TorA

Unter Brüdern

Die Toralesung an Rosch Hascha-na über die Verbannung von Ismael, dem Sohn Abrahams, hat für mich als eineiigen Zwilling immer einen bitteren Nachgeschmack. Es ist schwierig, die Idee des Neuanfangs und der dafür nötigen »Rechenschaftslegung der Seele«, die von uns am Beginn des Neuen Jahres gefordert wird, unter einen Hut zu bringen mit der Lässigkeit, mit der unser Patriarch Abraham seinen erstgeborenen Sohn Ismael beiseiteschiebt.
Zwar heißt es im Text: »Dieses Wort verdross Abraham sehr, denn es ging doch um seinen Sohn« (1. Buch Moses 21:11), doch verdross es ihn offensichtlich nicht genug, um dagegen zu protestieren. Nicht nur ließ er es zu, dass Sarah Hagar, die Konkubine, die sie selbst ins Spiel gebracht hatte, verbannte. Er schwieg auch, als mit ihr sein eigener Sohn ohne Essen und ohne Wasser fortgeschickt wurde.

Günstlinge Die Idee des Günstlings zieht sich durch die ganze Bibel; und jedes einzelne Beispiel bereitet mir großes Unbehagen. Abel wird Kain vorgezogen – jedenfalls in der Wahrnehmung Kains. Abraham, wie gesagt, lässt es zu, dass Sarah Is-
mael zugunsten Isaaks vertreibt. Isaak spielt das Günstlingsspiel mit seinen Zwillingssöhnen; er zieht Esau dessen jüngeren Bruder Jakob vor, während Jakob der Liebling und Auserwählte seiner Mutter Rebekka ist (von Gott gar nicht zu reden).
Auch Laban könnte man hier anführen, der Leah bevorzugt und sie in Jakobs Hochzeitsbett gegen Rebekka austauscht. Und Jakob zieht Joseph seinen anderen elf Söhnen und seiner einen Tochter vor.
Als eineiiger Zwilling kann ich die schematische Darstellung willkürlicher elterlicher Gunstbezeugungen und der instinktmäßigen Feindschaft zwischen Geschwis-
tern, insbesondere Zwillingen, wie sie in der Tora vorherrscht, nicht akzeptieren. Die Realität ist weitaus komplexer, als diese Schilderungen glauben machen; zuweilen trifft das genaue Gegenteil zu. Ich hatte nie das Gefühl, dass meine Eltern mich oder meine Schwester Robin vorzogen. Und ich weiß, dass der Wunsch, den anderen zu beschützen, für die Bindung zwischen Robin und mir wesentlich ist und zwischen uns gewiss keine giftige Rivalität herrscht.
Ich will nicht behaupten, dass wir stets in vollkommener Eintracht lebten oder dass wir uns nicht stillschweigend aneinander messen, uns vergleichen und gegenseitig anspornen, etwas zu erreichen. Doch die Basis ist unerschütterliche Loyalität, Wärme und Zuneigung. Ja, es scheint mir recht oberflächlich zu sein, Zwillinge als Feinde darzustellen, beinahe wie eine allzu bequeme literarische Masche.

Beziehung Tatsächlich beschreibt die Mehrheit der Zwillinge, die ich für mein demnächst erscheinendes Buch One and the Same interviewte, ihre Beziehung als eine Art Romanze: eine intensive Intimität und Ausschließlichkeit, die sie mit dem Ehepartner nicht fanden und auch nicht zu finden hofften. Die zwei Zwillingspaare, die in der Tora auftauchen, werden hingegen ohne Wenn und Aber als Rivalen präsentiert. Die Kämpfe zwischen Jakob und Esau, zwischen Perez und Serach fangen bereits in der Gebärmutter an.
Rabbi David Wolpe vom Sinai Temple in Los Angeles, der einen Kurs über Zwillinge in der Bibel gab, meint, beide Zwillingspaare seien von dem einen Gedanken besessen: »Alles, was sie interessiert, ist, wer als Erster zur Welt kommt.«
Jakob klammert sich an Esaus Ferse, wenn dieser sich anschickt, Rebekkas Schoß zu verlassen – vermutlich, um seinen Bruder festzuhalten, damit Esau nicht zum Erstgeborenen wird.
In ähnlicher Weise streckt Serach, während Tamar in Wehen liegt, seine Hand aus dem Mutterleib; in dem Moment, in dem die Hebamme einen roten Faden um sein Handgelenk bindet als Zeichen, dass er zuerst geboren wurde, zieht sich die Hand Serachs plötzlich zurück, und Perez kommt als Erstes aus Tamars Schoß. Daraus wird stillschweigend gefolgert, dass Perez seinen Bruder wieder zurückzog und sich in den Vordergrund drängte.
Wie um die Geste zu unterstreichen, sagt seine Mutter: »Warum hast du dir den Durchbruch erzwungen?« Daher der Ur-
sprung seines Namens Perez, der »Durchbruch« bedeutet.
»Es geht in beiden Geschichten darum, dass der Jüngere den Älteren besiegt«, so Wolpe. Er verweist darauf, dass sich in beiden Parabeln die Zwillinge bekriegen und bereits bei der Geburt miteinander im Streit liegen. »In beiden Fällen wird die natürliche Ordnung durch Täuschung oder durch Gewalt auf den Kopf gestellt.«

Erstgeborene In seinem Buch The Culture of Copy: Striking Likenesses, Unreasonable Facsimiles findet der Anglistikprofessor Hillel Schwartz eine andere Antwort auf die Frage, warum Serach erst ein Stück herauskam und sich dann zurückzog, um Perez den Vortritt zu lassen: »Kommentatoren sehen die beiden (Serach und Perez) um das Erstgeborenrecht kämpfen«, schreibt Schwarz, »doch die Episode kann auch als Weigerung Serachs gedeutet werden, das vollkommene Zwillingsdasein im Mutterschoß zu verlassen.«
Mir gefällt diese Interpretation besser, genau wie Wolpes weitaus menschenfreundlichere Erklärung, warum Jakob die Ferse seines Zwillings umklammert: »Man könnte die Stelle so interpretieren, als hätte Jakob Angst davor, dass Esau ihn verlässt; er hält ihn fest, weil er nicht verlassen werden will«, spekuliert Wolpe.
Die Erzählungen über Zwillinge erinnern mich an die Traditionen der Yoruba –ein afrikanisches Volk, das ich erforschte, weil es eine sehr hohe Rate von Zwillingsgeburten aufweist (45 von 1.000 Geburten, verglichen mit dem typischen Verhältnis 12 zu 1.000 Geburten).
Die Yoruba glauben, dass der ältere Zwilling tatsächlich der ist, der als Zweiter zur Welt kommt. Sie sind überzeugt, der ältere bleibe gewissermaßen zum Schutz zurück, während er seinen jüngeren Bruder nach draußen in Sicherheit schickt.
Diese afrikanische Interpretation scheint mir wahrer als die biblische, denn sie unterstreicht die Süße, die die ersten Erdenmomente für Zwillinge haben. Nicht nur, dass meine Erfahrung als Zwilling ziemlich friedfertig war. Ich wurde zuerst geboren, eine Minute vor Robin – meine Mutter unterzog sich einem Kaiserschnitt –, und mir gefällt der Gedanke, dass Robin, die die Ältere hätte sein sollen, meine sichere Ankunft überwachte.
Wie sich herausstellt, kristallisiert sich sogar in der Tora allmählich eine optimistischere Deutung der Geschwisterbeziehung heraus. Isaak und Ismael kommen beide zum Grab Abrahams – die Bevorzugung des einen durch den Vater hat die beiden Brüder nicht auf ewig einander entfremdet. Und Jakob begrüßt Esau nach Jahren der Entfremdung nicht mit einer Attacke, wie von Jakob prophezeit, sondern mit ei-
ner überraschenden Umarmung. Auch Jo-
sef bringt es über sich, seinen Brüdern trotz ihres Verrats zu verzeihen.
Auch wenn Geschwister in der Bibel als Feinde dargestellt werden, letztendlich sind sie doch vor allem eins: Brüder, einander verbunden, verzeihend, sogar liebevoll. Das hört sich für mich eher wie die Wahrheit an. Und diese Wahrheit scheint mir viel besser geeignet, sie in das neue Jahr mit hinüberzunehmen.

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