Nachruf

Trauer um den israelischen Faulkner

Abraham B. Jehoschua Foto: imago/ZUMA Press

Nachruf

Trauer um den israelischen Faulkner

Er kritisierte und eckte an – und schuf neue Blickwinkel für altbekannte Probleme: Abraham B. Jehoschua war einer der bekanntesten Schriftsteller Israels

 14.06.2022 11:24 Uhr

Abraham B. Jehoschua hat sich mit der jüdischen Diaspora angelegt und mit der israelischen Regierung. Der weißhaarige Erfolgsautor provozierte gerne - und war einer der beliebtesten israelischen Schriftsteller. Er starb nun im Alter von 85 Jahren, wie Israels Präsident Isaac Herzog am Dienstag bestätigte.

»Seine Werke, die aus dem Abbild unserer Heimat und den Schätzen unseres Volkes schöpften, spiegelten uns ein genaues, scharfes, liebendes und manchmal schmerzhaftes Selbstbild wider«, sagte Herzog. »Er weckte in uns ein Mosaik tiefer Gefühle.«

Mit Äußerungen zur Bedeutung der jüdischen Diaspora löste Jehoschua 2006 einen Sturm der Empörung aus. Vor jüdischen US-Repräsentanten sagte er damals in Washington, die jüdische Identität im Ausland sei weniger stark ausgeprägt als in Israel. »Israeli sein ist meine Haut, nicht meine Jacke«, sagte Jehoschua. Später musste er sich entschuldigen, weil viele US-Juden sich durch seine Worte beleidigt fühlten.

Der Autor wurde 1936 in Jerusalem geboren, wo seine Familie mit sephardischen Wurzeln schon seit fünf Generationen lebte. An der Hebräischen Universität studierte er dort Literatur und Philosophie, von 1963 bis 1967 unterrichtete er in Paris. In den vergangenen Jahren lebte er in der Hafenstadt Haifa im Norden des Landes, wo er auch an der Universität lehrte. Jehoschua war mit einer Psychoanalytikerin verheiratet und hatte eine Tochter und zwei Söhne.

Jehoschuas Werke wurden in rund 30 Sprachen übersetzt. Auf Deutsch erschien unter anderem »Freundesfeuer« (2009), in dem eine jüdische Familie den Tod des Sohnes verarbeiten muss, nachdem er beim Einsatz in den besetzten Gebieten aus Versehen von seinen Kameraden erschossen wurde. In »Die befreite Braut« (2003) beschreibt Jehoschua eine israelische Familie, die von einem lange geheim gehaltenen Inzest-Fall erschüttert wird.

Sein Roman »Die fünf Jahreszeiten des Molcho« (1989) wurde zu einem der zehn wichtigsten Bücher Israels gekürt. Darin beschreibt Jehoschua, wie ein Mann sich nach dem Krebstod seiner Frau langsam innerlich befreit. Für seine literarische Arbeit erhielt Jehoschua zahlreiche Preise, darunter 1995 den Israel-Preis, die höchste Auszeichnung des Landes.

Anfang 2017 wurde Jehoschua zudem mit dem israelischen Dan-David-Preis geehrt. »Ein bemerkenswerter Aspekt seines literarischen Unternehmens ist seine anhaltende Bereitschaft mit verschiedenen literarischen Modi zu experimentieren, inklusive surrealistischen Geschichten, Novellen, psychologischem Realismus und historischen Geschichten (...)«, hieß es in der Begründung für den Preis.

Immer wieder meldete sich Jehoschua auch in tagespolitischen Fragen zu Wort. 2006 forderte er etwa während der Kämpfe im Libanon eine Waffenruhe. Ein Jahr später sprach er sich gemeinsam mit anderen Schriftstellern für Verhandlungen Israels mit der palästinensischen Terrororganisation Hamas aus. Dies galt damals als besonders kontrovers, weil die Palästinenserorganisation gerade erst mit Gewalt die Kontrolle über den Gazastreifen an sich gerissen hatte.

Als wichtiges literarisches Vorbild nannte Jehoschua einmal den US-Schriftsteller William Faulkner (1897-1962). »Faulkner ist der größte Schriftsteller des 20. Jahrhunderts«, sagte Jehoschua in einem Interview. Sich selbst beschrieb er als »Themen-Schriftsteller«, weil er von Thema zu Thema springe und jeweils eines in seinen Werken behandele.

Zur Verleihung des Dan-David-Preises sprach Jehoschua über sein eigenes Talent zum Schreiben: »Keiner kann erklären, was diese kreative Kraft in dir erweckt. Wo kommt sie her?«, fragte er. »Da gibt es keine wirkliche Erklärung. Als ich 17 war, wollte ich Anwalt werden, ich wusste, das ist meine Berufung. Ich wollte außerdem auftreten, mich streiten und diskutieren - und plötzlich kam diese Kreativität.« (Sara Lemel/Stefanie Järkel)

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