Alter

Verwöhne deine Seele

von Rabbiner
Zalman Schachter-Shalomi

»Der Gerechte gedeiht wie die Palme, er wächst wie die Zedern des Libanon. Gepflanzt im Hause des Herrn, gedeihen sie in den Vorhöfen unseres Gottes. Sie tragen Frucht noch im Alter und bleiben voll Saft und Frische.« (Psalmen 92, 13-15)
Immer wenn wir an unseren Körper denken, identifzieren wir uns automatisch mit ihm. Wir gehen von der – allerdings falschen – Annahme aus: »Ich bin alles, das mit meiner Haut umhüllt ist.« Es gibt Rabbiner und andere spirituelle Lehrer, die gerne sagen: »Das ist nicht mein Körper, sondern der Tempel meiner Seele.« Ich möchte Sie mit einer anderen Sichtweise bekannt machen.
Beim Lernen von Talmud und Tora wird immer wieder von den vielen Organismen gesprochen, die wir bewohnen: das physische Sein, den Energiekörper, unseren Organismus des Affekts, all die Menschen, die uns etwas bedeuten, unseren Organismus des Geistes, der in all unseren intellektuellen Welten zu Hause ist, und an oberster Stelle unseren Geist. Über den Körper müssen wir jedoch mit größerer Genauigkeit sprechen. Wenn Sie älter werden und anfangen, sich mit körperlichen Gebrechen herumzuschlagen – die wachsende Zahl der Prothesen (vom künst-
lichen Gebiss, über das Hüftgelenk aus Titan bis hin zu den Graue-Star-Linsen und Hörgeräten) und natürlich die Brille, die uns hilft, das Kleingedruckte zu lesen –,
werden Sie sich bewusst, wie viele müde, erschöpfte Bürger es im Gemeinwesen Ihres Körpers gibt. Wie oft haben Sie schon Bekannte im gleichen Alter getroffen und die düsteren Töne der Klaviatur Ihres Körpers ausgetauscht?
Die »In-Box« dieser ignorierten Botschaften droht uns zu zermürben. Von den Gedanken, die uns um vier Uhr morgens nach dem Gang zur Toilette heimsuchen, wenn wir (häufig vergebens) versuchen, wieder einzuschlafen, bis zu dem Gefühl ständiger Müdigkeit und den Krämpfen, die sich einstellen, wenn wir ruhen, erreichen uns Botschaften, die zu empfangen wir nicht bereit sind. Die »In-Box« dieser ignorierten Botschaften droht uns in einem Ausmaß zu zermürben, dass sie zum Ballast werden, der uns herunterzieht und depressiv macht.
Würden wir sie endlich beachten, könnten wir lernen, unsere Tagesroutine so zu gestalten, dass keiner unserer Bürger sich beschwert oder, noch schlimmer: rebelliert, indem er sich mit Krankheiten verbündet. Die Hauptaufgabe für den Weisen und Lehrer besteht also darin, dem Geschenk einer höheren Lebenserwartung ein erweitertes Bewusstsein gegenüberzustellen. Das ist eine Möglichkeit, gegen die Anziehungskraft der Melancholie anzukämpfen.
Eine andere Methode, den Umgang mit einem alternden Körper zu erleichtern, besteht darin, unseren Anker in der Zukunft festzumachen. Worauf können wir uns freuen? Nachdem wir unserer Sterblichkeit ins Auge geblickt und uns mit ihr ausgesöhnt haben, dürfen wir die Augen wieder schließen und in der Fantasie auf die Tankanzeige der noch verfügbaren Zeit blicken. Die meisten von uns stellen fest, dass sie noch ein paar Kilometer übrig haben. Was möchten wir auf diesen Kilometern in unseren Kalender der großen Erwartungen schreiben? Einmal plante ich eine Klausur für mich allein und ging daran, mir für die Zeit der Zurückgezogenheit ein rigoroses Programm aufzustellen. Eine mitfühlende und warmherzige Freundin machte mir klar, dass es nicht das war, was ich brauchte. Was sie empfehlen würde, fragte ich sie, und sie gab zur Antwort: »Nimm dir Zeit, um deine Seele zu verwöhnen, Zalman.«
Wie oft haben wir jene Art von Freuden aufgeschoben, für die wir weder allzu viele Muskeln noch Stehvermögen brauchen, die dennoch so befriedigend sind, weil sie den Druck des ungelebten Lebens vermindern! Warum ist das so?
Pläne zu schmieden, wie die Alltagsroutine umgestaltet werden kann, lässt in unserem Körper Ranken wachsen, die in die Zukunft reichen und uns für die Gegenwart Kraft einflößen. Der Körper nimmt die Dinge sehr wörtlich, wie Bill Schutz in seinem Buch »Body Language« (Körpersprache) darlegt. Wenn wir sagen: »Der und der geht mir auf die Nerven«, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Gesagte somatische Formen annimmt. Auf der anderen Seite verzögern freudige Erwartungen für einige Wochen, Monate oder Jahre die »Deadline«.
Der Gewinn, den wir aus diesem Vorgang des »Ver-Körperns« gegenwärtiger Zufriedenheit ziehen, besteht darin, dass wir all die anderen Organismen mit Energie, Affekt, Verstand und Geist aufladen. Sie wiederum versorgen uns mit einer Liste zu erwartender Freuden.
Meine Mutter, möge sie in Frieden ruhen, war gegen Ende sehr schwach. Mein Neffe, ihr Enkelsohn, stand im Begriff, sich zu verehelichen. Mit der Aussicht, bei diesem Ereignis dabei zu sein, nahm ihre Vitalität deutlich zu; sie hielt auf der Hochzeit Hof, und ihr wurden wohlverdiente Lobreden auf ein aktives und fürsorgliches Leben zuteil. Nicht lange danach starb sie – glücklich und friedvoll.
Ich rate, eine Liste aller Vergnügen zu machen, die Ihre Körperbürger sich leisten können und imstande sind, zu genießen. Meine Prognose ist, dass sich in der Erwartung dieser Freuden sogar die T-Zellen Ihres Immunsystems vermehren werden.

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