Gotan-Project

»Tango war die erste Weltmusik«

Vor sechs Jahren hat das Gotan-Project mit einer Mischung von Tango, Dancefloor und Hiphop die Welt erobert. Sein Debütalbum »La Revancha del Tango« (Die Rache des Tangos) hat das Trio um den französischen Bassisten und Soundtüftler Philippe Cohen Solal, den Schweizer Keyboarder Christoph H. Müller und den argentinischen Gitarristen Eduardo Makaroff millionenfach verkauft. Mit ihrem »Tango Electrico« hat die Band eine neues Genre geschaffen, das die Tangosüchtigen zwischen Buenos Aires und Berlin und Paris infiziert hat. Dieser Tage erscheint das Nachfolgealbum »Lunático«. Neben argentinischen Rappern und der Neo-Western-Band Calexico wurden eine Reihe von Tango-Spezialisten in die Studios von Paris und Buenos Aires eingeladen.

Herr Cohen Solal, können Sie Tango tanzen oder spielen Sie diese Musik nur?
cohen solal: Ein wenig kann ich es schon, aber um das wirklich gut zu machen, müßte ich viel mehr üben. Dafür fehlt mir die Zeit. Wir treten inzwischen in vielen Milongas und anderen Tango-Treffs rund um die Welt auf. Aber wir sind da ja immer als Musiker und nicht als Tänzer unterwegs. Das sind tatsächlich zwei Paar Schuhe. Uns bleibt dann immer nur übrig, all den wunderschönen Frauen auf der Tanzfläche hinterherzuschmachten. Was für ein Jammer.

Hat Tango in Ihrer Familie Tradition?
cohen solal: Das kann man nicht sagen. Ich komme aus einer jüdischen Familie. Unsere sefardischen Wurzeln reichen bis nach Mallorca, wo einer meiner Ahnen als Arzt gearbeitet hat. Im 13. Jahrhundert ist die Familie dann nach Sizilien ausgewandert und von dort aus irgendwann nach Tunesien, genauer gesagt nach Tunis. Wie so viele andere maghrebinische Juden ist die Familie dann Ende der fünfziger Jahre nach Frankreich übersiedelt, wo ich 1961 geboren wurde. In Paris hat mein Vater meine Mutter kennengelernt, die ursprünglich aus Amsterdam stammte und die wegen der Hochzeit zum Judentum konvertiert ist. Inzwischen ist sie sogar die strenggläubigste Person in unserer Familie.

Spielt denn Religion überhaupt eine Rolle in Ihrem Leben als Musiker?
cohen solal: Natürlich, auch wenn ich nur noch zu den höchsten Feiertagen in die Synagoge gehe. Als Kind war das anders. Ich wurde liberal-religiös erzogen. Mit 16 bin ich sogar für zwei Jahre nach Israel gegangen, weil ich ganz beseelt war von der zionistischen Idee. Meine Eltern übrigens gar nicht. In Givat Aim bei Tel Aviv bin ich zunächst relativ erfolglos dem Ziel hinterhergehechelt, das Abitur zu machen. Immerhin konnte ich in dieser Zeit mein Hebräisch verbessern, obwohl ich das schon seit der Barmizwa recht gut konnte. Und weil das mit dem Abitur nicht geklappt hat, weil ich von der Schule geflogen bin, landete ich für einige Monate sogar in einer Jeschiwa. Diese zwei Israel-jahre waren wirklich aufregend, aber irgendwann hat mich dann das Heimweh nach Frankreich gepackt. Vielleicht auch, weil ich ich mich gerade frisch verliebt hatte. Oder weil ich die Musik entdeckt habe.

Welche Verbindung gibt es überhaupt zwischen Judentum und Tango?
cohen solal: Das Bandoneon, also das Tango-Instrument schlechthin, stammt zwar ursprünglich aus Deutschland. Aber die Geige wurde von osteuropäisch-jüdischen Emigranten, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nach Argentinien kamen, in den Tango eingeführt. Kein Wunder also, wenn auch heute noch, selbst an vielen Stellen unserer Musik, die Geigenparts nach Klesmer klingen.

Das klingt nach einer verwegenen Hypothese ...
cohen solal: Nein, nein. Tango war so etwas wie die erste Weltmusik. Und die war jüdisch geprägt. Womit wir auch beim aktuellen Album sind, mit dem wir den Wurzeln des Tangos nachspüren. Selbst auf unserem Debütalbum gibt es jüdische Bezüge. Ein Song heißt »La del Ruso«, also vage übersetzt »Die vom Russen«. Mit diesem Russen ist nicht etwa das jüdische Bandmitglied Eduardo Makaroff gemeint, sondern unser vierter Mann innerhalb des »Trios«, Gustavo Beytelmann. Den Pianisten kennen Sie ja vielleicht, weil er innerhalb der Tango-Trios Tangele mit Lloica Czackis und Juan Lucas Aisemberg gespielt hat, unter anderem bei den Jüdischen Kulturtagen in Berlin. Gustavo Beytelmanns jüdische Wurzeln liegen in der Ukraine beziehungsweise Rußland. Außerdem gelten in der argentinischen Umgangssprache Juden als diejenigen, die aus Rußland kommen. Ein »Ruso« ist ein Jude. Das Lied meint also übersetzt auch »Die vom Juden«. Die argentinische Umgangssprache ist oft doppeldeutig und kurios. Wo gibt es das sonst noch, daß Wörter umgedreht ausgesprochen werden und von jedermann wie selbstverständlich verstanden werden. In Frankreich oder Deutschland muß man den Leuten doch erst mal erklären, daß Gotan ein Wortspiel mit dem Begriff Tango ist.
Der Text vom Song »Tango Canción« handelt von Emigranten. Sind damit auch jüdische gemeint?
cohen solal: Das mag sein, aber ich würde nicht sagen, daß es sich ausschließlich um ein jüdisches Thema handelt. Auch bei den anderen Songs ist das nicht der Fall. Das Titelstück »Lunático« etwa thematisiert das legendäre Rennpferd gleichen Namens aus den 20er Jahren. Dessen Besitzer war übrigens kein Geringerer als Carlos Gardel, der größte Tangosänger aller Zeiten.

Werden Sie mit den neuen Songs auch nach Deutschland kommen?
cohen solal: In Deutschland gibt es eine riesige Tango-Gemeinde. Wir werden dort sicherlich vorbeischauen, vermutlich aber erst im Herbst. Wir stehen ja sowieso wieder nur auf der Bühne, während all die anderen engumschlungen tanzen. Ein Jammer, wie gesagt.

Das Gespräch führte Jonathan Scheiner.

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