Buchvorstellung

Terror und Traum 1937

Moskau 1937. Ein düsteres und grausames Kapitel der Stalin-Diktatur. Achthundert Seiten hat Karl Schlögel diesem Jahr in seinem soeben erschienenen Buch »Terror und Traum – Moskau 1937« gewidmet. Er stellte es im Münchner Literaturhaus im Gespräch mit dem Russlandexperten Gert Ruge vor. Gastgeberin Rachel Salamander kündigt in ihrer Einführungsrede ein starkes Buch an, das aufwühle und keine Seite zu lang sei. Der in Berlin lebende Historiker Karl Schlögel ist einer der bekanntesten Osteuropa-Kenner. Geboren 1948, studierte er an der FU Berlin und später in Moskau und St. Petersburg Philosophie, Soziologie, osteuropäische Geschichte und Slawistik. Heute ist er Professor für Osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder.
Bei seinen Studien beschäftigt ihn immer wieder die Frage, was im Jahr 1937 in Moskau passiert ist. Auf der einen Seite Stalins Vision einer neuen Gesellschaft, die in Architektur, Theater, Film und Musik ihren Ausdruck findet. Und auf der anderen Seite der nahezu unvorstellbare Terror, dem allein 1937 fast eineinhalb Millionen Menschen zum Opfer fallen. Jahrelang hat Karl Schlögel recherchiert und versucht, die Hintergründe dieses Schreckensjahres zu ergründen. »Warum sind so viele Leute verschwunden? Warum wurden sie wegen zum Teil gespenstischer Vorwürfe verurteilt? Warum haben sich die Angeklagten selber in öffentlichen Verfahren beschuldigt? Was ging damals vor sich? Warum passierte das alles?«
Gert Ruge drückt im Gespräch mit Karl Schlögel seine Begeisterung über das Werk aus. »Es gibt kein Buch wie dieses, das diese ungeheuerlichen Ereignisse so sichtbar und fast greifbar macht. Ein Panorama des Schreckens« sei es, der dem Großen Terror nachspürt, der zahllose Bürger zu Volksfeinden, Saboteuren und Diversanten macht. Für Ruge ist es eine faszinierende und spezielle Methode, mit der es dem Historiker Schlögel gelingt, sein Buch ganz dicht an Menschen und Schicksale, an Straßen und Häuser heranzuführen.
Ein »Archäologe der Gegenwart« sei Schlögel, der aus den historischen Schichten in Moskau ein lebendiges Bild der riesigen Stadt in den 30er-Jahren freilegt. Während Puschkins hundertster Todestag und zwanzig Jahre Oktoberrevolution gefeiert werden, während der große Kanal eröffnet wird, der Moskau zum Hafen der fünf Meere macht, wird ganz in der Nähe der Hauptstadt ein Straflager für 200.000 Menschen errichtet. Jeden kann es treffen, hier zu landen. Es gibt keine klar definierten Feindbilder. Kommunisten, Sozialisten, Juden. Es war wie eine große Lotterie. »Wenn man die Massengräber, wie in Butowo, aufmacht und die Erschießungsliste durchgeht, ist es wie ein Querschnitt durch die gesamte Gesellschaft«, so Schlögel.
Für dieses nach Ruge »wichtige Stück europäischer Geschichte« erhält der Historiker und Publizist Karl Schlögel den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2009. »Mit tiefem Respekt vor dem Unverständlichen« erforsche der Autor akribisch das Stalinsche Schreckensjahr und schildere zugleich »auf faszinierende Weise« das Moskau der 1930er-Jahre als aufstrebende europäische Metropole, so die Jury. Der Preis wird zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse im März 2009 verliehen.

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