Österreich

Über den Beckenrand

Das Plätschern des Wassers begleitet die Frau, die vor der Hochzeit zum ersten Mal in der Mikwe untertaucht. Das Plätschern des Wassers begleitet auch den Hörer von Radio Mikwe. Seit März kann der Sender über das Internet empfangen werden. Dahinter verbirgt sich nicht einfach ein Programm mit jüdischen Inhalten. Radio Mikwe ist vielmehr ein Ausstellungsformat, entwickelt für das Jüdische Museum Hohenems von dessen Direktor Hanno Loewy sowie Ausstellungsmacher Hannes Sulzenbacher.
In Hohenems befindet sich die einzige erhaltene historische Mikwe in Österreich, die kürzlich restauriert wurde. Das Museum zeigt dazu derzeit unter dem Titel »Ganz rein!« eine Sonderausstellung zum Thema jüdisches Ritualbad. Der Ort selbst, gerade einmal zehn Quadratmeter groß, erzählt wenig und eignet sich auch nicht für eine entsprechende Darstellung.
»Das Radio allerdings kann viel erzählen von einem Ort, an dem einander früher Frauen vieles, auch sehr Intimes erzählt haben dürften«, erläutert Loewy die Idee. Täglich von 9 bis 0 Uhr wird nun Programm gemacht. Wer einmal hineingehört hat, will so rasch nicht mehr ausschalten. Vieles dreht sich um die Mikwe, aber nicht nur. Wenn man das Bad als Kommunikationsort versteht, kann man hier die verschiedensten Themen behandeln – auch so manches vermeintliche Tabu wie etwa Konversion oder Mischehe.

Übertritt Eine, die sowohl über die Mikwe als auch das Thema Übertritt sprechen kann, ist die Schweizerin Bettina Spoerri. Im Programmformat »Ganz rein – Sprechen über die Mikwe« erzählt sie im Interview mit Hanno Loewy, dass sie beim Tauchbad, mit dem der Giur abgeschlossen wird, von ambivalenten Gefühlen begleitet wurde. »Die Mikwe, da ist man ausgeliefert, und da geht man mit dem ganzen Körper herein und es hat etwas sehr Elementares. Und es hat mich als sehr intellektuelle Frau erschreckt, dieses Ausgeliefertsein.« Das Gefühl, nackt in einem Bassin zu sein, sei aber auch etwas Besonders.
Die Radiomacher haben viele Stimmen zu dem Thema eingefangen, nicht nur aus Österreich, der Schweiz und Deutschland, sondern auch Amerikanerinnen und israelische Frauen werden zitiert. Viele äußern sich kritisch, manche zelebrieren den monatlichen Gang ins Ritualbad nach der Periode.
»Ich war noch nie in der Mikwe«, erzählt eine nicht namentlich benannte Wienerin. »Ich finde religiöse Rituale, die einen Zugriff auf den Körper darstellen, unerträglich. Ich lebe ein säkulares Judentum. Und Säkularisierung bedeutet auch Entkollektivierung, Privatisierung des Körpers – und von allem, was mit diesem zusammenhängt, etwa auch Hygiene.«
Eine andere Frau wiederum schildert: »Ich war es gewohnt, meine Mutter in die Mikwe zu begleiten, wenn sie am Schabbat oder an den Feiertagen dorthin ging. Meine Mutter und meine Großmutter gaben mir das Gefühl, eine wunderbare Sache würde auch auf mich warten. Ich werde meinen Töchtern erzählen, wie es ist, die Zeit der Stille in der Mikwe zu spüren. Ich will, dass sie wissen, welche besondere Qualität sie einer Ehe gibt.«

programm Historische Nachrichten, Reportagen, jüdische Musik, Reiseberichte und Lesungen runden das Programm ab. Zu hören ist dabei beispielsweise Benjamin Stein, der aus seinem Roman Die Leinwand liest. Andere Autoren haben eigens für das Radio Texte zum Thema Mikwe geschrieben, wie Roger Reiss oder Lea Biedermann.

Sexualität Eine Mikwe muss immer von fließendem Gewässer genährt werden, von einem Fluss etwa oder dem Grundwasser. Hier sieht Loewy eine schöne Parallele zum Internetradio: so wie sich das Wasser weltweit verbinde ist das Internet global zugänglich. Und: Bei der Mikwe gehe es auch um das Verhältnis zwischen Sexualität und Religion sowie um das Verhältnis zwischen Ritual und Freiheit. Mit dem Radio schaffe man nun ebenfalls ein Ritual: Es gebe ein Programm, und dieses könnten alle gemeinsam zu einem bestimmten Zeitpunkt hören. Podcasts werden daher derzeit bewusst nicht angeboten und sollen erst zum Einsatz kommen, wenn manche Sendungen aus dem Programm genommen werden und dann nicht mehr zu hören wären.
Radio Mikwe bleibe erst einmal ein Jahr auf Sendung, sagt Loewy, ein zweites Jahr sei aber sehr wahrscheinlich. Und danach? Vielleicht könne man das Projekt an ein professionelles Radioteam übergeben, dann hätte das Museum »als Brutkasten« agiert. Aber das ist Zukunftsmusik.

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