USA

Wellenreiter und Gipfelstürmer

von Rachel Silverman

Juden besteigen höchste Gipfel in den Bergen von Colorado. Andere zünden die Schabbatkerzen auf Segelbooten an oder entdecken ihre Spiritualität auf der Skipiste. Diese jüdischen Schwärmer fürs Abenteuer wollen nicht nur gemeinsam mit anderen Juden ihrem geliebten Hobby nach‐ gehen, sie wollen dabei auch religiösen und spirituellen Sinn finden.
Indem sie ihre beiden Wünsche verbinden, trägt diese wachsende Gemeinschaft von Adrenalinfanatikern zu einer Neudefinition dessen bei, was es heißt, jüdisch zu handeln – oder jüdisch zu sein. Nehmen wir Rabbinerin Jamie Korngold. Als sie begriff, daß die Reformjuden in Boulder, Colorado, die sie ansprechen wollte, mehr Interesse am Skilaufen hatten als daran, Samstagmorgen in der Synagoge zu sitzen, zog sie sich ein Paar Skistiefel an und stieg den Berg hinauf.
„Für 30 Prozent von uns funktioniert das Synagogenleben, so wie es ist, sehr gut, doch für die anderen 70 Prozent brauchen wir neue Methoden, um sie zu erreichen“, sagt sie. „Es gibt so viele Menschen, deren Religion die Natur ist, die ihre Spiritualität erst außerhalb der Synagoge wirklich erfahren“, erläutert Korngold, die schon einmal mit dem Rad von New York nach San Francisco gefahren ist und an einem 100‐Kilometer‐Querfeldeinlauf teilgenommen hat. „Also sage ich zu ihnen: Ihr werdet draußen im Freien sein. Ihr sagt, es sei ein spirituelles Erlebnis. Laßt mich euch zeigen, wie jüdisch es sein kann.“
Auf Mountain‐Minjan‐Wanderungen, beim Rucksack‐Trekking durch die Wüste oder bei Rosch‐Haschanah‐Einkehrtagen auf einer Ranch in den Rocky Mountains diskutieren die Teilnehmer an Korngolds Abenteuerrabbiner‐Programm über Passagen aus der Tora genauso wie über die Beziehung des Judentums zur Natur. Ihre Reisen sind so populär, daß Korngold sagt, ihr Hauptproblem bestehe darin, genügend Führer zu finden, um die Nachfrage zu befriedigen. „Unsere Website wird jeden Monat 200.000 mal angeklickt“, sagt sie. „Unsere E‐Mail‐Liste ist größer als die der jüdi‐ schen Föderation in Boulder.“
Reconstructionist Rabbiner Howard Cohen, der die Organisation Burning Bush Adventures in Vermont leitet, spricht von der Notwendigkeit, zwischen dem Judentum und Natur Brücken zu bauen. „Ich kenne viele Juden, die sich der Gemeinde entfremdet haben, weil die jüdische religiöse Welt ihnen, als sie aufwuchsen, nicht das geben konnte, was sie wollten“, sagt er. Dabei brauche das Judentum kein abgetrennter Teil des Lebens zu sein. „Es muß nicht sein, daß die Alternative lautet: Soll ich mich für die Umwelt engagieren, oder soll ich mich für das Judentum engagieren?“, sagt Cohen. Er weist darauf hin, daß sich Juden schon lange mit „pulsbeschleunigenden“ Dingen beschäftigten, sei es in der Landwirtschaft oder als Boxer. Jüdische Ferienlager böten seit Jahren Aktivitäten in freier Natur an. Die erste Outward‐Bound‐Schule sei 1941 von einem deutschen Juden gegründet worden.
Cohen selbst lebt die athletische Tradition vor. Noch vor seinem Studium am Rabbinerseminar hatte er zehn Jahre lang für Outward Bound gearbeitet. Er lernte, ein Schlittenhundegespann zu lenken, ein Camp zu bauen und ein Kajak durch Stromschnellen zu steuern. Jetzt leitet er solche Expeditionen. Sie beginnen in der Regel damit, daß die Teilnehmer vor dem Start Toraabschnitte sowie eine Liste von Fragen, Zitaten und Lektürevorschlägen zugesandt bekommen. Im Wald wird dann über das Material diskutiert, auf freiem Feld wird Schabbat gefeiert und Challah gebacken. „Es gibt viele Rabbiner, die Skilaufen oder Golfspielen und dabei ihre Kippa hinten in die Hosentasche stecken“, sagt Cohen. „Aber Rabbiner, die ihre Gemeinde mit zum Skifahren nehmen, stellen eine viel engere Verbindung zu ihr her. Menschen wollen sich auf verschiedene Art und Weise als Juden engagieren. Und wir verleihen dem Abenteuer eine neue Qualität.“
Rabbiner Nachum Shifren, ein Orthodoxer, der im Taucheranzug und mit Vollbart auf den Wellen reitet, sagt, die Surfkurse, die er in Israel und Südkalifornien anbietet, hätten eine kathartische Wirkung. „Das Ganze wirkt therapeutisch“, sagt Shifren. Shifren arbeitet an einem neuen Programm, mithilfe des Surfens Jugendliche aus den Problembezirken der Städte von Drogen und Kriminalität wegzubringen. „Wir neigen dazu, die Religion als einen Ort zu betrachten, wo man sich den Vorschriften unterwerfen muß … aber es gibt in der Religion Raum für Rebellion“, sagt Shifren. Rabbinerin Korngold sieht das ähnlich. Sie erreiche durch ihre therapeutische Herangehensweise alle möglichen Arten von Juden, die sich der Religion entfremdet haben. „Wir nahmen wütende oder gleichgültige Juden auf und verwandelten sie in Juden mit einer positiven jüdischen Identität“, sagt sie.
Steppin’ Out Adventures in Chicago nutzt diese gemeinschaftsstiftende Wirkung als Mittel zur Eheanbahnung: Jüdische Singles dürfen miteinander schmusen, während sie in Irland Rad fahren oder in Peru den Inkapfad hinaufklettern. Robin Richman, Leiterin und Mitbegründerin der Organisation findet es verblüffend, wie stark die so entstehenden Beziehungen sind. „Bei einer Abenteuerreise kann man alles planen, trotzdem passieren unerwartete Dinge“, sagt sie.
Auch den 20 Mitgliedern der Chesapeake Bay Sailing Chavurah hat die Verknüpfung von freier Natur und jüdischem Leben einiges gebracht. „Zuerst glaubte je‐ der, der einzige zu sein“, der segeln ging und jüdisch war, sagt Julien Hofberg, Leiterin der Gruppe. Aber nach und nach fanden sich Boote mit Namen wie Tikkun Olam und Miss Shue Goss zusammen, ebenso ein Holocaust‐Überlebender, ein orthodoxer professioneller Segler, der an Rennen teilnahm, und eine halbes Dutzend konservative und Reformjuden aus der ganzen Region. „Jetzt halten wir jeden Schabbat eine Hawdalah‐Zeremonie ab und feiern zusammen Chanukka.“

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