Yoram Kaniuk

Wiederauferstanden

von Christian Buckard

Jeff Goldblum packt einen mit einem weißen Laken umhüllten Jungen an den Armen, reißt ihn vom Zaun fort und wirft ihn in den Sand der Negevwüste. Das gebräunte Gesicht des US-Schauspielers ist verzerrt, das Kind heult auf. »Cut!« ruft Regisseur Paul Schrader.
Es ist fast 40 Grad heiß an diesem Tag. Die Luft über der Wüste flimmert. »Wie halten die das nur aus, stundenlang in dieser Hitze herumzustehen?«, murmelt Yoram Kaniuk und schüttelt den Kopf. Aber trotz der Hitze und der nervtötenden unzähligen Fliegen am Set wirkt der 77-jährige fast glücklich, während er den Schauspielern bei der Arbeit zuschaut. Neben Goldblum geben so bekannte Namen wie Willem Dafoe und Joachim Król Kaniuks Romanfiguren Gestalt und Stimme. Ein Traum geht hier für den israelischen Autor in Erfüllung. Sein berühmtestes Buch, Adam Hundesohn, wird endlich verfilmt. Und so wie Kaniuk kaum eine Vorstellung der Bühnenfassung auslässt, die seit 14 Jahren am Gesher-Theater in Tel Aviv aufgeführt wird, will er auch jetzt nichts verpassen.
Dass Kaniuks Traum wahr wird, verdankt er vor allem Ehud »Bulldozer« Bleiberg. Der israelische Produzent hat in jahrelanger Arbeit in den USA, Israel und Deutschland Geld für die Verfilmung des legendären Buchs aufgetrieben. Fast wäre es eine postume Ehrung des Autors geworden. Im Frühjahr 2005 war Yoram Kaniuk nach einer Krebsoperation im Tel Aviver Ichilov-Krankenhaus in ein tiefes Koma gefallen. Zwei Wochen währte sein Aufenthalt im Niemandsland zwischen Leben und Tod. Den Weg zurück verdankt Kaniuk vor allem seiner Ehefrau Miranda. »Sie hat mich nicht aufgegeben. Drei Wochen saß sie neben mir, hielt meine Hand und erzählte mir Geschichten.«
Yoram Kaniuk ist wiederauferstanden, passend zum englischen Titel von Buch und Film Adam Resurrected. Als »Hund« des SS-Lagerkommandanten überlebt der jüdische Zirkusunterhalter Adam Stein ein Vernichtungslager und wandert nach Israel aus. Nach dem Tod seiner Tochter bricht er zusammen und wird in ein Therapiezentrum für Überlebende in der Nähe von Arad eingeliefert, wo auch ein Junge behandelt wird, der sich wie ein Hund gebärdet. Mann und »Hund« heilen sich gegenseitig.
Für die Schauspieler, allen voran Hauptdarsteller Jeff Goldblum, ist die Story eine Herausforderung. Moritz Bleibtreu, der in dem Film Adams Schwiegersohn spielt, ist voller Anerkennung für seinen Kollegen: »Wenn man den Roman liest, dann denkt man erstmal, dass Jeffs Rolle unspielbar ist.« Doch Goldblum hat es geschafft, die Figur nicht nur zu spielen, sondern sie auch zu sein. Wenn man ihn am Set in der Wüste oder wenige Tage später in Tel Aviv beobachtet, ist man sich nie ganz sicher, wo der fiktive Stein aufhört und der reale Goldblum anfängt. Mal ist der Schauspieler aufgekratzt und singt Schubert-Lieder auf Deutsch, dann läuft er, hilflos wie ein riesiges Kind, an der Hand eines Produktionsassistenten über den Set. Er flirtet mit seiner israelischen Kollegin Ayelet Zurer, kurz später sitzt er wieder einsam mit dem Drehbuch in der Ecke und murmelt gequält und wie geistesabwesend vor sich hin.
»Der Part des Adam Stein ist eine Chance, die man nur einmal im Leben erhält«, schwärmt der Star aus Jurassic Park, Die Fliege und Silverado. »Die Figur ist hin und her gerissen zwischen einem langsamen Sterben und der sehr schmerzhaften aber belebenden Konfrontation mit der Frage nach seinem Selbst.« Auch Kaniuk ist von Goldblums Verwandlung beeindruckt, genauso wie von Joachim Króls Verkörperung des Schoa-Überlebenden Wolfowitz. Noch vor Beginn der Dreharbeiten hatte er den deutschen Schauspieler angerufen und ihm alles Gute gewünscht, mit der Bemerkung, dass sein Part ihm ganz besonders am Herzen liege. Für Yoram Kaniuk, dessen Vater Moshe die deutsche Kultur so sehr liebte, ist es bedeutsam, dass Deutsche und Israelis zusammen an der Verfilmung seines Buchs arbeiten.
Am letzten Drehtag wird in Tel Aviv auf dem Rothschild Boulevard und in der Pinsker-Straße gedreht. Die Handlung spielt in den 60er-Jahren. Ein alter Bus und mehrere auf Hochglanz polierte Oldtimer nebst in der Mode der Zeit kostümierte Statisten stehen auf der Straße. Yoram Kaniuk beobachtet, begleitet von seinen Töchtern, wie eine weitere Szene aufgenommen wird. Viel Zeit hat er nicht. Sein Buch über sein Koma Über das Leben und den Tod erscheint dieser Tage. Demnächst wird sein traurig-komischer Serienkiller-Roman Ne valot als sechsteilige Fernsehserie ausgestrahlt. Das Gesher-Theater bereitet eine Bühnenversion des Buchs Tante Shlomzion die Große vor. »So ein Fest hatte ich noch nie im Leben«, sagt der Schriftsteller – und schaut dabei etwas verwundert.

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