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Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Im Sommerurlaub in Portugal hatte ich zahlreiche Begegnungen mit Menschen, die Israel mögen. Eine davon blieb mir besonders im Gedächtnis: »Ich liebe die israelische Serie ›Fauda‹«, erzählte mir ein Mitarbeiter unseres Hotels. Als ich ihm sagte, dass ich die Serie ebenfalls mag, die neue, fünfte Staffel aber zum Teil als retraumatisierend empfinde, schaute er mich fragend an: »Der 7. Oktober? Was ist da passiert?«

In diesem Moment begriff ich, dass die neue Staffel, die bereits im israelischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, für viele Israelis – und Juden und Jüdinnen – eine völlig andere Bedeutung hat als für den Rest der Welt.

Denn Fauda ist längst nicht mehr »nur« eine israelische Fernsehserie, sondern ein weltweiter Erfolg. Als die erste Staffel 2015 in Israel anlief, hatte Doron Kavillio, gespielt von Lior Raz, seine Zeit in einer israelischen Spezialeinheit eigentlich hinter sich gelassen – bis er erfährt, dass Abu Ahmad, ein Hamas-Terrorist, den Doron für tot hielt, noch lebt. Also entschließt er sich, zu seiner alten Einheit zurückzukehren.

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Damit beginnt eine Geschichte, die inzwischen fünf Staffeln umfasst und deren Name Programm ist. »Fauda« ist das arabische Wort für »Chaos«. Von Anfang an zeigte Fauda nicht nur Schießereien, wilde Verfolgungsjagden und atemberaubende Undercover-Einsätze, sondern auch den Preis, den die Menschen dafür zahlen müssen. Doron und sein Team sprechen Arabisch, bewegen sich klandestin in palästinensischen Städten und nehmen falsche Identitäten an. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Feind und Mensch, Auftrag und persönlicher Rache.

Netflix brachte Fauda einem internationalen Publikum näher. Die »New York Times« nahm die Serie früh in ihre Auswahl herausragender internationaler Produktionen auf, zahlreiche Auszeichnungen folgten.

Verschwimmende Grenzen zwischen Feind und Mensch, Auftrag und persönlicher Rache

Warum hat eine hebräisch-arabische Serie über den Nahostkonflikt weltweit Erfolg? Vielleicht, weil man kein Experte sein muss. So funktioniert Fauda zunächst wie ein Thriller: schnell, spannend, emotional und manchmal brutal erzählend, aber stets mit genau den Cliffhangern, die einen dazu bringen, nachts noch eine weitere Folge zu schauen.

Gleichzeitig ist sie unverkennbar israelisch. Hebräisch und Arabisch wechseln sich ab, Umgangssprache, Familien, Mentalität und Humor vermitteln Nähe zur Region. Hinzu kommen die Erfahrungen der Macher. Lior Raz diente selbst in einer israelischen Undercover-Einheit, Drehbuchautor Avi Issacharoff ist einer der bekanntesten israelischen Journalisten und Experte für den Nahost-Konflikt.

Besonders bemerkenswert: Fauda ist ebenfalls in der arabischen Welt erfolgreich. Im Libanon kletterte die Serie zeitweise sogar auf Platz eins der Netflix-Charts, auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Jordanien, Katar und Marokko gehörte sie zu den meistgesehenen Produktionen.

Doch dann kam der 7. Oktober 2023. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten die Autoren bereits an der fünften Staffel. Danach, so erklärte es Issacharoff später, sei klar gewesen, dass eine Serie, die sich so intensiv mit den Realitäten in Israel beschäftigt, die größte Terrorattacke des Landes keinesfalls ignorieren könne. Somit wurde die fünfte Staffel anders als alle vorherigen. Sie beginnt zwei Jahre nach den Massakern der Hamas.

Platz eins der Netflix-Charts, auch in den Emiraten, Jordanien, Katar und Marokko. Doch dann kam der 7. Oktober 2023

Schon in seiner ersten Szene sitzt Doron nicht in einer Einsatzbesprechung, sondern bei einer Therapeutin. Der Mann, den wir immer wieder als nahezu unzerstörbaren Kämpfer erlebt haben, versucht jetzt, seine posttraumatischen Belastungsstörungen zu verarbeiten.

Doch viel Zeit zur Heilung bleibt nicht. Eli, Dorons langjähriger Freund und Kommandeur, reist nach Marseille, um einen Mann zu finden, der als Mitglied der Nukh­ba-Einheit der Hamas an den Massakern vom 7. Oktober beteiligt gewesen sein soll und anschließend nach Europa entkommen ist. Zentrales Thema der Staffel: Blutrache.

Doron wird in diese Jagd hineingezogen, Steve stößt dazu. Was wie ein persönlicher Rachefeldzug beginnt, entwickelt sich zu etwas wesentlich Größerem. Die Spur führt zu einem Terrornetzwerk, dessen Verbindungen von Frankreich über den Nahen Osten bis nach Israel reichen – und zu einem weiteren geplanten und verheerenden Anschlag auf den jüdischen Staat.

»Schwarzer Schabbat«

Dann wird es komplex. Denn als Israeli schaut man eine Staffel, in der man in den Folgen sieben und acht den »Schwarzen Schabbat« quasi noch einmal brutal durchlebt, anders als im Rest der Welt. Das gilt auch für alle weiteren Folgen, die die Konsequenzen für das Leben in Israel und im Ausland zeigen. Denn es ist etwas, das weniger mit der Erinnerung als vielmehr mit dem Alltag in der Jetztzeit zu tun hat.

Auch für die Schauspieler, die während der Dreharbeiten zum Teil emotional kollabierten, war diese Staffel eine extreme Herausforderung. So war Lior Raz am 7. Oktober 2023 selbst in den Süden Israels gefahren und hatte Menschen bei der Evakuierung geholfen.

Matan Meir, seit der ersten Staffel Teil des Produktionsteams, fiel im November 2023 als Reservist im Gazastreifen, und Publikumsliebling Idan Amedi wurde lebensgefährlich verletzt. Trotz allem ein kleiner Lichtblick: Amedi hat Gastauftritte in der fünften Staffel.

Triggerwarnung

Auch die Produzenten sind sich offenbar der Schwere dessen bewusst, was sie ihrem Publikum zumuten. Vor den beiden Folgen, die unmittelbar am 7. Oktober spielen, wird ausdrücklich gewarnt. Wer sie nicht sehen könne oder wolle, der habe die Möglichkeit, sie zu überspringen. Der weitere Fortgang der Handlung bleibe dennoch nachvollziehbar.

In den israelischen Medien wurde genau dieser Punkt mitunter kritisiert. Man müsse sämtliche Folgen sehen, um die Protagonisten besser zu verstehen – aber auch, um an den 7. Oktober und seine Opfer zu erinnern.

Vielleicht ist diese Staffel deshalb gar nicht in erster Linie für israelische Zuschauer wichtig, dafür umso mehr für die Millionen Zuschauer weltweit, die Fauda als spannende israelische Serie kennen, aber kaum wissen oder nie wirklich verstanden haben, was am 7. Oktober 2023 geschah.

Und vielleicht kann sie einem Publikum in der arabischen Welt sogar die Augen öffnen – genauso wie dem freundlichen Portugiesen in meinem Hotel.

Die fünfte Staffel von »Fauda« ist ab dem 8. September auf Netflix zu sehen.

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