Wintermachane

Was bin ich?

von Tobias Kühn

Es ist ein Kinderspiel, die Wüste zu begrünen. Zwei, drei Pinselstriche – und im Negev gibt es eine neue Oase. Lena mischt Farben auf einem Pappteller: Braun und Gelb, Grün und Blau. Gemeinsam mit Dima und Pawel hat sie eine Landkarte von Israel gemalt. „Du solltest dunkleres Blau nehmen, denn das Meer ist tief“, mischt sich Boris ein, der alles ganz genau zu wissen scheint. Im Handumdrehen verschwinden die letzten weißen Flecken auf der Landkarte, und die dunkelblaue Farbe über den Tiefen des Mittelmeers fängt an zu trocknen. Nun beginnt die kartographische Feinarbeit: Es gilt, Städte einzuzeichnen und die Meere zu benennen.
Katia Nowominska, eine resolute Frau im olivgrünen T‐Shirt mit dem Emblem der israelischen Streitkräfte, erklärt das Projekt: „Die Kinder sollen Israel kennenlernen: Geographie und Geschichte, Kultur und Politik.“ Die 20jährige Medizinstudentin ist Madricha, sie leitet eine von drei Arbeitsgruppen. Ihre „Kinder“ sind 15 bis 18 Jahre alt – kaum jünger als sie selbst.
Für knapp eine Woche sind 40 Jugendliche aus den drei sächsischen jüdischen Gemeinden Dresden, Leipzig und Chemnitz zu einem Machane nach Potsdam gefahren. In einem Seminarhaus im Holländischen Viertel verbringen sie gemeinsam fünf Tage. Sie singen, tanzen, kochen, essen, spielen, feiern – und spüren ihren Wurzeln nach. Das paßt zu Tu Bischwat, dem Neujahrsfest der Bäume, das nur wenige Tage zurückliegt.
„Das Machane soll die jüdische Identität der Jugendlichen stärken. Sie sind wie zarte Bäumchen, ihre Wurzeln sind noch nicht tief“, sagt Ruth Röcher, die Initiatorin des Projekts. Die aus Israel stammende Religionslehrerin hat das jüdische Ferienlager gemeinsam mit fünf ihrer Jugendleiterinnen vorbereitet. Unterstützt wird sie von Zwiki Tamary, dem Leiter der Lehava‐Gruppe der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt), und vier Freiwilligen aus Israel. „Ich freue mich, daß die Madrichot so selbständig arbeiten. Und das, obwohl etliche von ihnen die Jugendleiter‐Ausbildung bei der ZWSt noch nicht be‐
gonnen haben“, sagt Röcher, die vor elf Jahren nach Sachsen kam. „Jetzt sehe ich die Früchte meiner Arbeit.“ Die Jugendarbeit müsse von der Jugend selbst geleistet werden, betont die 51jährige. „Ich bin zu alt dafür, ich kann nur Impulse geben.“
Inzwischen hat Katia Nowominska auch eine Geschichtsgruppe gebildet. Die acht Jugendlichen sollen auf weiße Zettelchen geschriebene historische Begriffe zuerst chronologisch ordnen und dann einige Fakten dazu aufschreiben. „Moses Mendelssohn“, „Erster Zionistischer Kongreß“, „Adam und Eva“, „Schoa“ und „Moses“ steht auf den Zettelchen. „Esther“, „Sechs‐Tage‐Krieg“, „Spanische Inquisition“, „Unabhängigkeitserklärung“ und „Jom‐Kippur‐Krieg“. Daß Adam und Eva an den Anfang gehören, ist allen klar. Doch daß Moses Mendelssohn erst nach der Spanischen Inquisition lebte, ist nicht unumstritten. Ebenso geteilter Meinung sind die Jugendlichen darüber, ob der Erste Zionistische Kongreß vor oder nach der Schoa war. Und daß der Jom‐Kippur‐Krieg nach und nicht vor dem Sechs‐tagekrieg war, das weiß nur Boris.
Während sich die Älteren mit Hilfe eines Lehrbuchs Klarheit verschaffen über wichtige Ereignisse der jüdischen und israelischen Geschichte, geht es bei den Jüngeren, den 13‐ und 14jährigen, spielerisch zur Sache. Sie machen eine Stuhlreise quer durch Israel. Der letzte gibt den freigewordenen Stuhl nach vorn, es gibt mehrere Runden, wer nicht schnell genug ist, scheidet aus. „Doch wer ausgeschieden ist, kann den anderen helfen, denn wir sind alle Schwestern und Brüder“, ruft Jugendleiterin Albina. Man merkt, auch hier geht es um Identität und darum, den innerjüdischen Zu‐ sammenhalt zu stärken.
Nach dem Abendessen, es gibt Spaghetti mit Ketchup und Weißkohlsalat, trifft sich Katia Nowominska zu einer letzten Runde mit ihren Großen. Sie verteilt ovale Zettel. „Was zeichnet mich als Jude aus?“ und „Was bedeutet Judentum für mich?“ möchte sie von den Jugendlichen wissen. Lena lacht verschmitzt. „Ist das eine Falsch‐richtig‐Frage?“ Die Madricha bleibt ernst. Nein, sagt sie, es sei keine Wissensfrage, sondern eine Frage des Gefühls. – „Was meint sie?“ zischt Pawel zu Dima. Katia Nowominska erklärt die Fragen, bis alle sie verstanden haben. Dann gibt sie einige Minuten Bedenkzeit, in der jeder seine Antworten aufschreiben soll. Bevor sie die Zettel schließlich wieder einsammelt, fragt sie, wer damit einverstanden sei, daß sie die Antworten vorlese. Nicht alle geben ihr Einver‐
ständnis. Dann wird es ganz still im Raum. Katia beginnt zu lesen. „Ich bin anders, ich habe eine andere Sichtweise. Ich kämpfe täglich gegen die Assimilation. Ich versuche, die Meinungen anderer über das Judentum positiv zu beeinflussen“, schreibt ein Mädchen.
Dann liest Katia die Antwort eines Jungen: „Was mich als Jude auszeichnet? – Meine Nase.“ Alle lachen, auch Katia. Noch eine Antwort eines Jungen: „Was mich als Jude auszeichnet, ist, daß ich am Schabbat kostenlos in der Synagoge esse.“ Wieder Gelächter. Schließlich: „Jude zu sein, bedeutet für mich nicht, religiös zu sein, aber zu wissen, wo meine Wurzeln liegen.“ Katia Nowominska hebt ihre Augen. Sie sieht zufrieden aus. Ihre Arbeit hat sich gelohnt: Wer weiß, wo seine Wurzeln liegen, der kann sie auch stärken.

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