Wiesbaden

Wer am lautesten ruft

von Marcus Kirzynowski

»Es ist schön, so viele junge Juden in unserem Gemeindehaus zu sehen.« Der ältere Herr, der regelmäßig am Schabbat in die Wiesbadener Synagoge kommt, freut sich über das Gewusel im Gebäude. An diesem Freitagabend sind die Bänke dort mit mehr als 100 Kindern und Jugendlichen besetzt. »Lebhaft geht es in unserem Gottesdienst immer zu«, meint das ältere Gemeindemitglied, »aber so turbulent wie heute selten.« In der Tat ist die Stimmung sehr fröhlich, auch wenn es ein paar Tränen gibt, als der sechsjährige David sich die Finger in der Sitzbank einklemmt.
Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 18 Jahren sind zu einem Minimachane in die hessische Landeshauptstadt gekommen. Zu der zweitägigen Freizeit hatte die Jüdische Gemeinde Wiesbaden zum ersten Mal eingeladen. Die Kinder kommen aus ganz Hessen und Baden-Württemberg, einige auch aus Städten wie Koblenz und Hannover. Von Freitagnachmittag bis Sonntagmittag singen und spielen sie zusammen.
Jakob Gutmark vom Wiesbadener Gemeindevorstand freut sich sichtlich, als er vor dem Essen am Freitag die jungen Gäste begrüßt. Wer denn am lautesten »Schalom« rufen könne, will er von ihnen wissen. Der zehnjährige Eugen aus dem südhessischen Pfungstadt liegt ziemlich weit vorne. Er ist zum ersten Mal auf einem Machane. Seine ältere Schwester, mit der er hier ist, meinte, er solle doch einmal mitkommen. In der Gemeinde Darmstadt, zu der Eugen und seine Schwester gehören, geht er jeden Mittwoch zum Religionsunterricht. Dort lernt er zwar Hebräisch, aber mit dem Mitsingen beim Schabbatgottesdienst hat es heute noch nicht hundertprozentig geklappt. »Ich wusste nicht, dass man die Liedtexte in deutscher Schrift von links nach rechts lesen muss«, entschuldigt er sich.
Im Gegensatz zu Eugen hat Cara aus Wiesbaden schon an mehreren Machanot teilgenommen. Allerdings fanden sie noch nie in Wiesbaden, ihrer Heimatgemeinde, statt. Meist fuhren die Kinder in das Max-Willner-Heim in Bad Sobernheim. »Es ist schön, mit so vielen jungen Juden zusammenzukommen«, sagt die 15-Jährige, »sonst ist ja meistens eher die Generation 60 plus in der Synagoge.«
Junge Menschen an das Gemeindeleben heranzuführen, sieht auch Steve Landau als wichtiges Ziel der Veranstaltung. »Man muss etwas tun, damit auch die Kinder kommen«, meint der junge Geschäftsführer der Wiesbadener Gemeinde. »Ohne Jugendarbeit hätten wir schon sehr bald eine leere Synagoge.«
Normalerweise dauert ein Machane sieben bis zehn Tage und hat 50 bis 80 Teilnehmer. Organisiert werden sie meistens von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt). »Aber die ZWSt will auch gezielt Gemeinden ermutigen, selbst Treffen zu veranstalten«, erklärt Landau. Die Idee für das Wiesbadener Mini-Machane ist von den Jugendbetreuern der Gemeinde selbst gekommen. »So läuft das meistens in unserer Gemeinde«, sagt Geschäftsführer Landau, »die Initiative für Projekte kommt fast immer von den Mitgliedern selber.« Am Sonntagmorgen spiegelt sich noch viel Müdigkeit in den Gesichtern der Kinder und Jugendlichen. Kein Wunder, denn am Samstag ist es für alle ziemlich spät geworden. Die älteren Jugendlichen haben eine »Eiszeit-Party« im Clubraum gefeiert. Überall liegen am nächsten Tag noch Konfetti und Reste der Dekoration auf dem Boden. »Aber die Teilnehmer waren froh, dass sie nicht wirklich raus in die eisige Kälte mussten«, bemerkt Jugendzentrumsleiter Mark lachend.
»Zum Glück haben wir Betreuer keine Zeit, darüber nachzudenken, wie müde wir sind«, sagt seine Kollegin Samantha aus Karlsruhe. Aber ihnen mache das auch nichts aus. »Man bekommt auf jeden Fall mehr von den Kindern zurück, als man an Einsatz investiert«, meint Mark. Für die beiden ist es nichts Ungewöhnliches, ein Programm für so viele Kinder zu gestalten. Für die Madrichim, die Gruppenleiter der einzelnen Gemeinden, die ihre Schützlinge nach Wiesbaden begleiten, schon. Mehr als 100 Kinder kommen in ihren Gemeinden normalerweise nicht zusammen.
Auch der zehnjährige Eugen ist jetzt nicht mehr ganz so ausgelassen wie noch am Freitag. Trotzdem ist er vom Wochenende begeistert: »Mir hat alles gut gefallen, aber die Pyjama-Party war am besten.« Die Kinder unter 13 Jahren haben am Samstag in Pyjamas als Karaokesänger ihre Lieblingssongs zum Besten gegeben. Auch am Sonntag wird noch einmal in der großen Gruppe zusammen gesungen. Betreuerin Miri animiert die Kinder zum Mitsingen und -klatschen.
Spätestens beim Abschlusslied »Darkejnu« stimmen alle lauthals ein und schunkeln. »Darkejnu«, auf deutsch »Unser Weg«, ist passenderweise auch das Motto, das die Kinder diesem Wochenende gegeben haben. »Unser gemeinsamer Weg endet nicht an diesem Wochenende«, ruft Mark den Kindern zum Ausklang des Wochenendes zu. »Auch wenn wir alle aus unterschiedlichen Städten kommen, wollen wir ihn doch weiter zusammen gehen.« Das ginge auch unabhängig von solchen Veranstaltungen. »Ihr braucht nur den Willen, miteinander in Kontakt zu bleiben.« Die Wiesbadener Gemeinde kann dabei durchaus Vorbild werden. Die Premiere zu Hause könnte doch ein guter Anfang für Freundschaften über die Gemeindegrenzen hinweg sein.

Glosse

Der Rest der Welt

Einmal Gastro, immer Gastro

von Margalit Edelstein  14.10.2026

7. Oktober

Steinmeier: Antisemitische Hetze unerträglich aufgeflammt

Der schlimmste Anschlag auf Jüdinnen und Juden seit der Schoa: Der Bundespräsident verurteilt den Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023. Und blickt auch auf die Lage im Gazastreifen

 08.10.2026

Terror

US-Präsident Trump glaubt, dass Iran hinter Flydubai-Attentat steckt

Noch ist unklar, ob und zu welchen ausländischen Organisationen der Attentäter Verbindungen hatte

 06.10.2026

Ein strategischer Bomber der US Air Force vom Typ B-1B Lancer auf dem Stützüpunkt Fairford in England (Archivbild)

Washington

Nach Anschlagsdrohung: B1-Bomber in die USA zurückverlegt

Das US-Militär hatte einige seiner Bomber wegen des Iran-Krieges nach Großbritannien verlegt. Nun wurden diese nach einem Vorfall am Stützpunkt wieder in die USA zurückbeordert. Die Frage ist: Warum?

 05.10.2026

Studie

»Neue antisemitische Normalität«: 7. Oktober für Juden in Deutschland biografische Zäsur

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Die Befragten berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«, wachsendem Misstrauen und Ausgrenzung

 05.10.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026