Philosophie

Warum Israels Reaktion auf den Hamas-Angriff angemessen ist

Die Hinrichtung des französischen Königs Ludwig XVI. am 21. Januar 1793 (unbekannter Künstler) Foto: picture alliance / Photo12/Ann Ronan Picture Librar

Es gibt selten so viele Experten wie in Zeiten des Krieges. Sie leben in der Regel dort, wo gerade kein Krieg stattfindet. Die Sicherheit des eigenen Lebens gibt ihnen das Selbstbewusstsein, gute Ratschläge zu erteilen. Seit dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober kommt Israel – nicht zum ersten Mal – in den Genuss dieser Belehrungen. Sofern sie nicht darauf zielen, Israel die Selbstverteidigung zu verbieten, mahnen die externen Ratgeber zur Zurückhaltung.

Der irische Ministerpräsident Leo Varadkar zum Beispiel ließ schon am 9. Oktober das zwei Tage zuvor geäußerte Mitgefühl beiseite, um dem Staat Israel ins Stammbuch zu schreiben, die Reaktion des Landes auf einen vorher kaum vorstellbaren Akt des Terrors müsse »proportionate«, also der Schwere des Angriffs angemessen sein. Was aber ist »angemessen«?

AUFKLÄRER Ein Blick in die Schriften eines anderen Iren, nämlich Edmund Burkes, könnte Varadkar darüber Auskunft geben. Der 1730 in Dublin geborene Ang­lo-Ire Burke war einer der größten Parlamentarier seiner Zeit und der vielleicht bedeutendste politische Philosoph im Großbritannien des 18. Jahrhunderts. Als Mitglied des House of Commons stritt der Whig (liberale Partei, Anm. d. Red.) zeitlebens für Gerechtigkeit. Er war ein konservativer Aufklärer, der auf der Grundlage freiheitlicher Prinzipien handelte.

Burkes letzter großer Kampf galt der Französischen Revolution, die er für die größte Bedrohung der Zivilisation hielt, die es seit Jahrhunderten gegeben hatte. Seine »Reflections on the Revolution in France« aus dem Jahr 1790 richteten sich an die britischen Freunde der Revolution, denen er den Charakter der Revolution und die Vorzüge der britischen Verfassung vor Augen führen wollte. Seit 1791 warb er für ein militärisches Vorgehen gegen die Revolution, die sich bald so radikalisierte, wie er es vorausgesagt hatte. Nachdem Großbritannien im Februar 1793 als Teil der antifranzösischen Koalition in den Krieg eingetreten war, wurde er nicht müde, für ein entschiedeneres Vorgehen zu werben, vor allem, nachdem der Nationalkonvent die Terrorherrschaft etabliert hatte. Die Maßnahmen des Wohlfahrtsausschusses unter Maximilien de Robespierre erfüllten heute den Tatbestand von Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Israel steht mit den Hamas-Terroristen ein gewissenloser Feind gegenüber.

Die Triebfeder dieser Verbrechen war aus Burkes Sicht der fanatische Atheismus der Jakobiner, der als Gegenstück des religiösen Eifers die Form einer politischen Religion annahm. Die atheistischen Revolutionäre kannten nur zwei Ziele: die Bekehrung oder die Vernichtung Andersdenkender. Der Atheismus spielte für die Jakobiner eine ähnliche Rolle wie heute die Schwesterideologien des Islamismus und des Antisemitismus für die Hamas.

Wie aber führt man einen Krieg gegen einen maßlosen Feind mit gemäßigten Mitteln? Was ist »angemessen«, um auf Varadkars Mahnung zurückzukommen? Burke setzte sich stets für die klassischen politischen Tugenden von Mäßigung und Klugheit ein und ließ sich bei seinem Kampf gegen die Französische Revolution von ihnen leiten. Heute werden oft Politiker als gemäßigt und klug bezeichnet, die dafür plädieren, nichts zu tun. Burke dachte anders. Die Klugheit – die »Göttin dieser niederen Welt«, wie er sagte – zwang den Politiker zum Kompromiss zwischen seinen Prinzipien und den Umständen. Mäßigung bedeutete, die eigenen Leidenschaften zu zügeln, nicht zum Äußersten zu gehen. Sie forderte aber auch, Herausforderungen mutig anzunehmen.

ATHEISMUS Im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg erklärte Burke seiner Regierung, die »Gesetze des Krieges« seien die »Gesetze der Begrenzung«. Er warnte davor, alle zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen. Die Amerikanische Revolution war in seinen Augen ein Bürgerkrieg zwischen Briten. Burke hatte Sympathie für die Amerikaner, hoffte aber auf den Verbleib der Kolonien im Empire. Versöhnung war nicht nur geboten, sondern auch denkbar. Ganz anders verhielt es sich mit dem Krieg gegen das Pariser Revolutionsregime, der in Burkes Augen ein »Religionskrieg« war – allerdings nicht wie die Religionskriege des 17. Jahrhunderts. Es war kein Krieg einer Konfession gegen die andere, sondern der Krieg der politischen Religion des Atheismus gegen alle traditionellen Religionen und damit gegen die Zivilisation.

Klug handelt, wer das Unvermeidliche tut, ohne seine Prinzipien zu verraten.

Doch auch in diesem Fall hielt Burke es für unerlässlich, dass die Koalitionsmächte die Regeln des Krieges einhielten. Sie dürften nicht auf das Niveau der Revolutionäre sinken, jener »Höllenhunde, die man Terroristen« nenne. Selbst mit Blick auf das Ziel wollte Burke die Mäßigung gewahrt wissen. Das Revolutionsregime war nicht gleichbedeutend mit Frankreich, und die Franzosen waren die ersten Opfer der Jakobiner. Aber die Herrschaft der Revolutionäre musste beseitigt werden, wenn jemals wieder Frieden in Europa herrschen sollte. Der Krieg gegen solch ein Regime, so Burke, sei »der offenkundig gerechteste und notwendigste Krieg«, den Großbritannien oder eine andere Nation je geführt habe.

Israel steht heute mit der Hamas ein gewissenloser Feind gegenüber, der die Jakobiner an Brutalität und Fanatismus weit übertrifft. Dass ein souveräner Staat sich gegen solch einen Feind verteidigt, ist aus Burkes Perspektive nicht nur selbstverständlich, sondern auch gerecht. Aber ist die Art und Weise, wie Israel es tut, auch »angemessen«, um auf Varadkars Mahnung zurückzukommen? Zieht man Burkes Kriterien heran, ist das bisherige schrittweise Vorgehen Israels so gemäßigt und klug, wie es die Situation zulässt. Die Opfer, die der Krieg fordert, gehen auf das Konto von Terroristen, die Israel keine Wahl gelassen haben und das auch wussten.

UN-RESOLUTION Weniger »angemessen« scheint das Verhalten mancher erklärter Freunde Israels zu sein. Jürgen Trittin hat die deutsche Enthaltung bei der Abstimmung über die Gaza-Resolution der Vereinten Nationen am 30. Oktober im Deutschlandfunk als »sehr kluge Haltung« bezeichnet. Burke wäre anderer Meinung. Mit Blick auf diejenigen, die mit Verweis auf die Klugheit einen Frieden mit dem revolutionären Frankreich forderten, stellte er 1796 fest, dass es eine aus Furcht geborene »falsche, kriecherische Klugheit« gebe. Echte Klugheit sei eine Form »tapferer Weisheit«.

Übersetzt in die Sprache unserer Zeit: Klug handelt, wer das Unvermeidliche tut, ohne seine Prinzipien zu verraten. Burke wusste, wie schwer das ist. Manche Ratgeber Israels könnten etwas bei ihm lernen.

Der Autor ist stellvertretender Leiter Wissenschaftliche Dienste/Archiv für Christlich-Demokratische Politik und Leiter Zeitgeschichte bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin.

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