David Tichbi

»Viel Freizeit bleibt mir nicht«

Heute habe ich mal so richtig lang geschlafen, bin erst gegen halb neun Uhr aufgestanden und habe ausgiebig und in aller Ruhe gefrühstückt. Gut, es ist Samstag, und eigentlich müsste ich gar kein schlechtes Gewissen haben. Aber es gibt momentan einfach so viel zu tun für mich. Es wäre nicht schlecht, wenn der Tag die berühmten 48 Stunden hätte. Ich promoviere nämlich gerade über Insolvenzrecht an der Uni Hamburg und gehöre außerdem zum neuen Vorstand der hiesigen Gemeinde.
Dabei hätte ich mir ein klein wenig mehr Zeit durchaus verdient. Vor vier Monaten habe ich mein erstes juristisches Staatsexamen abgelegt. Die Wochen und Monate davor waren bestimmt von intensivem Lernen, manchmal tagelang. Es gibt Kommilitonen, die sagen, sie gehen in die Prüfung, wenn sie sich bereit dafür fühlen. Aber mal ehrlich, man fühlt sich nie bereit dafür. Immer bleibt ein gewisses Maß an Unsicherheit. Ich habe Kommilitonen, die besuchen schon ein, zwei Jahre die Tutorien. Das bringt am Ende nichts. Man muss sich Fristen setzen im Leben.
Und jetzt möchte ich, wie gesagt, promovieren. Mein Professor hat gesagt, dass ich dafür durchaus drei Jahre einplanen kann, aber ich will es schneller schaffen, vielleicht in ein bis zwei Jahren. Denn danach folgt das zweijährige Referendariat und anschließend das zweite Staatsexamen, und schon bin ich fast 30. Ich weiß, dass viele Jura‐Studenten in diesem Alter gerade mal das erste Staatsexamen ablegen, aber ich will eben etwas schneller sein.
Gleich nach dem Aufstehen setze ich mich an den Computer, um zu schreiben. Bald kommt dann an der Uni noch eine weitere Aufgabe auf mich zu, denn als wissenschaftlicher Mitarbeiter bin ich auch verpflichtet, Seminare zu geben. Ich habe mit meinem Professor über meine Arbeit im Gemeindevorstand gesprochen. Er hat keine Bedenken, dass ich es schaffe, und ich weiß auch, dass ich es packen kann. Ebenso trauen es mir meine Eltern zu. Wie es später sein wird, weiß niemand, aber momentan habe ich jedenfalls noch genug Kraft für alles.
Und diese Kraft kann ich gut gebrauchen. Seit ich im Juni in den neuen Vorstand unserer Gemeinde gewählt wurde, bin ich fast jeden Tag dort, sichte Unterlagen, telefoniere, rechne. Alle zwei Tage kommen wir als Gremium zu einer Sitzung zusammen. Man kann ja sagen, dass ein Ehrenamt im Gemeindevorstand nicht wirklich so viel Aufwand erfordert, aber in Hamburg ist das anders, momentan jedenfalls. Unter dem vorherigen Vorstand ist nämlich einiges nicht ganz optimal gelaufen, die Gemeinde schleppt ein strukturelles Defizit mit sich herum, und es gab – und gibt – für die neu Gewählten eine Menge Querelen. Kurz und gut, wir haben gerade sehr viel zu tun, um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.
In unserem fünfköpfigen Vorstand bin ich, das war ja logisch bei meinem Beruf, für die Rechtsfragen zuständig. Viel Lebenserfahrung habe ich zwar noch nicht, aber gerade in einem Jurastudium lernt man, konzentriert und analytisch zu arbeiten, das hilft mir jetzt sehr. Wir haben erst eine Weile gebraucht, um uns zusammenzufinden und die neuen Ressorts einzurichten, vieles wird aus organisatorischen Gründen derzeit noch von uns allen gemeinsam erledigt.
Einige Erfolge können wir schon vorweisen, zum Beispiel habe ich jetzt endlich die neue Satzung fertigbekommen, an der ich lange geschrieben habe. Und ein Podiumsgespräch über die anstehenden Aufgaben hat stattgefunden. Aber vor allem wollen wir eine neue, eine andere Atmosphäre schaffen, ein konstruktives, kritisches Miteinander. Wir sind zwar auf volle vier Jahre gewählt, aber die Zeit vergeht schneller als man denkt.
Jetzt komme ich sehr viel herum in Deutschland. Kürzlich war ich beispielsweise bei einer Tagung in München, eine Woche später auf einer Konferenz in Frankfurt am Main. Das ist manchmal sehr anstrengend, aber auch aufregend. Ich bin mit gerade mal 26 Jahren mit Abstand der Jüngste im neuen Vorstand, aber ich finde es schön, dass ich bereits so viel Verantwortung übernehmen darf. Die Altersmischung ist wichtig, um die Gemeinde in ihrer Gesamtheit abzubilden. Sonst aber spielt mein Alter keine Rolle. Es ist nicht so, dass die anderen, die alle über 50 sind, mir großväterlich und gönnerhaft auf die Schulter klopfen. Nein, wirklich nicht.
Bei mir gehen bestimmt 40 Arbeitsstunden wöchentlich für die Gemeinde drauf, das ist eine komplette Berufswoche. Wir haben mal kurz darüber nachgedacht, einen Geschäftsführer zu bestellen, aber den können wir uns nicht leisten, das wäre viel zu teuer. Gleichzeitig sehe ich die Gefahr, dass ehrenamtliche Mitarbeiter die Sache nur halbherzig anpacken. Vielleicht wäre eine Aufwandsentschädigung der richtige Weg, bisher bekommen wir nur die Sachkosten erstattet, darüber sollte man vielleicht mal reden.
Für mich ist es vor allem wichtig, mit anzupacken, um etwas zu verändern, wenn es einen stört. Auf keinen Fall darf man nur danebenstehen und schimpfen. Es muss aber auch was dabei rauskommen. Wenn ich merken sollte, dass ich mich ohne sichtbares Ergebnis abrackere, dann bin ich wieder draußen. Intensive Kommunikation ist deshalb ganz wichtig, ich glaube, es ließe sich viel Schlimmes verhindern, wenn alle Leute mehr miteinander reden würden. Ich fühle mich in gewisser Weise verpflichtet mitzuhelfen, denn ich bin einer der wenigen Alteingesessenen in der Hamburger Gemeinde, die in den vergangenen Jahren eine hohe Fluktuation erlebt hat.
Viel Freizeit bleibt mir zwischen Dissertation, Uni‐Job und der Arbeit in der Gemeinde nicht. Wenn es irgendwie geht, spiele ich gern mal Fußball, nicht so richtig im Verein, nur so mit Freunden von früher. Auch zum Fernsehen ist kaum Zeit. Nur die Nachrichten. Ich verfolge interessiert die Auseinandersetzung um die drohende Spaltung von Belgien. Meine Großmutter und ein älterer Halbbruder leben dort, und ich selbst besitze über meine Mutter weiterhin die belgische Staatsbürgerschaft.
Aber ich bin Hamburger. Mit Leib und Seele. Ein guter Freund von mir ist gerade nach Israel ausgewandert, das könnte ich nicht, ich bewundere ihn dafür. Ich befürchte, dass durch den Wegzug enge Kontakte verloren gehen. Wie sehr ich Hamburg mag, spüre ich bei den vielen Dienstreisen. Ich freue mich immer auf die Rückkehr. Auch bei meinen Eltern im Vorort Norderstedt bin ich gern, ich habe dort zusätzlich zu meiner kleinen Wohnung in der Stadt noch ein Zimmer. Ich möchte, wenn es irgendwie möglich ist, niemals irgendwo anders leben als in Hamburg. Berlin mag aufregend sein, aber Hamburg bleibt Hamburg.

Aufgezeichnet von André Paul

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