USA

Talmud und Traktor

von Sue Fishkoff

Naf Hanau lebt in der Bronx – eine seltsame Wohngegend für einen Bauern. Der 23‐Jährige besucht in New York eine Gartenbauschule. Er will sich all die Kenntnisse aneignen, die er braucht, um außerhalb der Stadt demnächst einen Bauernhof zu bewirtschaften. „In fünf Jahren werde ich mit meiner Freundin Lebensmittel produzieren, Gemüse anbauen, den Menschen unverfälschte Nahrungsmittel bringen und meinen Lebensunterhalt damit bestreiten“, sagt Hanau.
Auch seine Freundin Anna Stevenson, 27, bereitet sich auf die Zukunft vor. Sie arbeitet als Farm‐Managerin für das jüdische Umweltprogramm „Adamah“ am Isabella Freedman Jewish Retreat Center in Falls Village im US‐Bundesstaat Connecticut. Sie ist für ein etwa 1,6 Hektar großes Feld verantwortlich, auf dem sie und die Adamah‐Stipendiaten – junge Juden, die hier ein dreimonatiges Praktikum machen – Obst und Gemüse ohne Pestizide anbauen. Sie versorgen damit das Klausurzentrum und Menschen in den Städten der Umgebung, die eine Kiste mit frischem Obst und Gemüse im Wochenabonnement haben.
Stevenson lebt schon heute den Alltag einer jüdischen Bäuerin. Sie hackt, jätet und erntet. Aber sie unterrichtet auch, studiert jüdische Texte, und am Schabbat ruht sie. „Wenn man sechs Tage lang körperlich schuftet, braucht man das“, sagt sie. „Man lernt, den Schabbat zu schätzen, körperlich, emotional und spirituell.“
Hanau und Stevenson gehören zu einer kleinen, aber wachsenden Anzahl junger Leute, die sich in der jüdischen Bewegung für gesunde Ernährung und Umweltschutz engagieren und aufs Land gehen, um jüdische Werte zu leben. Sie sehen sich nicht als Bauern, die zufällig Juden sind, sondern als jüdische Bauern, die das Land nach den im Talmud festgelegten landwirtschaftlichen Vorschriften bebauen. Sie geben ihr Wissen an Gleichgesinnte weiter und setzen sich für die Idee ein, innerhalb der größeren jüdischen Gemeinschaft Lebensmittel für den Eigenverbrauch zu produzieren.
Gemäß dem Mischna‐Traktat Pe’ah wird eine Ecke des Feldes nicht abgeerntet – für die Armen. Die jüdischen Bauern säen Weizen und Gerste nicht zusammen aus und befolgen damit eine Lehre aus dem Traktat Kilayim. Sie schlachten Ziegen und Hühner, die sie selbst aufziehen, und beachten dabei „Tzar ba’alei chajim“, das Gebot, sich Haustieren gegenüber mitfühlend zu verhalten. Vor dem Essen sprechen sie eine Bracha. Einige halten sich an die Kaschrut, andere nicht. Doch alle sind auf irgendeine Weise jüdischen Ernährungspraktiken verpflichtet.
Anders als die zionistische Jugend früher, die sich landwirtschaftliches Know‐how aneignete, um nach Israel überzusiedeln und sich einem Kibbuz anzuschließen, sagen die jungen jüdischen Aktivisten von heute, man könne jedes Stück Land auf jüdische Weise bebauen. Es muss nicht unbedingt in Israel sein.
Auch die Inspirationsquellen sind andere. Ihre Eltern und Großeltern blickten ins 19. Jahrhundert, lasen Theodor Herzl, den Gründer des modernen Zionismus, und den zionistischen Denker der Arbeiterbewegung, Dov Ber Borochov. Die neue Generation hingegen geht weiter zurück und orientiert sich an Tora, Talmud und den Israeliten des Altertums.
„Ich fühle mich als biblischer Jude“, sagt der Aitan Mizrahi. Der 31‐Jährige hält Ziegen, um Milch und Fleisch zu gewinnen. Mizrahi, der nicht traditionell religiös ist, hat sich einen Bart wachsen lassen. „Das erinnert mich daran, wer meine Vorfahren waren, die mit ihren Ziegen und Schafen über die Hügel Judäas wanderten. Ihre Verbindung zum Land war tief, sie verstanden, wie das Land sie mit Gott verband.“
Die jungen nordamerikanischen Bauern sind Teil einer Bewegung von Umwelt‐ und Lebensmittelaktivisten, die aus einer wachsenden Zahl neuer jüdischer Bildungsinitiativen im Bereich Landwirtschaft hervorgingen. Dazu gehören Adamah, die Jewish Farm School in Philadelphia, die Kayam‐Farm in der Nähe von Baltimore, das Teva Learning Center in Cold Spring im Bundesstaat New York und Hazon, eine Interessengruppe, die nachhaltige Umweltpraktiken propagiert sowie alljährlich eine jüdische Tagung zum Thema „Lebensmittel“ sponsert.
Auf der Tagung vor einigen Wochen erläuterte der Leiter von Kayam, Jakir Manela, 27, den jungen Aktivisten die Lehren des Talmuds zur Landwirtschaft. „Ein Sechstel des Talmuds handelt von Landwirtschaft“, betonte er. Die meisten Gesetze seien zwar speziell auf Israel gemünzt, doch könnten die anderen überall angewendet werden.
Die Mischna enthält Grafiken darüber, wie man verschiedene Sorten auf dem gleichen Feld pflanzt. Kayam nutzte dies bei der Gestaltung eines jüdischen Lehrgartens. Im Februar führte Kayam ein Wochenendseminar durch, um die Ordnung Zera’im zu studieren, den Teil des Talmuds, der sich dem Agrarrecht widmet. „Für uns als Juden ist es nicht nur wichtig, regional erzeugte Produkte zu essen. Wir müssen uns auch bewusst machen, dass wir dafür eine besondere Tradition haben“, betont Manela.
Das Ziel der jüdischen Farmschulen besteht nicht darin, am laufenden Band Bauern hervorzubringen, sondern Gartenbau und Landwirtschaft innerhalb der größeren jüdischen Gemeinschaft als normative Praxis zu etablieren. Sie freuten sich auf den Tag, sagen die Leiter dieser Programme, an dem jedes jüdische Gemeindezentrum, jede Synagoge und jede jüdische Schule ihren eigenen Garten haben wird. Verwirklichen sollen dieses Ziel die 180 jungen Männer und Frauen, die bald jedes Jahr die jüdischen Farmschulen absolvieren werden.
Durch die Arbeit auf den Feldern und in Gärten sollen die Studenten ihrem Judentum näherkommen. „Bevor ich das Programm durchlief, war ich in erster Linie Bäuerin, die zufällig auch jüdisch war“, sagt Tali Weinberg, 31, die an der kanadischen Westküste eine Farm betreibt. „Doch dann lernte ich etwas über die wahre Natur unseres Volkes, über unsere Wurzeln, unsere Identität vor 2.000 Jahren im Land Israel. Ich bin nicht nur zu einer besseren Bäuerin geworden, ich verstehe jetzt auch besser, was es bedeutet, Jüdin zu sein.“

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