Wehrmachtsbilanz

Täter in Feldgrau

von Hannes Heer

Guido Knopp beliebt es, Bilanz zu ziehen. So hatte er schon 1995 seine Serie zu Hitler untertitelt. Bilanz, das verheißt sortierenden Überblick wie abschließende Bewertung. Knopp begründet sein Resümee mit den inzwischen erschienenen neuen Studien zum Thema. Die haben in der Tat wichtige Einzelaspekte neu beleuchtet, stellen aber keinen Durchbruch dar. (Ihre Autoren kommen übrigens in der ZDF-Dokumentation nicht zu Wort.) Und die von Sönke Neitzel edierte Sammlung von abgehörten Gesprächen deutscher Generäle in englischer Gefangenschaft, die in der Serie nachgespielt werden, bestätigt nur, was deren Befehle schon früher vermuten ließen. Insofern kann Knopp mit dem wuchtigen Untertitel nur die Bilanz seines eigenen Schaffens meinen. Ist er doch der unermüdlichste Chronist der Wehrmacht unter den deutschen Fernsehmachern, von seiner 17-teiligen Serie über den »Verdammten Krieg« an der Ostfront 1991, über »Hitlers Krieger« 1998, »Der Jahrhundertkrieg« und »Stalingrad« 2002, Die Gefangenen» 2003,
«Jodl» und «Sie wollten Hitler töten»2004. Und jetzt, als vorläufiger Abschluss in fünf Folgen «Die Wehrmacht».
Knopps Bilanz liefert immerhin einige bemerkenswerte Korrekturen an früheren Serien von seiner Hand: Einheiten der Wehrmacht beteiligten sich schon an Gräueltaten in Polen; der Überfall auf die Sowjetunion war kein Präventivkrieg, und er war nicht nur Hitlers Krieg – auch die Generäle wollten ihn und zwar so, wie er geführt wurde; der Tod von mehr als zwei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen in nur acht Monaten war gewollt und nicht die Folge von Planungsfehlern; der angeblich massenhaft boykottierte Kommissarbefehl wurde zu 80 Prozent befolgt; die Verantwortung für den Judenmord trugen zwar die SS-Einsatzgruppen, aber dieser wäre ohne die Unterstützung der Wehrmacht nicht möglich gewesen.
All dies wird durch die Gespräche der gefangenen Generäle bestätigt: In (peinlich) nachinszenierten Filmszenen berichten sie in ordensgeschmückten Uniformen beim Tee, wie sie Augenzeugen von Verbrechen wurden, und legen sich ihre Ausreden für den Nachkrieg zurecht – die SS oder Hitler waren’s. Die echten Zeitzeugen fungieren als Chor der einfachen Landser – von NS-Erziehung und Kriegspropaganda geblendete Opfer eines gescheiterten Größenwahns. Wenn schon Täter, dann sind sie für Knopp unter den 3.000 Generälen zu finden, nicht aber in der Truppe.
Noch etwas fällt auf: Die Verbrechen an der sowjetischen Zivilbevölkerung, das Aushungern der großen Städte, die massenhaften Massaker im Rahmen des Partisanenkrieges, die Zwangsarbeit für die Wehrmacht und die Deportationen ins Reich, der Tod von Millionen Zivilisten – all das wird mit keinem Wort erwähnt.
Knopp weigert sich auch, auszusprechen, was Manfred Messerschmidt schon vor 20 Jahren als «arbeitsteilige Täterschaft» der Wehrmacht bezeichnet hat und was die Forschung mittlerweile konkret belegt hat: Die «Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Russland», die jedem Landser in die Hand gedrückt wurden, forderten «rücksichtsloses und energisches Durchgreifen gegen bolschewistische Hetzer, Freischärler, Saboteure, Juden». Juden wurden von der Wehrmacht gezwungen, den Stern zu tragen, in Ghettos umzusiedeln und sich zur Zwangsarbeit einzufinden, bis sie von den Einsatzgruppen übernommen und ermordet werden konnten. Nicht nur dabei half die Wehrmacht aus. Sie organisierte unter der Parole «Der Jude ist der Partisan» auch ihren eigenen bewaffneten Beitrag zur «Endlösung». Nichts davon bei Knopp. Im Film werden ein paar Erschießungen der Einsatzgruppen erwähnt, im Buch zur Serie lautet der Beitrag der Wehrmacht zur Schoa: logistische Unterstützung der SS durch Druck von Aufrufen zum Versammeln und Absperren bei den folgenden Erschießungen. Es wundert nicht, dass Knopp bei solchen gravierenden Auslassungen zu der Fantasiezahl von nur 500.000 Tätern in Feldgrau kommt.
Statt die Fakten zu benennen, stellt die Serie raunende Fragen: «Wurden die deutschen Soldaten zu skrupellosen Mördern oder gab es nur Grausamkeiten, wie jeder Krieg sie mit sich bringt?» «Was haben einfache Soldaten davon gehört und gesehen, waren sie mitschuldig?» Die Antworten nach fünf Folgen bleiben genauso dunkel: «Viele haben wenig und wenige haben viel zu verantworten. Nicht alle waren Mörder, aber allzu viele.» Es sind Knopps alte unscharfe Bilder. Eine Bilanz von gestern. Völkermord und Holocaust als Aktenzeichen XY ungelöst.
Die Wehrmacht – Eine Bilanz (1)
ZDF, Dienstag, 13. November 20:15 Uhr

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