Nelly-Sachs-Haus

Wie im richtigen Leben

von Frank Rothert

Gleich rechts neben dem Nordpark, in Düsseldorfs Norden, befindet sich das Nelly‐Sachs‐Haus. In dem jüdischen Seniorenheim leben Juden, Katholiken, Protestan‐ ten, Atheisten und Freikirchler unter einem Dach zusammen. Kann das gut gehen? Durchaus.
Freundlich und offen wirkt das Haus auf seine Gäste. Die Cafeteria mit angrenzender Terrasse ist nicht nur zur Kaffeezeit gut besucht. Von hier aus beginnt ein Rundgang mit Bert Römgens, der zusammen mit Peter Hahn das Heim leitet. Mit spürbarem Stolz stellt er die Besonderheiten des Hauses vor. Seit 2002 ist Römgens für das Gelingen im Mikrokosmos Elternheim und seinen 110 Plätzen mitverantwortlich. »Es ist schön zu beobachten, wie die Menschen hier leben und aktiv sind«, sagt Bert Römgens.
Oft sind es kleine Dinge, die dazu dienen, den Menschen hier eine wohnliche Atmosphäre zu schaffen. Jeder neue Bewohner gibt in der Regel eine Wohnung auf und muss seine Habseligkeiten auf ein Zimmer reduzieren. »Wir wollen, dass sie sich so schnell wie möglich einleben«, sagt Römgens. Die Erfahrung zeigt: Wer freiwillig kommt, lebt sich schneller ein. Schwieriger ist es für den, der sich zu Hause alleine nicht mehr zurechtfindet und deswegen ins Elternheim kommt. Auf sie gehen die Mitarbeiter des Nelly‐Sachs‐Hauses besonders intensiv ein.
Gleich hinter der Cafeteria befindet sich der Synagogenraum, der zugleich auch eine Bibliothek beherbergt, und somit trifft sich hier auch die Literaturgruppe. Es sind nicht allzu viele, die die jüdische Religion aktiv leben. »Die Neuzuwanderer aus den ehemaligen Ländern der GUS sind weniger religiös, weil sie das Jüdische nicht richtig ausleben konnten«, erklärt Römgens. Alle vier Wochen leitet ein Rabbiner die Gesprächsgruppe auf Deutsch und Russisch, denn die Bewohner kommen vor allem aus der Ukraine, Russland und aus Usbekistan.
Herrlich duftende Kräuter wie Minze und Thymian empfangen die Bewohner im gerade fertiggestellten Sinnesgarten draußen vor dem Speisesaal. Kunstvoll gestaltete Messingblumen geben glockenartige Klänge von sich, wenn der Wind sie berührt. Im Sinnesgarten soll die Wahrnehmung der Senioren durch Berühren, Tasten, Riechen und Hören trainiert werden. Gleich daneben ist das neue Gewächshaus. Der Speisesaal ist ein weiterer Ort der Begegnung. Mit seinen violetten Wänden und dem hellen Buchenholz der Bestuhlung und des Parketts wirkt er einladend.
Rundum eine warme Atmosphäre, in der man sich wohlfühlen kann. Und doch kommt es schon mal zu Reibereien. »Als wir zum ersten Mal Borschtsch auf unserem Speiseplan hatten, gab es einen kleinen Tumult unter den Nicht‐Osteuropäern«, erzählt Römgens. Kein Wunder bei solch einem Potpourri an Nationalitäten und Religionen. In der Regel ist die Sprache der Grund von Meinungsverschiedenheiten. »Rede deutsch, du bist hier in Deutschland«, glaubt ein Heimatsprachler seinem russischsprechenden Mitbewohner mitteilen zu müssen und untermauert seinen Appell, indem er mit seinem Rollstuhl in den des anderen fährt.
Ein anderes Mal verewigte sich ein anonymer Autor auf einem Gartentisch mit dem Satz: »Ich kann die russische Sprache nicht mehr hören.« Ein schlechter Scherz nach dem Motto: »Meine Muttersprache ist viel wichtiger, auch wenn ich hier in der Minderheit bin.« Doch es geht hier nicht nur um Intoleranz. Viele Erfahrungen spielen eine Rolle wie beispielsweise bei dem Rumänen, der die russische Sprache nicht ertragen kann, weil es die Sprache der damaligen Besatzer war.
Wenn auch die Religionsunterschiede nicht wirklich Probleme schaffen, die Einhaltung von jüdischen Regeln kann auch Stoff für Diskussionen bieten. Ein Jecke aus Israel verbietet einem Juden aus Russland, Fleisch mit Butter zu essen mit den Worten: »Das geht nicht.« Ein Streitgespräch entsteht. »Du bist kein richtiger Jude« – »Doch bin ich wohl.« Sie diskutieren darüber, was Jüdischkeit ausmacht. Beim anschließenden Gruppengespräch versucht ein Moderator, Verständnis für die Situation des jeweils anderen zu schaffen.
Die gegensätzlichen Ansichten spiegeln auch den Strukturwandel der jüdischen Gemeinden wider. Vor sechs Jahren waren die deutschsprachigen Bewohner noch in der Überzahl, heute liegt das Verhältnis bei 60 zu 40 zugunsten der russischen Sprache. Dennoch sei die Situation nicht mit der vor zehn Jahren zu vergleichen, meint Bert Römgens: »Heute kommen Menschen hierher, die bereits gut integriert und sozialisiert sind und auch schon deutsch sprechen.« Auch beim Personal reagierten die beiden Pflegedienstleiter, indem sie bei den Neueinstellungen auf Mitarbeiter Wert legten, die deutsch und russisch sprechen.
Das kommt auch bei den vier Damen am Kaffeetisch gut an. Sie fühlen sich wohl hier. Betti Khaikina hilft beim Dolmetschen und Übersetzen. »Meine Seele ist in Moskau, dennoch fühle ich mich hier wie zu Hause, mir gefällt alles«, sagt die 80‐Jährige, die seit mehr als 14 Jahren in Deutschland lebt. Die ehemalige Oberärztin ist Mitglied im Bewohnerbeirat. »Es gibt hier eine russische Bibliothek, aber ich lese heute lieber deutschsprachige Bücher.« Marjam Shved kokettiert mit ihrem Alter und lässt die Zahl 60 im Raum stehen. Vor sieben Jahren kam sie aus Rostov nach Deutschland und zog vor drei Monaten ins Heim. »Als ich meiner Freundin in Russland am Telefon erzählte, jetzt in einem Elternheim zu wohnen, hat sie geweint, denn in Russland sind solche Häuser schrecklich. Doch mir geht es gut hier, und mir gefallen die Menschen, mit denen ich hier lebe.«
Bert Römgens stellt fest: »Wir bieten ein Zuhause für Menschen vieler Nationalitäten, wir sagen aber auch, wir sind primär keine russische, sondern eine jüdische Einrichtung, wo auch russisch gesprochen wird. Tilde Schottenfeld, in Wien geboren, in Czernowitz aufgewachsen, bezeichnet sich als »weiblicher Methusalem« und löst Gelächter aus. Fünf Staatsbürgerschaften hat sie in ihrem Leben besessen. Mit ihren 92 Jahren ist sie bei den Bewohnern beliebt, denn sie hat stets ein offenes Ohr und eine passende Antwort parat. »Ich bin hier zu Hause«, sagt sie. Ihre 88 Jahre alte Cousine Alice Osterer ist aus Israel zu Besuch, wie jedes Jahr. Sie empfindet die Atmosphäre im Nelly‐Sachs‐Haus als »überraschend schön«. Es sei wie eine Familie, auch Freundschaften wurden geschlossen. Nur, dass hier niemand Bridge spielt und kein israelischer TV‐Sender zu sehen ist, missfällt ihr.

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