Ralph Giordano

»Unvereinbare Standpunkte«

»Unvereinbare Standpunkte«

Ralph Giordano über das Ende seines Engagements für das »Zentrum gegen Vertreibungen«

Herr Giordano, Sie waren jahrelang ein prominenter Fürsprecher des »Bundes der Vertriebenen« und des geplanten »Zentrums gegen Vertreibungen«. Jetzt haben Sie Ihre Unterstützung aufgekündigt. Woher der Sinneswandel?
giordano: Letzlich liegt es an der »Charta der deutschen Heimatvertriebenen« aus dem Jahr 1950. In diesem angeblichen »document humaine« gibt es keine Vorgeschichte der Vertreibung – Nationalsozialismus, Hitler, Himmler, Heydrich, Auschwitz? Unbekannt, kein Wort, keine Silbe. Die Opfer, man will es nicht glauben, nur Deutsche. Ich habe die Charta deshalb »ein klassisches Dokument deutscher Verdrängungskünste« genannt und ihr »meine Charta« entgegengesetzt: die der »unteilbaren Humanitas«! Also alles, aber auch alles auf den Tisch! Kein Verbrechen an Deutschen kann durch Verbrechen von Deutschen gerechtfertigt werden. Aber die Vorgeschichte des deutschverursachten Morduniversums ausblenden oder sie nur marginal behandeln, das deutsche Leid jedoch bilderreich beschwören, das geht nicht an. Diesen Grunddissens – das Missverhältnis in den öffentlichen Bekundungen zwischen Vorgeschichte der Vertreibung und ihrer Geschichte – konnte ich nicht unbegrenzt aushalten. Deshalb die Trennung. Unerwartet kommt sie nicht, gibt es doch eine sehr leidenschaftliche, wenn auch intern geführte Korrespondenz darüber, mit unvereinbaren Standpunkten. Leicht gefallen ist mir der Schritt nicht.

Warum haben Sie sich überhaupt engagiert?
giordano: Meine »Annäherung« hatte Gründe: Da kamen vor fünf Jahren aus dem »Bund der Vertriebenen« – also einem Topos, der für mich wie kaum ein anderer gezeichnet war von program-matischer Verdrängung und hartnäckiger Verweigerung, das schwere Los der deutschen Vertriebenen in den historischen Zusammenhang von Ursache und Wirkung zu bringen – neue Töne. Zum Beispiel: »Es war Hitler, der den Grundstein für die Vertreibung gelegt und die Büchse der Pandora geöffnet hat« oder »Eine Gleichsetzung von Holocaust und Vertreibung gibt es nicht. Die Vernichtung der Juden ist einmalig«. Wer das gesagt und geschrieben hat? Erika Steinbach, die Präsidentin des »Bundes der Vertriebenen« und Vorsitzende der Stiftung »Zentrum gegen Vertreibungen«. Das ließ mich, nach allen gegensätzlichen Erfahrungen, nun doch aufhorchen.

Hat Erika Steinbach zu wenig getan, um den Verband aus der Ecke der Unbelehrbaren glaubhaft herauszuholen?
giordano: Ja, das hat sie. Weil man gegen diese nach wie vor höchst lebendige Spezies nie genug tun kann. Nur wehre ich mich dagegen, Erika Steinbach ihr so einfach zuzuzuschlagen, wie viele ihrer Gegner es tun. Immerhin hat sie etwas getan, was aus dieser Riege vor ihr niemand getan hat: öffentlich mit den Berührungsängsten gegenüber der Nazizeit zu brechen. Dennoch gab und gibt es über die »Charta der deutschen Heimatvertriebenen« einen bleibenden Dissens zwischen uns beiden: Sie stimmt ihr zu, ich nicht.

Befürworten Sie weiterhin das Projekt eines »Zentrums gegen Vertreibungen«?
giordano: Ich werde dem ganzen Komplex auch künftig meine Aufmerksamkeit widmen und Erika Steinbach dabei sowohl kritisch beobachten, wie sie gegebenenfalls auch gegen ungerechtfertigte (und oft höchst machohafte!) Attacken verteidigen. Im Übrigen aber auf ein »Zentrum gegen Vertreibungen« warten, das sich durch sein Programm als ein ehrliches Zeugnis der unteilbaren Humanitas ausweisen wird. Die Hoffnung darauf ist nicht gestorben, jedenfalls noch nicht.

Mit dem Publizisten und Buchautor sprach Christian Böhme (Foto: Marco Limberg).

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