Mainz

Was lange wehrt

von Werner Wenzel

Zertrümmerte Betonbrocken, Ziegelsteine, aus der Schutthalde hinterm Bauzaun in der Mainzer Hindenburgstraße ragen alte Stahlarmierungen. Nur ein Betonquader mitten auf diesem Areal, wo bis vor Kurzem noch das Gebäude des Hauptzollamts stand, scheint neu. Ist neu. Es ist der Grundstein der neuen Synagoge, der an diesem kalten Sonntagmorgen versiegelt werden soll. Rund 500 Gäste sind gekommen, aus Mainz, aus Wiesbaden, aus Worms. Sie alle wollen dabei sein, wenn in der rheinland‐pfälzischen Landeshauptstadt ein neues Kapitel im Leben der Jüdischen Gemeinde Mainz aufgeschlagen wird, wenn gut 70 Jahre nach dem Brand der 1912 geweihten Hauptsynagoge an gleicher Stelle der symbolische Baubeginn der neuen Synagoge gefeiert wird.
Vom Vorgängerbau kündet noch der Portikus, 1988 entdeckt und als Mahnmal aufgestellt. Im Zelt neben der Baustelle überwiegend glückliche Gesichter. Da ist etwa der 85‐jährige Monsignore Klaus Mayer. Er erinnert an seinen Großvater Bernhard Albert Mayer, der als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde sowohl den Bau als auch 1933 den Brand der Synagoge erlebte. Für ihn sei heute, da der Grundstein für eine neue Synagoge gelegt werde, »ein beglückender Tag«. Für den 80‐jährigen ehemaligen Kulturdezernent und Leo‐Baeck‐Preisträger Anton Maria Keim bedeutet der Bau »ein Stückchen Lebens‐ erfüllung«.
Die Vorsitzende der Gemeinde, Stella Schindler‐Siegreich spricht von einem Augenblick, der »durch die Erinnerung an die schmerzliche Vergangenheit, aber auch besonders durch Freude, Dankbarkeit und Hoffnung geprägt« sei. »Der Wiederaufbau am alten Ort kann jedoch kein unmittelbares Anknüpfen an die zerstörte Tradition bedeuten. Denn wir, die wir heute die Jüdische Gemeinde Mainz bilden, sind im Gegensatz zu den Juden vor 1933 nicht in diese Gesellschaft hineingeboren, sondern sind zu einem großen Teil eingewandert«, so Schindler‐Siegreich. Dieser Morgen ist ein »tief bewegendes Ereignis« für sie.
Bereits im Juni 1962 gab es Pläne für eine neue Mainzer Synagoge, sogar ein Grundstein wurde gelegt, allein, es fehlte an der Finanzierung. Die steht nun, die rund zehn Millionen Euro Baukosten teilen sich Stadt Mainz und Land Rheinland‐Pfalz.
Der Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel sieht in dem Bau »ein beeindruckendes Zeichen für das Aufblühen jüdischen Lebens an diesem Ort der Zerstörung«. Die Silhouette der im Krieg zer‐ störten Stadt sei erst mit dem Bau der Synagoge geheilt, so Beutel. Ebenso wie Ministerpräsident Kurt Beck verweist er auf die große jüdische Tradition von Mainz, die durch die Verbrechen der Nazis abrupt beendet wurde. Nachdem es in Worms bereits seit 48 Jahren wieder eine Synagoge gebe, so Beck, in Speyer am 9. November der Grundstein gelegt wurde, erhalte nun auch Mainz eine Synagoge. »Wenn wir an die große jüdische Tradition anknüpfen, die zur Kultur und zum religiösen Leben unseres Landes gehört, darf dies nicht bedeuten, dass wir das entsetzliche Unrecht der Schoa ausblenden«, sagt Beck. »Wir wollen nicht vergessen, aber wir wollen gemeinsam eine bessere Zukunft bauen.«
Mit dem traditionellen Totengebet »El male rachamim«, vorgetragen vom Wiesbadener Rabbiner und Kantor Avraham Nussbaum, gedenken die Gäste der sechs Millionen von den Nazis und ihren Helfern ermordeten Juden. »Möge sich jeder Fluch in einen Segen umwandeln, jedes Leid in Freude«, sagt Rabbiner Julian Chaim Soussan von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland bei seinen Segenswünschen für den Bau.
Es grenze schon an ein »kleines Wunder«, wenn heute in Deutschland der Bau einer Synagoge so begeistert gefeiert werde, sagte Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sie spricht von den wunderschönen liturgischen Gesängen aus Mainz, die Rabbiner Leo Trepp, 1913 in Mainz geboren, vor vier Jahren veröffentlichte. »Möge das An‐ stimmen dieser Gesänge den Wiederaufbau jüdischen Lebens begleiten«, sagt sie. »Wer baut, bleibt – und gestaltet mit.«
»Ein Haus des Lebens, Lernens, Lehrens und Betens« solle das Synagogenzentrum werden, steht in der auf Hebräisch und Deutsch verfassten Urkunde, die Stella Schindler‐Siegreich in den Grundstein einbringt. Die Synagoge solle »in der Tradition des alten Magenza stehen, das als richtungweisende Lehrstätte des aschkenasischen Judentums in aller Welt bekannt war«, auf dass sich die Prophezeiung Jesaia erfülle: »Denn mein Bethaus soll ein Bethaus sein für alle Völker.«
Geplant hat den Neubau Architekt Ma‐ nuel Herz. Der Libeskind‐Schüler hatte mit seinem spektakulären Entwurf, der den hebräischen Schriftzug »Kedusha« aufnimmt, vor fast zehn Jahren den Wettbewerb um den Bau gewonnen. Der Stil solle auch bewusst machen, »dass es einen schmerzlichen Bruch in der Geschichte gegeben hat«, sagt Schindler‐Siegreich.
Mit grüner Keramik wird das Gebäude verkleidet. Mit einer grünen Keramikplatte versiegelt Kurtis R. Mayer, ein aus Mainz stammender Überlebender, der mit seiner Familie eigens zu diesem Fest aus Tacoma im US‐Bundesstaat Washington angereist ist, den Grundstein. Die Platte vermerkt das Datum: 25. Cheschwan 5769. Als sich am Ende die Freude Bahn bricht singt auch Kurtis R. Mayer wie all die an deren auf dem Trümmergrundstück, auf dem neues jüdisches Leben entstehen soll.

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