von der Uni zu werfen.

Wie ging es weiter?
michnik: Ich saß anderthalb Jahre im Gefängnis. Dann musste ich zwei Jahre als Schweißer arbeiten. Die Partei wollte, dass ich Polen verlasse. Aber ich wollte nicht. Erst später erlaubten sie mir, als Externer an der Uni Posen mein Studium zu beenden.

Nach der Studentenrevolte inszenierte die polnische KP im März 1968 eine antisemitische Hetzkampagne. Mehr als 15.000 Juden und Intellektuelle mussten Polen verlassen. Woher kam plötzlich wieder der Antisemitismus in Polen?
michnik: Der 68er‐Antisemitismus in Polen erfüllte zwei Aufgaben. Zum einen diente er der Parteisäuberung. Zum anderen hoffte der nationalistische Flügel in der Partei auf einen Popularitätszugewinn im traditionell antisemitisch eingestellten Lager der nationalen Rechten, der sogenannten Endecja. Auch der Sechstagekrieg Israels spielte eine Rolle. Offiziell unterstützte Polen die proarabische Linie Moskaus. Gegner im parteiinternen Machtkampf konnten mit der antiisraelischen Rhetorik leicht zur Strecke gebracht werden.
Spielte der Prager Frühling eine Rolle?
michnik: Durchaus! Die polnischen Kommunisten hatten Angst, dass das Tauwetter bei den Nachbarn wie eine Welle in den eigenen Apparat schwappen könnte, mit völlig unabsehbaren Folgen. Also schlugen sie mit voller Kraft auf die demokratisch‐liberale Intelligenz ein. Das bleibt ein Schandfleck in der polnischen Geschichte. Niemals zuvor und niemals danach hat sich eine kommunistische Partei den Antisemitismus auf ihre Fahnen geschrieben.

Nach dem März 1968 emigrierten viele Juden aus Polen, gezwungenermaßen, manche auch freiwillig. Haben Sie nie daran gedacht, ebenfalls zu emigrieren?
michnik: Als sie mich im Gefängnis fragten: „Emigrieren Sie nach Israel?“, habe ich geantwortet: „Ja, einen Tag, nachdem Sie nach Moskau emigriert sind.“ Das war doch eine Frechheit. Wie kann man einen Menschen so etwas fragen? Mein Platz ist hier. Das ist mein Land. Mein Vaterland.

Man konnte für Polen auch viel vom Ausland aus tun, oder?
michnik: Seit Hitler meine Eltern und Großeltern, meine ganze Familie als Juden qualifizierte, die sich für den Ofen eignen, gebe ich niemandem das Recht, mich so zu qualifizieren.

Sie sagten einmal, dass die Studentenrevolte im Westen nichts anderes gewesen sei als ein „Generationenerlebnis“. Sehen Sie das heute immer noch so?
michnik: Ja, für meine Altersgenossen im Westen war der Hauptbezugspunkt der Vietnamkrieg. Für uns war es die Tschechoslowakei. Das ist ein prinzipieller Unterschied. Wir haben für die Freiheit gekämpft. Die Studenten im Westen hingegen kämpften gegen den Kapitalismus. Für uns waren die Hauptfeinde die in Warschau und Moskau regierenden Kommunisten, nicht aber die USA und deren Krieg gegen Vietnam.

Eines Ihrer Bücher trägt den Titel „Wut und Scham“. Sie beschreiben darin den langen Kampf Polens um die Freiheit. Denken Sie nicht, dass die protestierenden Studenten im Westen das Gleiche fühlten?
michnik: Es gab sicher auch Ähnlichkeiten zwischen unseren Studentenrevolten. Mental und emotional. Nur führte der Protest in Polen niemals zur Barbarei, zur Vernichtung von Bibliotheken wie in Berkeley oder zum Terrorismus wie in Deutschland. Aber ich habe das damals noch nicht so verstanden. Mich schmerzte vor allem die fehlende Sensibilität für die Prozesse der Demokratisierung in Mittel‐ und Osteuropa. Nicht einmal nach der Intervention der Warschauer‐Pakt‐Staaten in der Tschechoslowakei gab es im Westen eine große antisowjetische Demonstration. Das war für mich unglaublich bitter.

Was für Folgen hatte die 68er‐Studentenrevolte in Polen?
michnik: Zunächst hatten wir 1968 verloren. Aber zweieinhalb Jahre später fiel das Régime Gomulkas durch die Streiks der polnischen Arbeiter an der Ostseeküste. Sechs Jahre später entstand das Komitee zur Verteidigung der Arbeiter (KOR). Wieder vier Jahre später entstand die Gewerkschaft Solidarnosc. Und neun Jahre darauf hatten wir ein freies Polen. In diesem Sinne fällt die Bilanz positiv aus. Andererseits sind der An‐ tisemitismus und der Hang zum Autoritären und Megalomanen immer noch sehr lebendig. Der Antisemitismus wird heute nicht mehr von Parteikommunisten verbreitet, sondern von Geistlichen wie Pater Tadeusz Rydzyk und Radio Maryja.

Was bleibt?
michnik: Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die einmal erkämpfte Demokratie nicht auf ewig gegeben ist. Wir müssen sie jeden Tag aufs Neue verteidigen.

Das Gespräch führte Gabriele Lesser.

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