Hudna

Taktische Feuerpause

von Wladimir Struminski

Jüngsten Berichten zufolge üben die USA Druck auf Israel aus, einer »Hudna« mit der Hamas zuzustimmen. Washington will sicherstellen, dass der bevorstehende Israelbesuch von George W. Bush nicht von Gewalt überschattet wird. Internationale Me- dien übersetzen die arabische Vokabel meist mit »Waffenstillstand«. Schließlich ist der Waffenstillstand nach westlicher Erfahrung die wesentliche Vorstufe für einen Friedensvertrag. Für die Hudna trifft diese Reihenfolge jedoch nicht unbedingt zu.
Der Begriff stammt aus der islamischen Rechtslehre und beinhaltet eine vorübergehende Aussetzung der Kampfhandlungen im Dschihad gegen die Ungläubigen. Bekannt ist der Vertrag zwischen dem Propheten Mohammed und dem Quraisch-Stamm, mit dem der Kampf zwischen An- hängern des Propheten und dem Stamm für zehn Jahre ausgesetzt werden sollte. Allerdings wurde diese Hudna vorzeitig beendet. Grundsätzlich gilt, dass eine Hudna ausgerufen werden darf, wenn die Ungläubigen die Stärkeren sind und zu obsiegen drohen. Sie kann, muss aber nicht, in einer Vereinbarung mit dem Feind verankert werden. Die Feuerpause tritt nach der Ausrufung durch den islamischen Herrscher oder die politische Führung in Kraft.
Indessen ist eine Hudna keine dauerhafte Anerkennung der Ungläubigen, da dies dem von Gott gebotenen Kampf zwischen der Welt des Islam (Dar al-Islam) und den Ungläubigen, also der »Welt des Krieges« (Dar al-Harb) widerspräche. Daher sind die Gläubigen gehalten, die Hudna, die nach einer Auslegung höchstens für zehn Jahre erklärt werden darf, für eine Verstärkung ihrer Kampfkraft zu nutzen. Die Hudna käme somit einer Verschnaufpause gleich. Ob sie für die gesamte Periode eingehalten wird, ist, wie die Praxis zeigt, offen. Andererseits gab es in der Geschichte auch schon längere Ruhezeiten. In der Neuzeit wurde das Wort zudem als arabische Übersetzung eines nach völkerrechtlichen Normen vereinbarten Waffenstillstands verwendet.
Viele israelische Experten glauben, dass eine Hudna aus israelischer Sicht widersinnig ist, weil sie der Hamas in ihrem Kampf gegen Israel helfen soll. Dan Schueftan, Politikwissenschaftler an der Universität Haifa, glaubt, mit der Hudna-Debatte versuche die Hamas lediglich, in Israel Verwirrung zu stiften. Solange die Hamas Israels Zerstörung anstrebe, so Schueftan, dürfe sich Israel nicht von der Verheißung einer Feuerpause verführen lassen. »Wenn die Hudna auch für das Westjordanland gilt, bekommt die Hamas dort freie Hand. Die Folge«, warnt Strategieexperte Schüftan, »werden Raketen auf Tel Aviv sein.« Skeptiker verweisen zudem auf eine von der Hamas im Sommer 2003 ausgerufene Kampfpause. Diese habe keinen Terrorstopp mit sich gebracht und wurde von der Organisation nach zwei Monaten offiziell für beendet erklärt. Daher müsse Israel den Kampf gegen die Hamas aktiv verfolgen.
Dagegen sehen Optimisten durchaus die Chance, dass eine Feuereinstellung beiden Seiten nutzt. Nach ihrer Theorie wäre die Hamas zu einem stillschweigenden Nebeneinander mit dem »zionistischen Feind« bereit. Im Laufe der Zeit, glaubt Yoram Schweitzer vom Tel Aviver Institut für Sicherheitsstudien, könnten sich zudem gemeinsame Interessen entwickeln, die die Feuerpause stabilisieren und verlängern könnten. »Dafür«, so Schweitzer, »wäre die Hudna auch im theologischen Sinne der passende Rahmen, weil die Hamas dabei keinen Verzicht auf ganz Palästina aussprechen muss.« So kommt dem scheinbar theoretischen Streit um die richtige Definition der Hudna im vorliegenden Fall allergrößte praktische Bedeutung zu.

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