Anschlag

»Wichtig für Sie und für uns«

von Christine Schmitt
und Detlef David Kauschke

Bei diesen Fotos muss auch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) innehalten: SS-Zeichen auf einem roten Bobbycar, Parolen wie »Sieg Heil«, »Scheiss Juden« und »Auschwitz« – mit schwarzer Farbe auf die Fassade des Jüdischen Kindergartens Or Avner gesprayt.
Am letzten Sonntag im Februar waren die Schmierereien und ein nicht gezündeter Rauchkörper in der Kita von Chabad Lubawitsch entdeckt worden. Vier Tage später lädt Rabbiner Yehuda Teichtal gemeinsam mit Gideon Joffe, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, zu einem Solidaritäts- und Toleranzgebet ein. Die vergrößerten Fotos hängen im Vorraum der Synagoge im Jüdischen Bildungszentrum an der Münsterschen Straße. Die Staatssekretärin im Kanzleramt, Hildegard Müller (CDU), Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (PDS), Grünen-Chefin Claudia Roth, der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Gert Weisskirchen, Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) und weitere Landes- und Bezirkspolitiker sind gekommen und drü-
cken ihre Betroffenheit aus. Die evangelische Landeskirche ist mit Pröpstin Friederike von Kirchbach vertreten, die Türkische Gemeinde in Deutschland durch ih- ren Bundesvorsitzenden Kenan Kolat. Von der israelischen Botschaft ist der Gesandte Ilan Mor gekommen, außerdem Diplomaten der Botschaften der USA und Belgiens.
»Schön, dass Sie alle da sind«, sagt Teichtal. »Es ist wichtig für Sie und wichtig für uns. Es ist wichtig, ein Zeichen zu setzen, dass wir das nicht tolerieren.« Einen Schock für die ganze Welt, nennt der Rabbiner den Anschlag. »Wir machen eine schwere Zeit durch.« Doch man könne es sich nicht erlauben, negativ zu denken und wolle stattdessen mit Licht die Dunkelheit vertreiben. »Aber wir müssen wissen, dass unsere Einrichtungen gesichert sind. Wir brauchen ihre Unterstützung, um jüdisches Leben, Demokratie und Freiheit in Deutschland zu sichern«, sagt Teichtal.
Erstmals seit Ende der NS-Diktatur haben Antisemiten eine Kindereinrichtung angegriffen, so Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland. Es sei jetzt Zeit für eine »nationale Sicherheitsstrategie«. Es genüge nicht, an den Symptomen herumzuarbeiten. »Wir reichen Ihnen die Hand, um gemeinsam nach neuen Konzepten zu suchen.« Es gebe noch weitere jüdische Ein-
richtungen, wo Ähnliches geschehen könne, warnt der Berliner Gemeindevorsitzende Gideon Joffe. Er schlägt vor, dass Nicht-Juden einige Tage lang mit der Kippa oder einer Kette mit dem Davidstern auf die Straße gehen sollten. Sie würden dann erleben können, was sich Juden in Deutschland anhören müssten, und könnten deren Ängste nachempfinden.
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in einem Schreiben an Rabbiner Teichtal den Anschlag verurteilt und versichert: »Die Bundesregierung steht fest an Ihrer Seite. Die Sicherheitsbehörden werden alles tun, um die Täter dingfest zu machen.« Auch die israelische Botschaft in Berlin verurteilt in einer Pressemitteilung den Anschlag und äußert Besorgnis über die Zunahme antisemitischer und rechtsextre-
mistischer Taten.
Aktion Sühnezeichen, das American Jewish Committee (AJC) und der Verein »Gegen Vergessen – Für Demokratie« haben am Eingang zur Synagogenveranstaltung eine Erklärung verteilt, in der sie feststellen: »Wir sind erstaunt und beunruhigt, dass es bislang so wenig öffentliche Reaktionen auf diesen Anschlag gegeben hat.«
Man habe sich über die solidarischen Reaktionen aus der Politik gefreut, bemerkt Zentralrats-Generalsekretär Kramer. »Aber wo waren die Signale aus der Zivilgesellschaft?« Ihr Ausbleiben habe den Zentralrat beunruhigt.
Dazu sagt Innenminister Wolfgang Schäuble der Jüdischen Allgemeinen nach der Veranstaltung in der Synagoge: »Die Zivilgesellschaft ist in ihrer großen Mehrheit solidarisch. Sie muss manchmal daran erinnert werden, dass die Solidarität auch gezeigt werden muss. Deswegen war es gut, dass dieser Gottesdienst stattgefunden hat.« Das habe aufgerüttelt. »Wir wollen jüdisches Leben, es ist ein Geschenk für Deutschland. Es geht darum, dass wir alle in Frieden und Toleranz leben wollen, und das müssen wir durchsetzen.«
Unterdessen geht die Suche nach den Verantwortlichen des Anschlags weiter. Der Staatsschutz ermittelt, von den Tätern fehlt bislang jede Spur. Und während wenige Stunden nach dem Gebet am Donnerstag in Berlin erneut jüdische Denkmäler beschmiert werden – das Mahnmal in der Levetzowstraße in Moabit und das Lapidarium am Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg – gibt es auch positive Signale. Wie das American Jewish Committee mitteilte, wollen am kommenden Freitag Schülerinnen und Schüler der Kreuzberger Reinhardswald-Grundschule die Kindertagesstätte Or Avner besuchen – »als Zeichen gegen den wachsenden Antisemitismus«. Sie werden selbst gemalte Bilder übergeben und vorschlagen, gemeinsam ein Frühlingsfest zu feiern.

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