Brandenburg

Wenn der Rabbi kommt

von Frank Lachmann

Freitagabend, 19 Uhr. Mit etwa 70 Personen ist der Saal im Brandenburger »Bürgerzentrum Hohenstücken« schon gut gefüllt. Es sind zumeist ältere Herrschaften gekommen – allesamt Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie begrüßen sich herzlich, plaudern und lachen. Ein paar Kinder flitzen durch den Raum. In der Küche gegenüber steht schon das leckere Essen bereit. Es ist Erew Schabbat. Und zum zweiten Mal in diesem Jahr feiern fünf jüdische Gemeinden im Berliner Umland, die keinen eigenen festen Rabbiner haben, den Gottesdienst gemeinsam mit Rabbinern und Studenten der orthodoxen Berliner Yeshiva Beis Zion, die von der amerikanischen Lauder Foundation getragen wird. Heute sind es Shaul Neckrich, seine Frau Deborah und fünf Jeschiwa-Studenten, die mit den Brandenburger Gemeindemitgliedern feiern.
Zwischen zwei Pfeilern sind Papiertischdecken gespannt, die die Sitzreihe in einen Männer- und einen Frauenbereich unterteilen. Die Frauen ziehen sich hinter den provisorischen Sichtschutz zurück. Kurze Zeit später riecht es nach verbrannten Streichhölzern und Kerzenwachs. Der Rabbiner hat seinen Tallit umgelegt und beginnt zu beten. Menasche, ein junger Student aus Chemnitz, erklärt einem Sitznachbarn den Ablauf und übersetzt. Die Lauder-Gesandten sprechen allesamt mehrere Sprachen, darunter auch Russisch. Angestrengt blättern einige Männer in ihren Siddurim. Sie schweigen, so gut wie niemand kann die Gebete mitsprechen.
Deswegen sind die Lauder-Mitarbeiter auch hier. Außer nach Brandenburg haben sich aus der Berliner Brunnenstraße diesmal auch Gruppen nach Cottbus, Halle, Magdeburg und bis nach Jena aufgemacht. Die 120 jüdischen Brandenburger werden vom Potsdamer Rabbiner Nachum Pressman betreut. Der Lubawitscher ist auch noch für sechs andere Gemeinden im Umland der Landeshauptstadt zuständig. »Uns fehlt einfach das Geld. Deshalb haben wir keine Synagoge und nur einen Siebtel-Rabbiner«, witzelt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Brandenburg/ Havel, Feliks Byelyenkow.
In das rhythmische Klatschen und Klopfen der Studenten fällt niemand ein. So sind es auch nur die fünf und der Rabbiner, die an den richtigen Stellen »Amen« sagen und die genau wissen, wann man sich wie verbeugen muss. Einige der Männer schauen etwas betreten drein. Es ist ihnen sichtlich unangenehm, dem Ablauf des Gottesdienstes nicht so souverän folgen zu können. Das Kaddisch sagt ein alter Mann, dessen Vater kürzlich gestorben ist. Er muss dabei auf eine phonetische Umschrift des hebräischen Textes zurückgreifen. »Aber, so ist es nun mal. Man kann aus völlig areligiös erzogenen Menschen eben nicht über Nacht strengreligiöse Orthodoxe machen«, sagt Gemeindevorsitzender Byelyenkow. Im Frauenbereich klingelt irgendwo ein Handy.
Nach dem Abschluss der Gebete begeben sich die Männer zu den Frauen in den größeren Teil des Saales. In der Ecke brennen die Schabbatkerzen. Tische werden gerückt, Teller, Becher und Besteck herumgereicht und ver- teilt. Eine festliche, gelöste Stimmung macht sich breit. Rabbiner Neckrich spricht die Bracha über Brot und Wein. Es wird viel geredet und gelacht – auch während des Kidduschs.
Vor dem Beginn des Schabbatmahls bittet der Rabbiner die Gemeindemitglieder zum rituellen Händewaschen in die große Küche gegenüber. Dort steht auch schon das Essen bereit, das die Berliner aus der Jeschiwa mitgebracht haben. Rebbezin Deborah Neckrich erklärt den am Waschbecken Wartenden geduldig die Prozedur. Anschließend sagt sie die Bracha Wort für Wort auf, alle sprechen ihr nach. Eine Frau verspritzt zunächst das Wasser nur tröpfchenweise auf ihre Hände und die ihres Sohn und dann, nach einer kurzen Bemerkung von der Rebbezin, lässt sie es plötzlich literweise über die Hände plätschern. »Ich habe ihr erklärt, dass sie ruhig ein wenig
mehr Wasser nehmen könne. Schließlich drückt man damit auch den Wunsch nach finanziellem Wohlstand aus!«, erklärt die Frau des Rabbiners später.
»In meiner russischen Heimatstadt konnte man immer beten gehen. Hier müssen wir darüber froh sein, wenn jemand zu uns kommt und mit uns einen Gottesdienst feiert«, sagt eine andere junge Frau. Auch sie nutzt die Gelegenheit, die ihr Lauder an diesem Schabbat bietet. Normalerweise müsse man sich in Privatwohnungen treffen, erzählt ein weiteres Gemeindemitglied. Alle seien deshalb sehr dankbar für den Besuch aus Berlin und für die Gelegenheit, wieder einmal in großer Runde zusammenzukommen.
»Die Leute von Lauder bringen großes Verständnis für unsere Gemeinde auf«, fügt Byelyenkow hinzu. »Es ist nicht einfach, mit Menschen einen Gottesdienst zu feiern, die zumeist im Zeichen des sowjetischen Atheismus aufgewachsen und erzogen worden sind.«
Die Studenten servieren das Schabbatmahl. Es besteht aus feinen Salaten, gebackenen Kartoffeln, Putenfilet, gefilten Fisch und duftender Challot. Süßer schwerer Kidduschwein rundet das Essen ab. Der Wein ist so süß, dass der ein oder andere sich den Rebensaft mit Coca Cola verdünnt. Doppelkorn dient als Wodka-Ersatz.
21 Uhr. Die Gemeindemitglieder essen, trinken und erzählen. Ein gutes Argument für die Einhaltung der Kaschrut folgt dem nächsten. Zum Schluss werden Weintrauben gereicht. Während des Essens erläutert Rabbiner einige Aspekte der Schabbat-Tradition und erzählt ag- gadische Geschichten aus der Gemara. Die Gemeindemitglieder hören aufmerksam zu, einige fragen nach. Dann teilen die Studenten Liederzettel aus. »Menucha ve’ Simcha« soll gesungen werden. Auch hierbei sind wieder nur die Studenten und der Rabbiner zu hören. Auf dem Zettel sind noch einige andere Lieder abgedruckt, die werden heute Abend nicht gesungen.
Gegen 22 Uhr beginnt sich die Gemeinschaft langsam aufzulösen. Rabbiner Neckrich erinnert daran, dass zum Morgengebet um 8.45 Uhr ein Minjan zustande kommen sollte. Ob das klappt? Feliks Byelyenkow hält es nicht für so entscheidend, wie viele Leute zu Gemeindeveranstaltungen oder Gottesdiensten kommen. Viel wichtiger ist ihm, den Gemeindemitgliedern die Möglichkeit zu geben, sich mit religiösem Wissen vertraut zu machen. Seit zwei Jahren besteht zwischen der Brandenburger Gemeinde und der Lauder-Stiftung ein dauerhafter Kontakt.
An diesem Abend ist Rabbiner Neckrich zufrieden. Zwar bedauert er, dass es nicht gelungen ist, mehr junge Leute zum »Schabbat Achat« zu motivieren, doch komme es auf die Ausdauer und die Kontinuität des religiösen Angebots an.
Gegen 23 Uhr gehen auch die letzten Besucher. Zum Schacharit wollen ja alle wieder ausgeruht sein. Ein feierlicher Erew Schabbat geht zu Ende.

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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