Oldenburg

»Üben, üben, üben«

von Heide Sobotka

Der Gemeinde beim Beten zu sagen, wo’s langgeht. Das ist, vereinfacht gesagt, die Funktion eines Vorbeters. Das zu lernen, sind am vergangenen Sonntag 30 Mitglieder aus jüdischen Gemeinden in Niedersachsen nach Oldenburg gekommen. Angeleitet wurden sie von den Rabbinern Daniel Alter und Jonah Sievers aus Oldenburg und Braunschweig sowie dem angehenden Kantor Isidoro Abramowicz. Doch so einfach sich die Aufgabenstellung auch anhören mag, ist die Geschichte dann doch nicht.
Beim Morgengebet in der Oldenburger Synagoge konnten noch alle kräftig mitsingen, beteten fehlerlos die hebräischen Texte. Aufgefordert von Rabbiner Jonah Sievers erhoben sie sich, wenn der Herr gepriesen wurde, setzten sich auf Hinweis des Rabbiners wieder hin. Eine dreiviertel Stunde hatte das Schacharit, das Morgengebet gedauert. Doch so lang muss es nicht dauern, lernten die Seminarteilnehmer schon wenige Minuten später. Alles ist veränderbar. Wie das? Plötzlich kommen ihre Traditionen ins Wanken, Eingeübtes wird hinterfragt, Liebgewonnenes über Bord geworfen.
Daniel Alter erklärt, wie ein Morgengebet aufgebaut ist, aus welchen Teilen es besteht, und welche dieser Teile unbedingt gebetet werden müssen und welche fakultativ sind. Der Oldenburger Rabbiner spricht davon, dass es eine Pflicht zu beten gibt, nur viele Juden es gar nicht könnten und ihnen der Vorbeter stellvertretend dabei hilft. Helfen, unterstützen, den Takt vorgeben. All das gehört zu den Aufgaben eines Vorbeters. Das hatte sich mancher Teilnehmer etwas einfacher vorgestellt.
Der Vorbeter muss auswählen, wo man nach dem leise individuell gesprochenen Text wieder einsetzt und die Beter laut gemeinsam wieder fortfahren. Und wieder kommen die Teilnehmer durcheinander. Der eine Rabbiner setzt früher ein, der andere später. Schon beim gemeinsamen Morgengebet hatten sie bemerkt, dass der Oldenburger Rabbiner zwischendurch immer einige Worte laut sagte, während der Braunschweiger Rabbi leise betete. Der Vorbeter zeigt mit den laut gesprochenen Passagen, an welcher Stelle des Gebetstextes man ist, erklärt Alter. Doch ein Patentrezept, wo das zu sein hat, gibt es auch hier nicht.
»Vieles muss jede Gemeinde für sich entscheiden«, sagt Jonah Sievers. Das gilt auch für die Melodien, mit denen die Psalmen gesungen werden. Die drei Frauen von der Göttinger Gemeinde haben extra ein Bandgerät mitgebracht, um sich die Psalmen vom Rabbiner vorsingen zu lassen. Die Melodie ist nicht dieselbe, die sie gewöhnlich verwenden, doch sie ist einprägend und gefällt ihnen. Das ist der einfache Teil. Doch diese immergleiche Melodie muss nun auch auf alle Psalmen passen, egal wie viel Silben diese haben. Und hier wird’s kompliziert.
Jonah Sievers probiert die Melodie immer wieder aus, dekliniert die Psalmen durch. Singt zwei Verse vor und wiederholt sie gemeinsam mit der Gruppe. Dann soll diese alleine singen. »Gut, das klappt.« Jetzt kommt ein längerer Vers, und die Gruppe verheddert sich heillos in den Rezitativen, diesem dehnbaren Mittelstück, das immer auf derselben Note gesungen wird. Noch einen Vers und noch einen Vers singt Sievers vor, die Gruppe wiederholt ihn, wird besser, die Stimmen kräftiger und lauter, doch allein gelassen werden sie wieder dünner und brechen schließlich ab. Trotzdem lobt Sievers seine Gruppe und zeigt Verständnis.
Als er für sein Rabbinerexamen übte, habe er seine Frau schier verrückt gemacht, wenn er mit den Kopfhörern auf den Ohren immer und immer wieder die Melodien vom Band spielte und mitsang. »Üben, üben, üben«, sagt der Rabbiner. »Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.« Die Hamelner wollen gern für ihr Stimmtraining Noten haben, nach denen sie singen können. Die kann ihnen Isidoro Abramowicz zwar liefern, und trotzdem werden sie kein Allheilmittel sein, eben wegen der unterschiedlichen Silbenzahl in den Versen der Psalmen. Doch jeder lernt anders, gibt Sievers zu.
Isidoro Abramowicz übt mit seiner Gruppe und schlägt die Noten am Klavier an. Seine Leute sind schon etwas fortgeschrittener und stimmen verschiedene Melodien an. Die Delmenhorster und Oldenburger kennen die Abramowicz‐Variante, die Hamelner, Bad Nenndorfer und Braunschweiger die Sieversche. Die Göttinger werden ihre Aufnahme auswerten und sich dann entscheiden, welche ihnen besser liegt.
Ein Sonntagsseminar macht noch keine Vorbeter, das wissen auch die drei Lehrer. Doch die 30 Teilnehmer gehen gut gerüstet in ihre Gemeinden nach Hildesheim, Hameln, Delmenhorst oder Braunschweig zurück. Micha, Rosa und Marina aus Oldenburg, mit ihren 15 Jahren die jüngsten Seminarteilnehmer, haben viel hinzugelernt. Gemeindevorsitzende und Gastgeberin Sara‐Ruth Schumann ist stolz auf ihre Jugendlichen, die schon regelmäßig Kabbalat Schabbat machen. »Auf die kann ich mich verlassen«, sagt Schumann.
Wer seine Kenntnisse vertiefen will, der kann wiederkommen. Im Spätherbst soll es ein Aufbauseminar geben. »Wir wollen unsere Gemeindemitglieder einfach dazu befähigen, selbst Gottesdienste zu leiten. Damit sie es auch richtig lernen, sollen sie von Profis angeleitet werden, sagt Schumann. Und die hat sie in Daniel Alter, Jonah Sievers und Isidoro Abramowicz gefunden. Auch wenn noch kein Vorbeter vom Himmel gefallen ist, seit diesem Sonntag wissen einige mehr, wo’s lang‐ geht beim Beten.

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