Vandalismus

Ungebetene Gäste

von André Glasmacher

Die zerstörten Blumenkübel wurden schon erneuert, ebenso wie die herausgerissenen Pflanzen. Vergangene Woche, in der Nacht von Montag auf Dienstag, hatte das russisch‐jüdische Restaurant »Pasternak« in Berlin wieder ungebetene »Gäste«. Es ist schon das zehnte Mal. In den vergangenen zwei Jahren wurde an den Markisen gezündelt, die Sonnenschirme aufgeschlitzt oder Säure auf die Zierpflanzen gekippt. Inzwischen hat auch der Berliner Staatsschutz Ermittlungen aufgenommen, erste konkrete Hinweise gäbe es aber noch nicht, sagte ein Polizeisprecher.
»Ich habe wohl Feinde«, sagt Ilja Kaplan mit einer Mischung aus Wut, leichter Ratlosigkeit und ausgeprägtem russischem Ak‐ zent. Bisher hat er nie Anzeige erstattet, aber jetzt sei seine Geduld am Ende. Es ist Mittag. Kaplan, der Besitzer des mondän‐gediegenen »Pasternak«, sitzt unter einer Markise im Schatten, ein Glas Wasser vor sich. »Immerhin lieben uns unsere Gäste«, sagt er dann und zeigt um sich. Am Nebentisch spanische Touristen, die sich angeregt unterhalten, russische Spezialitäten essen und georgischen Wein trinken. Zwei Tische weiter nippt eine elegant gekleidete Blondine an einem Kaffee, das silbrig glänzende Handy griffbereit. Kaplan deutet auf die Markise über sich. »Sehen Sie die Brandflecken?« In unregelmäßigen Abständen sieht man kleine Löcher und Flammenspuren. Seine Kellnerin, die eben das Wasser gebracht hat, zeigt auf einen Heizpilz: kalkige Flecken, die man nicht mehr weg bekäme, nicht mal mit einem Spezialreiniger. »Eine unbekannte Flüssigkeit«, fügt sie hinzu. Von einem anderen Anschlag.
Wer seine Feinde sind, darüber kann Kaplan nur mutmaßen. Er geht aber davon aus, dass es damit zusammenhängt, dass er Jude ist. »Ich habe zwar keine Beweise, aber warum bin ich der einzige Gastwirt hier, dem das passiert?«, fragt er. Der 46‐jährige gebürtige Moskauer betreibt seit 2002 im Szeneviertel Prenzlauer Berg, rund zwanzig Meter von der Synagoge in der Rykestraße entfernt, sein Restaurant. 1990 kam Ilja Kaplan als jüdischer Kontingentflüchtling nach Berlin. Hier gefällt es ihm. Er habe schon immer aus Russland weggewollt, sagt er. »Antisemitismus, ganz schlimm«.
Und jetzt das. Sein Restaurant, das in vielen Touristenführern über Berlin steht, wird immer wieder Ziel von möglicherweise antisemitisch motiviertem Vandalismus. Mehr als 5.000 Euro habe er bereits für die Beseitigung der Schäden ausgeben müssen. Die Versicherung zahle nur, was im Restaurant selbst vorfalle. Kaplan schüttelt den Kopf, streicht sich über die silbrigen Haare. Was er nicht versteht, ist, dass die Polizei, die in Rufweite und rund um die Uhr die Synagoge bewacht, nie etwas mitbekommt. »Verstehen Sie das?«
Zwanzig Meter weiter will man sich mangelnde Aufmerksamkeit nicht vorwerfen lassen. Der diensthabende Beamte will erst gar nicht mit der Presse sprechen. Dann sagt er, dass er »selbstverständlich die zuständigen Kollegen von der Schutzpolizei in Kenntnis setzen würde«, falls ihm etwas Ungewöhnliches, auf einen Strafbestand Hindeutendes auffalle. Und der Beamte weist auf ein Detail hin: Die Sicherheitsleute vor der Synagoge können das »Pasternak« nicht ohne Weiteres sehen.
Inzwischen hat sich auch der zivile Verantwortliche für die Sicherheit der Synagoge hinzugesellt. Er trägt ein lilafarbenes T‐Shirt, Goldkette und am Gürtel einen nach Cowboy‐Art schwer nach unten hängenden »Colt«. Von dem Vandalismus‐Anschlag hat er in der Zeitung gelesen. Doch die Presse bausche den Vorfall auf. »Vor allem mit Blick auf einen möglichen antisemitischen Vorfall, sag’ ich mal.« Der Verantwortliche vermutet »ganz stark«, dass es verärgerte Straßenmusiker oder Zeitungsverkäufer gewesen seien, die die Kellner vertrieben hätten. »Müssen Sie mal drauf achten, die laufen hier ständig rum.«
Von der These hält Ilja Kaplan nichts. Den Straßenmusikern erlaube er, vor dem Lokal zu musizieren. »Die Gäste mögen das.« Für den Restaurantbesitzer ist der schlüssigste Beweis, dass er Opfer von Antisemitismus ist, dass in den anderen fünf Bars und Restaurants seiner Straße noch nie Vandalismus vorgefallen sei. »Fragen Sie da mal nach«, fordert er nachdrücklich. Dort ist die Antwort einstimmig: Nein, es sei nie etwas passiert. Die Theorien, wer die Vandalen‐Täter vom Montag gewesen sein könnten, sind dafür umso vielfältiger. Die Spannbreite reicht von G‐8‐Gegnern, Jugendlichen, betrunkenen englischen Touristen, Touristen im Allgemeinen und Betrunkenen aller Art. »Vielleicht«, munkelt einer, »ist das auch eine Auseinandersetzung unter Russen«. Nur ein Kellner des Restaurants »Kost.Bar«, direkter Nachbar von Ilja Kaplan, hält es für wahrscheinlich, dass es Neonazis gewesen sein könnten. »Die machen doch so etwas.« Dann erinnert er sich amüsiert an eine Szene, die er mal in der Oranienburger Straße gesehen hat. »Vor zwei Jahren sind da ein paar betrunkene Skinheads vor der Synagoge aufmarschiert, haben den Hitlergruß gezeigt. Aber auf der anderen Seite war eine Türken‐Gang. Die sind rüber, haben die Skins verprügelt. Und die sind dann in die Synagoge geflüchtet.« Dann überlegt er. Neonazis hat er hier in der Gegend aber eigentlich noch nie gesehen. »Das ist ein ganz relaxter Kiez.«

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