Einwanderungsland

»Wir brauchten die Neueinwanderer«

Herr DellaPergola, ist Israel ein Modell für gelungene Integration?
dellapergola: Ich denke ja. Es ist einmalig im Vergleich mit anderen Ländern, die eine hohe Zahl von Immigranten aufgenommen haben, vor allem im Verhältnis zur Zahl der vorher im Land lebenden Bevölkerung. 1948, als der Staat gegründet wurde, hatte Israel 600.000 Einwohner. Im Laufe der folgenden 60 Jahre sind mehr als drei Millionen Menschen eingewandert, das sind fünfmal so viele wie ursprünglich im Land lebten. Verglichen mit Deutschland hieße das, die Bundesrepublik müsste in den kommenden 60 Jahren 400 Millionen Migranten aufnehmen!

Warum ist die Integration in Israel so erfolgreich?
dellapergola: Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, dass die Einwanderung bei uns ein wirkliches Projekt ist. Anders als in vielen Ländern waren Zuwanderer bei uns willkommen, sie wurden gebraucht und waren integraler Bestandteil beim Aufbau des Landes. Das Konzept unserer Gesellschaft war die Integration. Das Motto hieß: »Die Sammlung der Zerstreuten und ihre Mischung untereinander«. Dieses Projekt bedeutete, wir sind alle gleich und Teil der Gesellschaft, die wir gemeinsam aufbauen. Das ist das Ideal. Die Wirklichkeit sieht manchmal anders aus.

Wie sieht sie aus?
dellapergola: Es war oft so, dass Menschen in Krisen- und Gefahrensituationen ausgewandert sind. Das heißt, sie kamen unvorbereitet, und Israel musste sie aufnehmen. Das war besonders in den ersten Jahren so. Eine weitere Schwierigkeit ist die sozialökonomische Charakteristik der Einwanderer: Es fällt auf, dass der Großteil der jüdischen Elite einer Diaspora-Gemeinde lieber in andere Länder und nicht nach Israel auswanderte. Das führte dazu, dass Israel überdurchschnittlich viele Einwanderer aufnahm, die sozial sehr bedürftig und oft auch nicht gut ausgebildet waren. Zwar stimmt auch, dass es unter ihnen sehr viele Traditionalisten und Idealisten gab, die äußerst motiviert waren, aber der Staat musste sehr viel investieren, um das soziale Kapital zu entwickeln, das ins Land kam.

Welche Fehler hat Israel im Laufe der Geschichte bei der Integration der Neueinwanderer gemacht?
dellapergola: Man sollte eher von Dilemmas sprechen, die es gegeben hat. Da ist vor allem die Politik der Bevölkerungsverteilung. Die alteingesessene Bevölkerung Israels konzentrierte sich hauptsächlich in der Mitte des Landes, um Tel Aviv, einer Gegend, die am weitesten entwickelt war. Die Neueinwanderer wurden vor allem an der Peripherie angesiedelt, im Norden und Süden, im Galil und im Negev. Dadurch waren sie benachteiligt. Es ist besser, in der Nähe von Tel Aviv zu wohnen, wo es viele Einkaufsmöglichkeiten und Arbeitsplätze gibt, als in Dimona oder Migdal Ha’emek. Ein weiteres Problem ist die Frage, ob man Einwanderer aus derselben Gegend gemeinsam an einem Ort ansiedelt, oder ob man sie bewusst verteilt. Man hat sich in Israel für die Konzent-ration an bestimmten Orten entschieden. Das hat im Laufe der Jahre dazu geführt, dass, wer irgend konnte, die Randgebiete verlassen hat. Diejenigen, die dort bleiben, laufen Gefahr, Ghettos zu bilden. Wichtig wäre also, dass Israel seine Peripherien entwickelt.
Welche Gruppe von Immigranten war die größte Herausforderung für die israelische Gesellschaft?
dellapergola: Vielleicht die Russen, sie sind die größte Einwanderergruppe. Seit 1990 kamen etwa eine Million. Sie machen heute rund 20 Prozent der Gesamtbevölkerung Israels aus. Das ist eine unglaubliche Herausforderung, aber auch ein Risiko, dass die Gruppe eine Art Fremdkörper im Land bleibt. Doch dies glaube ich nicht. Allerdings braucht es Zeit, bis sie sich assimiliert haben. Vermutlich wird es mindestens eine, oder gar zwei, drei Generation dauern. Aber bei allen Problemen muss man sagen: Die meisten russischen Neueinwanderer waren hoch qualifiziert, sie haben Israel einen unglaublich starken wirtschaftlichen Impuls gegeben.

Das Gespräch führte Tobias Kühn.

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