DRESDEN

Vollwertig

Mal ziehen sie geradewegs nach oben, dann wirbelt sie der Wind durcheinander, um sie schließlich alle gleichzeitig in den Himmel zu tragen. Als Mariya Zhurkina, Kira Bodrova, Elisabeth Avdalyan und Lia Reznik die rot glänzenden, herzförmigen Ballons in die Luft steigen lassen, ist es einen Moment lang ganz still. In schlichter festlicher Garderobe, mit cremefarbenen Röschen im Haar und passendem Blumenschmuck am Handgelenk haben sich die Mädchen anlässlich ihrer Batmizwa am vergangenen Freitag auf der Terrasse des jüdischen Gemeindehauses in Dresden nebeneinandergestellt. Nicht nur ein perfekter Moment, um ein Bild für das Familienalbum zu schießen, sondern auch ein schönes Symbol für das Verfliegen der Kindheit und das bevorstehende Erlangen der Religionsmündigkeit. Was bedeutet den Mädchen der Glaube? »Sehr viel. Ich kann aus den jüdischen Geschichten lernen«, antwortet Elisabeth Avdalyan und Mariya Zhurkina denkt dabei sofort an die Worte: »Hoffnung und Vertrauen«.

schrittweise »Ich bin sehr froh über diesen Anlass, denn er bedeutet Nachwuchs für unsere Gemeinde«, freut sich Nora Goldenbogen, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Dresden, in ihrer Begrüßungsansprache. Die Gemeinde habe derzeit rund 700 Mitglieder, 25 Prozent seien jünger als 30 Jahre. 90 Prozent von ihnen sind Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. »Diese Familien machen hier ihre ersten Schritte Richtung Judentum. Jede in ihrem eigenen Tempo«, erklärt Ruth Röcher, ihre Religionslehrerin, die zugleich Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz ist. Auch die vier Batmizwa-Mädchen sind zugewandert. Die 14-jährige Elisabeth Avdalyan, die gern Klavier und Gitarre spielt und begeistert Französisch, Italienisch und Englisch lernt, stammt aus Russland. Von dort kam vor elf Jahren auch die Familie der gleichaltrigen Kira Bodrova. Sie ist passionierte Reiterin und Tennisspielerin. Die 12-jährige Lia Reznik liest gerne Bücher. Sie wurde in Moldawien geboren. Und Mariya Zhurkina kam mit ihrer Familie vor vier Jahren aus der Ukraine, sie ist sportlich und sprachbegabt.
»Ich habe mich damals oft einsam gefühlt«, erinnert sich die 13-Jährige an ihre erste Zeit in Deutschland. Inzwischen haben sich die Mädchen längst eingelebt. Alle vier gehen in Dresden aufs Gymnasium. Über die jüdische Gemeinde haben sie untereinander Bekanntschaft und gar Freundschaft geschlossen, denn jede be-
sucht dort den Religionsunterricht von Ruth Röcher. Vor sechs Monaten kam noch der Unterricht zur Vorbereitung auf die Batmizwa hinzu, der ab und zu auch vom Landesrabbiner Salomon Almekias-Siegl gehalten wurde. Schritt für Schritt haben die Mädchen dort die Tora, Hebräisch, Verhaltensregeln und jüdische Traditionen kennengelernt. Finanziert wurde dieser Unterricht vom Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden.

Zusammengehörigkeit Ruth Röcher sind ihre Schüler ans Herz gewachsen: »Ich verbringe immer wieder Freizeit mit ihnen. Mit den vier Mädchen und ihren Müttern war ich im April ein Wochenende in Berlin. Wir haben zusammen Schabbat gefeiert und viele Gespräche geführt. Da entsteht Nähe.« Gerührt verfolgt Ruth Röcher denn auch die Powerpoint-Präsentationen, mit denen die Biografien der Mädchen auf der familiären Feier im Gemeindehaus am Freitagnachmittag vorgestellt werden. Aufgelockert durch jiddische und hebräische Gesangseinlagen des Chors »Freylax« blicken die rund 50 Gäste auf bewegte Kindertage zurück, wobei sie bei dem ein oder anderen Schnappschuss ins Schmunzeln kommen. Nachdem die Ballons in den Himmel hinauffliegen, steht der wichtigste Teil der Batmizwa bevor: der Gottesdienst, den die Mädchen mitgestalten, indem sie einige Gebete vortragen.
geschenke Schließlich veranlasst Landesrabbiner Almekias-Siegl, sprichwörtlich als besonderes Bonbon, dass jeweils vier Männer aus der Gemeinde einen Tallit über den Mädchen ausbreiten, in den die Mütter Süßigkeiten werfen. Mit dem Kiddusch endet die Zeremonie. Anders fühle sich das Leben nun nicht an, sind sich die vier einig. Fassbarer ist für sie hingegen die Italienreise, ein Geschenk zur Batmizwa, auf die sie sich nun ganz besonders freuen.
Nora Goldenbogen sieht diese Batmizwa, die zweite in den vergangenen Jahren, als Ergebnis einer erfolgreichen Jugendarbeit. Regelmäßig habe die Gemeinde Ju-
gendschabbatot ausgerichtet und den Sechs- bis Zehnjährigen eine Sonntagsschule ermöglicht. »Ein Problem ist, dass viele nach der Schule die Stadt verlassen. Wir müssen uns bemühen, die Leute zu halten«, betont Nora Goldenbogen. Für den Sommer und Herbst plant die Jüdische Gemeinde Dresden in Zusammenarbeit mit dem Jugendreferat der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland ein Jugendzentrum einzurichten.

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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