Umzug

Wegweisend

von Abraham Gottlieb

Im Abschnitt dieser Woche lesen wir: „Juda aber sandte vor sich her zu Josef, damit dieser vor ihm her nach Goschen Weisung gebe (le‐horot lefanav). Und sie kamen nach dem Land Goschen“ (1. Buch Moses 46, 28). Nach dem offen zutage liegenden Sinn des Textes sandte Jakob seinen zuverläßigen Sohn Juda zu Joseph voraus nach Ägypten, so daß Joseph ihm den Weg nach Goschen weisen konnte. Zweck der Reise war es, Josephs Pläne für seinen Vater und seine Brüder umzusetzen. Seine Absichten hatte Joseph ihnen bereits mitgeteilt: „Du sollst im Land Goschen wohnen“ (45, 10).
So ist die Auffassung aller klassischen Exegeten, einschließlich Raschi. Allerdings fügt Raschi der Wendung „Weisung geben“ (was auch „Anweisung geben“ bedeuten kann), die Midrasch‐Worte hinzu: „ihn auf das Studium vorzubereiten, auf daß von dort Lehre ausstrahle“. Dieser Midrasch stammt aus Genesis Rabbah (Ed. Wilna. 95, 3): „Ihm ein Haus zu errichten, darin er die Tora lehren kann und darin die Stämme lernen mögen.“ Der Midrasch bietet noch eine weitere Deutung: „Ein Haus für ihn zu errichten, darin er wohnen möge.“
Für die Exegeten bedeutet vermutlich die Wendung „Weisung geben“ etwas anderes als tatsächlich physisch nach Goschen zu gehen. Anders gesagt kam Juda zu Joseph, und danach erst wies Joseph ihn an, welchen Weg er nach Goschen einzuschlagen hatte. Er gab ihm also Weisung in Bezug auf die gesamte Niederlassung in Goschen und deren Zweck, noch bevor er die Billigung des Pharao einholte. Daraufhin kehrte Juda zu Jakob zurück und zog dann mit nach Goschen. Erst dort traf Joseph auf sie.
Die Weisen und Raschi sahen einen grundlegenden Wert in den Worten le‐horot lefanav ausgedrückt. Daher deuteten sie die Wendung als Verweis auf das Wort hora’a, Weisung, in der Tora und nicht einfach als Weisung des Weges. Raschi erkannte, daß die Niederlassung in Goschen nicht nur einen zeitweiligen Aufenthalt dort bedeutete. Die Söhne Jakobs sollten dort vielmehr als Gemeinschaft zusammenleben, bevor sie zu einem Volk wurden.
Daher verweist Raschi auf den Midrasch, der hier eine grundlegende Lektion bringt: „Er hatte Juda vorausgesandt – um ihm ein Haus des Studiums zu errichten, auf daß von dort Lehre ausgehen sollte. Daraus ergibt sich als Moral: Jede Handlung eines Menschen sollte zunächst daraufhin betrachtet werden, daß sie etwas Höheres vorbereitet. So sollte sich derjenige, der das Glück hat, sich ein Haus bauen zu können, sich zuallererst den Raum darin vorstellen, in den er sich zum Torastudium, zu Gebet und Meditation zurückziehen kann. Dann den Raum, in dem sich die Toraschüler versammeln können, und dann erst den Rest den Hauses nach seinen Bedürfnissen. So sandte Jakob (Juda) voraus, um ihm ein Haus des Studiums einzurichten.“ In allem, was wir tun, sollten sich unsere Absichten auf himmlische Zwecke richten. Das Studium der Tora sollen wir als Grundlage des menschlichen Lebens ansehen.
Bereschit Rabbah erläutert, daß Jakob tatsächlich mit den Stämmen die Tora studierte: „Wißt, daß dem so ist, denn als Joseph von ihm schied, da wußte er, bei welchem Kapitel er gegangen war, und er stu‐ dierte es. Als Josephs Brüder zu ihm kamen und sagten: ‚Joseph lebt noch!‘ da schwand ihm sein Herz, denn er glaubte ihnen nicht“ (1. Buch Moses 45, 26). Eben in diesem Moment erinnerte er sich, in welchem Kapitel Joseph von ihm gegangen war, und er sprach zu sich selbst: Ich weiß, Joseph ist von mir gegangen, als wir das Kapitel über eglah arufah (hebr. „Jungkuh mit gebrochenem Genick“, vgl. 5. Buch Moses 21, 1–9) studierten. Er sprach zu ihnen: „Ich weiß, bei welchem Kapitel er von mir gegangen ist. Ich werde euch Glauben schenken!“
Wo auch immer Jakob sich niederließ, da studierte er die Tora, genau wie seine Väter es getan hatten. Obwohl dies noch vor der Gabe der Tora geschah, steht von Abraham geschrieben: „Dafür, daß Abraham auf meine Stimme gehört und meine Vorschriften, meine Gebote, meine Satzungen und meine Weisungen gewahrt hat“ (1. Buch Moses 26, 5). Jakob ging die Wege seiner Väter. Der Midrasch schließt daraus, daß der Kern von Jakobs Lehre an seinen Sohn Juda spiritueller Art war: die Tora zu studieren. Juda, der die Brüder vertrat und dem sein Vater Jakob vertraute, führte denn auch die Anweisung seines Vaters aus und erfüllte damit das Gebot der Achtung vor den Eltern.
Juda kam das Verdienst zu, den Auftrag seines Vaters zu erfüllen, „Weisung undLehre zu geben“, so daß er das Land Goschen erhielt, das gutes Land war. Juda, der Führer seiner Brüder, wurde also von seinem Vater zu Joseph gesandt. Dieser sollte ihm den Weg weisen, der schließlich zur Erfüllung der Worte Gottes an die Vorväter führen sollte: daß Israel in einem Land, das nicht seines war, zu einem Volk werden und später ins Gelobte Land zurückkehren sollte. Und In Gottes Worten an Jakob in dessen Traum heißt es: „Ich bin Gott, der Gott deines Vaters. Fürchte nicht, nach Mizrajim hinabzuziehen, denn zu einem großen Volk werde ich euch dort machen. Ich werde mit dir nach Mizrajim hinabziehen und dich auch wieder von dort heraufführen“ (1. Buch Moses 46, 3–4)“.

Der Autor unterrichtet an der Bar‐Ilan‐Universität in Ramat‐Gan/Israel. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Fakultät für Jüdische Studien, www.biu.ac
Wajigasch: 1. Buch Moses 44,18 – 47,27

Bundeswehr

Hitlergruß in Kaserne

Rechtsextremismus ist in der Truppe verbreitet

von Stefan Laurin  07.02.2019

Reinhard Schramm

Kirchenglocken mit Hakenkreuzen

In Thüringen stellen sich evangelische Gemeinden nicht ihrer Verantwortung

von Reinhard Schramm  07.02.2019

Mini-Machane

»Das war wirklich unglaublich«

1300 Kinder und Jugendliche erlebten einen ganz besonderen Schabbat

von Eugen El  07.02.2019