IDENTITÄT

Unter sich

Es kamen begabte Mathematiker
und begnadete Musiker – aber
auch gefährliche Mafiosi. Es gibt
Taxifahrer und Tänzer – aber
auch Taugenichtse, die von der Sozialhilfe
profitieren. Die Zahl der Professoren und
Putzfrauen ist gestiegen – aber auch die
der Prostituierten.
Kaum etwas hat die jüngere Geschichte
und damit auch die Gegenwart des Staates
Israel so sehr geprägt wie die Einwanderung
der »Russen«. Als der Eiserne Vorhang
sich vor 20 Jahren zu heben begann,
war noch nicht absehbar, dass sich der Charakter
des jüdischen Staates grundlegend
ändern würde. Doch der Zuzug von einer
Million Menschen aus dem untergegangenen
Sowjetreich war ein Wendepunkt.
Die neuen Bürger aus der früheren UdSSR
haben in kürzester Zeit die Ausrichtung
der Wirtschaft, die Qualität der Kultur, die
Tendenzen der Politik und die Genüsse der
Gastronomie verändert. Und die Fähigkeit
Israels, neue Bürger zu »absorbieren«, wurde
dabei auf eine harte Probe gestellt.
Denn die wenigsten der Neuankömmlinge
waren Zionisten. Sie emigrierten aus
ökonomischen Gründen, wollten nicht länger
in ihrer alten Heimat bleiben, weil ihnen
dort die wirtschaftlichen Aussichten
düster schienen. Aber die Zuwanderer suchten
nicht nur geografisch eine neue Heimat
– sie mussten sich auch ideologisch völlig
umorientieren. Es galt, die alte, von Diktatur
und Kommunismus geprägte Mentalität
abzulegen und sich gleichzeitig gedanklich
für Demokratie und Marktwirtschaft
zu öffnen.
Kein Zweifel: Die ökonomische Eingliederung
ist gelungen. Die »Russen« – 90
Prozent stammen aus Russland, der Ukraine
und Weißrussland – sind aus Israels
Wirtschaft, Kultur und Bildung nicht mehr
wegzudenken. 70 Prozent der Ex‐UdSSRBürger
haben Abitur oder einen Hochschulabschluss.
Die Immigranten brachten
Wissen mit, das den Aufschwung der Hightech‐
Industrie ermöglichte; 23.000 Ärzte
und 25.000 Krankenschwestern bewahrten
das Gesundheitssystem vor dem Kollaps.
In vielen Städten veranstalten die
Einwanderer Musikfestivals, gründen Literaturklubs
und Ballettschulen. Sie sind zudem
von Marketingfachleuten längst als
konsumfreudige Käuferschicht mit erheblichem
Nachholbedarf entdeckt worden.
So gut die wirtschaftliche Integration
gelungen ist, so ungenügend ist bisher die
gesellschaftliche Eingliederung. Nur 18
Prozent fühlen sich von den Alteingesessenen
als Israelis akzeptiert, ergab vor einem
Jahr eine repräsentative Umfrage. So führen
die Russen innerhalb der israelischen
Gesellschaft ein Eigenleben. Sie bewahren
ihre alte Identität und pflegen vorwiegend
untereinander Kontakt. Sie informieren
sich in erster Linie aus russischsprachigen
Medien, die in Israel zahlreich entstanden
sind: TV‐Sender, Zeitungen, Nachrichtenmagazine,
Rundfunksendungen. Die Tageszeitung
Vesty wird zum Beispiel von über
60 Prozent der Einwanderer aus der Ex‐
UdSSR gelesen. Zudem sind über Kabel
Sender aus Moskau oder russischsprachige
Stationen aus New York zu empfangen.
Noch 20 Jahre nach dem Beginn des
Massen‐Exodus fühlen sich die meisten
mehr in der russischen als in der israelischen
Kultur zu Hause. Das gilt in gleichem
Maße für die heranwachsende Jugend,
die eine starke Präferenz für Traditionen
aus der elterlichen Heimat hat. Sie
sprechen, schreiben und lesen zwar Hebräisch,
weil sie im Beruf vorwärtskommen
wollen. Im Privatleben aber ziehen
sie Russisch vor. Jüdische Identität? Den
meisten fehlt sie.
Während die gesellschaftliche Eingliederung
also noch in den Anfängen steckt,
haben die Russen, die inzwischen immerhin
13 Prozent der israelischen Bevölkerung
ausmachen, ihre politische Kraft gesammelt.
Die Parteien »Israel be Aliya«
und »Israel Beitenu« wurden zum Auffangbecken.
Die neuen Bürger haben die
politischen Kräfteverhältnisse verändert.
Sie stärkten die Rechte, weil sie, aus einem
großen Land stammend, in der Enge ihrer
neuen Umgebung nichts von Kompromissen
gegenüber den Palästinensern wissen
wollen. Die Arbeitspartei ist ihnen wegen
deren Nähe zur Linken suspekt.
Die Russen nutzen ihren politischen
Einfluss gekonnt aus. Bereits bei der Wahl
1992 spielten sie eine entscheidende Rolle.
Sie verhalfen der Arbeitspartei zum Sieg
und schickten die Likud‐Partei in die Opposition.
Vier Jahre später stimmten sie
für den Likud von Benjamin Netanjahu.
Inzwischen weiß jeder Politiker, dass ohne
die Zuwanderer der Weg an die Macht verstellt
ist. Derzeit spielt Avigdor Liebermans
»Israel Beitenu« eine Schlüsselrolle.
Denn sie ist den Russen eine politische
Heimat geworden. Und Lieberman, der
Immigrant aus Moldawien, ist jetzt sogar
Israels Außenminister.
Vielleicht gelingt den Russen ja über
den Weg in die politischen Entscheidungszentren
das, was ihnen gesellschaftlich
bislang versagt bleibt: ein Teil der Élite zu
werden.

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