Ägypten

Unausgezogen

von Andrea Nüsse

Carmen Weinstein ist die Frage leid, wie sich die ägyptischen Juden an Pessach fühlen. Provokant fragt die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Kairos zurück: „Und wie fühlen sich Menschen in Israel, die den Auszug aus Ägypten feiern, wenn sie noch nie in Ägypten waren?“ Die Härte im Ton der energischen älteren Frau lässt darauf schließen, dass die winzige jüdische Gemeinde Kairos ihre Existenz in alle möglichen Richtungen immer wieder recht‐ fertigen muss. „Wir feiern ein Ereignis, das Tausende Jahre zurückliegt, wir halten eine Tradition aufrecht“, erklärt Weinstein. „Außerdem verstehen wir hier alle kein Hebräisch und damit auch nicht viel von den Texten“, beendet sie das Thema und lehnt sich in ihrem Stuhl zurück.
Carmen Weinstein sitzt im Hinterzimmer des Familiengeschäftes in der Sharif‐Pascha‐Straße im Stadtzentrum Kairos. In Stein gemeißelt steht in dem Gebäude aus der Jahrhundertwende der Name Weinstein – in arabischen und in lateinischen Buchstaben. Die ehemalige Druckerei ist geschlossen, der Rollladen wird nie geöffnet – stattdessen verkauft Carmen Weinstein im zweiten Teil des Geschäftes heute Galabeyyas, die typisch ägyptischen, bodenlangen Kleider mit Stickereien und Verzierungen. Und sie leitet die jüdische Gemeinde Kairos – oder was von der einst zehntausende Mitglieder umfassenden Gemeinschaft übrig geblieben ist: in ganz Ägypten wohl weniger als 100 Mitglieder, zumeist ältere Witwen. Genaue Zahlen will Carmen Weinstein nicht nennen.
Fakt ist, dass es weder einen Rabbiner noch einen koscheren Fleischer gibt. Vor diesem Hintergrund stellen sich im Hinblick auf Pessach ganz andere Fragen. „Wir wissen noch nicht, woher der Rabbi kommen wird, der die Feierlichkeiten leiten wird. Aber es wird einer kommen.“ Carmen Weinstein gibt sich gelassen; sie ist das Improvisieren gewöhnt.
Erst seit 2005 feiert die Gemeinde das Fest des Auszugs aus Ägypten wieder öffentlich in der Synagoge. Nach dem Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel hatten die israelischen Botschafter in ihrer Residenz gefeiert – und die Gemeindemitglieder dazu eingeladen. Dann habe es keine Botschaftsfeiern mehr gegeben – und 2005 sei ein französischer Rabbi angereist, um erstmals wieder in der Adli‐Synagoge in der Innenstadt das Fest zu begehen. „Wir sind froh darüber“, sagt Weinstein, „so sind wir die Gastgeber und nicht die Gäste – das gibt unserer Gemeinde mehr Gewicht.“ Sie erwartet etwa 60 Personen zum diesjährigen Sederabend – Gemeindemitglieder, durchreisende jüdische Geschäftsleute, Touristen, in Ägypten arbeitende Ausländer.
Und es macht die Trennung zwischen jüdischer Gemeinde Kairo und der israelischen Vertretung deutlicher – das sagt Carmen Weinstein zwar nicht. Wie sie überhaupt auf politische Fragen nicht ant‐ wortet. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Lage der in Ägypten verbliebenen Juden fragil ist. Denn trotz des Friedensvertrages von 1979 hetzen staatliche ägyptische Massenmedien gegen Israel, Kulturschaffende fordern dessen Auflösung, und immer wieder werden Judentum und Israel synonym benutzt. „Wir betrachten uns selbst als Ägypter“, macht Weinstein deutlich, die in Ägypten geboren wurde. „Wir haben zufällig die gleiche Religion wie die Israelis.“ Probleme gebe es nicht, „nur mit Journalisten, die immer wieder Religion und Nationalität vermischen“.
Der Leiter des Programms für Nahoststudien an der Amerikanischen Universität Kairo, Joel Beinin, sieht die Lage der Juden in Ägypten kritischer. „Sie sitzen seit 1948 zwischen den Stühlen, zwischen Israel und Ägypten“, meint der Historiker, der ein Buch über die Geschichte der ägyptischen Juden geschrieben hat. Darin zeigt er den Druck, sich angesichts des Konfliktes um Palästina entweder ausschließlich loyal zum ägyptischen oder zum israelischen Staat zu bekennen. Er schätzt, dass in Ägypten nur etwa zehn Prozent Zionisten waren. „Die meisten waren in ihre jeweilige soziale Klasse eingebettet, die Oberschicht beispielsweise in französischsprachige Zirkel Ägyptens.“ Von den ursprünglich 70 bis 80.000 Juden in Ägypten hätten etwa 22.000 das Land im Jahr 1948 verlassen, 16.000 davon gingen nach Israel.
Doch das „Aus“ für die jüdische Gemeinde kam Beinins Ansicht nach erst später: Die misslungene israelische Sabotageaktion „Susannah“ gegen britische Ziele in Ägypten (auch als „Lavon‐Affäre“ bekannt), für die ägyptische Juden rekrutiert wurden, habe zu einem allgemeinen Misstrauen gegenüber der Gemeinde geführt, meint Beinin. Der britisch‐französisch‐israelische Angriff auf Ägypten 1956 in der Suezkrise führte dann zur Ausweisung aller britischen und französischen Staatsbürger – darunter viele Juden, die nie die ägyptische Staatsbürgerschaft hatten. Das war der „große Exodus“, sagt Beinin.
Seit Carmen Weinstein die Geschäfte der jüdischen Gemeinde übernommen hat, kämpft sie vor allem um den Erhalt der jüdischen Monumente im Land. Auch hier verlaufen die Fronten überraschend quer: Weinstein hat dabei die Unterstützung der ägyptischen Antikenverwaltung, die auf ihren Wunsch hin viele Synagogen und Baudenkmäler als nationales Erbe deklariert. Die Adli‐Synagoge in der gleichnamigen Straße, ganz in der Nähe des Ladens der Familie Weinstein, wurde im vergangenen Jahr zu ihrer 100‐Jahr‐Feier von den ägyptischen Behörden renoviert. Den jüdischen Friedhof Bassatin im Süden Kairos, die weltweit zweitgrößte jüdische Ruhestätte (die größte ist der Friedhof gegenüber dem Ölberg in Jerusalem), ließ Carmen Weinstein durch eine Mauer schützen.
Carmen Weinsteins männliche Vorgänger an der Spitze der jüdischen Gemeinde hingegen hatten 1979 nach dem Friedensvertrag mit Israel großflächig mit dem Verkauf von Synagogen begonnen. „Die Ausrede war, dass es nicht mehr genug Juden in Ägypten gebe“, sagt Weinstein, „und sie wollten Geld verdienen.“ Noch immer schmerzt es die ältere Frau, dass die große Synagoge in der Hafenstadt Port Said verkauft und zerstört wurde. „Man könnte auch sagen: Da es keine Pharaonen mehr gibt, kann man getrost die Pyramiden zerstören“, erregt sich Weinstein noch heute.
Eine Art „Palastrevolte“, an der Carmen Weinstein maßgeblich beteiligt war, machte dem Treiben 1996 ein Ende: Die Gemeinde beschloss die Änderung ihrer Satzung und akzeptierte erstmals Frauen an ihrer Spitze. Damals wurde Carmen Weinsteins Mutter zur Gemeindevorsitzenden gewählt.
Doch auch jüdische Organisationen in den USA wollen Dokumente und Kostbarkeiten der jüdischen Geschichte aus Ägypten ausführen. Beispielsweise eine einzig‐ artige Schriftensammlung aus der berühmten Kairoer Genisa. Sie wurde vor über hundert Jahren in der Ben‐Ezra‐Synagoge in Alt‐Kairo gefunden und dokumentiert das Leben in Ägypten im Mittelalter. „Die Schriftstücke sind Teil der ägyptischen Geschichte, und sie gehören der jüdischen Gemeinde, die noch immer hier lebt“, erregt sich Weinstein.
Doch auch ihr muss klar sein, dass nach ihrem Tod kaum noch jemand für die Interessen der jüdischen Gemeinde Ägyptens kämpfen wird. Die Kinder der zumeist ebenso alten jüdischen Frauen sind zwar aus jüdischer Sicht Juden – doch da die Väter in der Regel Muslime oder Kopten sind, betrachtet die Gesellschaft sie als solche. „Vielleicht werden ja die Enkel der ausgewanderten Juden eines Tages nach Ägypten zurückkehren“, hofft Weinstein. So unvorstellbar findet sie das gar nicht – wenn sogar Juden nach Deutschland zurückkehren, „nach allem, was man ihnen dort angetan hat“. Doch so ganz überzeugt scheint sie nicht zu sein. Denn gleichzeitig kämpft sie für die Schaffung einer interreligiösen Organisation, die den Schutz der jüdischen Kulturgüter in Ägypten übernehmen soll. Wenn ihre schützende Hand eines Tages wegfallen sollte.

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