Sofia Gililov

Von Herzen

von Christine Schmitt

Wenn Sofia Gililov von Emanuel spricht, dann strahlt sie. Früher hat der Dreijährige viel geweint und war ganz unruhig, sagt sie. Ein blasses, schmales Gesicht hatte er damals und mochte weder essen noch spielen. Aber jetzt, jetzt geht es ihm richtig gut – soweit es einem dreijährigen Jungen gut gehen kann, der mit einem künstlichen Herzen lebt und auf ein Spenderherz wartet. Nur mit Kissen abgestützt ist er in der Lage zu sitzen. Krabbeln, laufen oder stehen – das alles kann Emanuel nicht, weil er zu schwach ist und weil vor seinem Bauch drei Apparate befestigt sind, die ihn am Leben halten. Er hat zugenommen, ist vergnügt und freundlich, sagt die 57-Jährige. Und er freue sich, wenn Sofia zu Besuch ins Deutsche Herzzentrum kommt, wo er liegt.
Im Januar sind Emanuels Eltern mit ihm und seinem jüngeren Bruder aus Israel nach Berlin gekommen, um ihrem Dreijährigen das Leben zu retten. Er ist mit einem Herzfehler auf die Welt gekommen und wurde bereits im Alter von vier Monaten in Israel operiert. Aber nach dem Eingriff ging es ihm nicht gut. »Ihr Kind wird sterben«, sollen die Ärzte zur Mutter gesagt haben. Einzige Rettung: ein Spenderherz. Aber Emanuels Mutter – laut Sofia Gililov stark und kämpferisch – wollte und will nicht aufgeben. So schaffte sie es, nach Berlin ins Deutsche Herzzentrum zu kommen. Ihre beiden älteren, schulpflichtigen Kinder leben seitdem bei der Oma in Israel, ihr jüngstes Kind, das gerade ein Jahr alt geworden ist, ist mit nach Deutschland gekommen.
Rabbiner Yitshak Ehrenberg hatte ein anderes Kind im Krankenhaus besucht und traf dort auch Emanuel und seine verzweifelte Mutter an. Da die Familie ursprünglich aus dem Kaukasus kommt, dachte der Rabbiner, dass die aus Baku stammende Sofia Gililov genau die Richtige sei, um die Familie zu betreuen. Seit mehreren Monaten besucht sie nun täglich Emanuel im Krankenhaus.
»Ich helfe gerne«, sagt Sofia Gililov. Ob Kochen für den Kiddusch, sich um in Not geratene Leute kümmern, einen Minjan zu organisieren oder eine Spendenaktion ins Leben rufen, wie jetzt für Emanuel – die freiwillige Helferin mag es, gebraucht zu werden. »Was ich kann, mache ich mit ganzem Herzen.« Sie liebt es, sich mit Menschen und speziell mit Kindern zu beschäftigen. Dennoch hatte sie nach der Schule erst einmal eine Ausbildung zur Buchhalterin in Baku absolviert, war aber gleichzeitig in der jüdischen Jugendarbeit aktiv und leitete mitunter Machanot.
Aufgewachsen ist sie bei ihrem Vater, da sich ihre Eltern bereits früh getrennt hatten. Ihre Tanten und ihre Großmutter, die im gleichen Haus lebten, feierten mit ihr den Schabbat und gingen mit ihr in die Synagoge. »Ich bin religiös groß geworden.« Einen Rabbiner hat es in ihrer Verwandtschaft gegeben und der hatte ihr gesagt, dass sie »in unser Land Israel gehen muss«.
Mit 26 Jahren zog sie schließlich mit zwei kleinen Kindern und ihrem Mann nach Megdal-Halmek bei Haifa. Und stieß in ihrer alten Heimat auf viel Unverständnis. In Baku habe es ja alles gegeben, man konnte studieren oder eine Ausbildung machen, sagt Sofia Gilelov. Antisemitismus habe sie dort nie erlebt. An der Uni in Haifa lernte sie Hebräisch, was ihr leichtgefallen sei. Anschließend arbeitete sie in der Stadtverwaltung und vermittelte Neuankömmlingen in Israel eine Wohnung. Als 1982 der Libanon-Krieg ausbrach und ihr Mann als Soldat im Einsatz war und viele Monate nicht nach Hause kam, machte sie sich so viele Sorgen um ihn, dass sie erstmals an eine erneute Ausreise dachte. »Meine drei Kinder sollen nicht im Krieg sterben«, meint sie. 1986 kam die Familie nach Berlin. Der Anfang glückte: Sie fanden eine Drei-Zimmer-Wohnung und Arbeit.
Zwei Jahre lang arbeitete sie bei Telefunken, doch dann wurde die Produktion eingestellt und Sofia Gililov verlor ihren Job. Was nun, fragte sie sich – und hatte eine Idee: Sie fing an, in Synagogen zu helfen und engagiert sich im Kaukasus-Club. Das sei die beste Medizin gegen Depressionen, meint sie. Denn nichts zu tun zu haben und nicht gebraucht zu werden, das tut ihr weh. Heimat ist für sie immer noch Baku und Israel, aber eben nicht Berlin. Ihre Kinder sind auf eigenen Wunsch zum Militär nach Israel gegangen, leben aber heute wieder in Deutschland. »Ihr Zuhause ist hier«, meint Sofia Gililov. In Gedanken ist sie hingegen in Megdal-Halmek – und plant ihre Rückkehr dorthin.
Auch Emanuels Eltern denken viel an ihr Zuhause in Israel. Wenn der Dreijährige ein neues Herz hat, will die Mutter mit ihm zu den Ärzten gehen, die ihm keine Hoffnung geben wollten und ihnen zeigen, dass er es geschafft hat.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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