legasthenie

Surf die Acht!

Als Teenager konnte ich maximal vier Wörter hintereinander lesen», erklärt Barak Raviv aus Haifa. Wie viele andere Kinder und Jugendliche litt er unter Legasthenie und ADHS, auch bekannt als Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Weder Medikamente noch Therapeuten konnten verhindern, dass Barak ohne Abschluss im Alter von 18 Jahren die Schule verlassen musste. Und weil er quasi ein Analphabet war, verzichtete die Armee darauf ihn einzuziehen.
Damit platzte auch der Traum von einer Militärkarriere. «Wir dachten, es reicht jetzt», so seine Mutter Nili. «Der Junge braucht eine Auszeit, damit sein Selbstbewusstsein nicht noch weiter leidet.» Also schickten sie ihn zu seinem Bruder nach Hawaii. Dort sollte er ausspannen und lernte ganz nebenbei das Surfen. Über Monate hinweg verbrachte Barak nun jeden Tag Stunden im Wasser – das Wellenreiten wurde seine neue Leidenschaft.

spätlese Ein Jahr später kehrte er nach Israel zurück. Und es geschah das, womit niemand gerechnet hatte. Barak nahm ein Buch in die Hand. «Ein Freund von mir hatte mich überredet, den Fänger im Roggen zu lesen», berichtet er. Innerhalb einer Woche verschlang er es und verlangte nach neuem Lesestoff. «Ich war geschockt», erinnert sich seine Mutter. «Das war im Jahr 1995. Die nächsten fünf Jahre habe ich mich nur mit der Frage beschäftigt, warum mein Sohn plötzlich seine Legasthenie überwinden konnte und es sogar schaffte, sich auf ein Buch zu konzentrieren.»
Nili Raviv schmiss ihren Job als Architektin, stürzte sich in die Fachliteratur und studierte alles, was zum Thema Gehirnfunktionen greifbar war. «Irgendwann kam mir die Idee, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Surfen und der plötzlichen Fähigkeit meines Sohnes, seine Leseschwäche zu überwinden, geben muss.» Die Raviv-Methode war geboren.

stimulation Bewegungsabläufe in Form einer Acht spielen eine ganz zentrale Rolle, wenn es darum geht, das sensorische System eines Menschen und seine Koordinationsfähigkeit zu stimulieren. «Da hat es bei mir Klick gemacht», so Nili Raviv. «Denn die Acht ist genau das, was man beim Surfen machen muss, um auf einer Welle reiten zu können, ohne vom Surfbrett zu fallen.» Jemand, der unter Legasthenie oder ADHS leidet, hat ein Problem mit den Synapsen, den Verbindungen zwischen den einzelnen Hirnzellen. Durch ein gezieltes Training aber ist das Gehirn in der Lage, alternative Strukturen aufzubauen, die dann wiederum auch kognitive Aktivitäten ermöglichen. Genau da setzt die Raviv-Methode an. Sie basiert auf einer Serie von Übungen, die unter anderem daraus bestehen, über sechs Monate täglich zwanzig Minuten die Acht zu gehen. «Dadurch wird die Koordination zwischen der linken und der rechten Gehirnhälfte deutlich verbessert», berichtet Karen Wexelstein von ihren Erfahrungen.
Die Engländerin aus Earlston ist Mutter eines Sohnes, der ebenfalls stark unter einer Leseschwäche litt. Dank der Raviv-Methode konnte er nach einem halben Jahr fließend lesen. «Zwar ist er nicht geheilt, denn Legasthenie ist keine Krankheit im eigentlichen Sinne, aber man kann die Schwierigkeiten überwinden.» Beeindruckt von den Erfolgen sattelte Wexelstein um und wurde selbst Therapeutin.

übungen Natürlich lässt sich die neuronale Infrastruktur im Gehirn nicht allein dadurch tunen, dass man Kinder regelmäßig eine Acht laufen lässt. Zur Raviv-Methode gehört daher eine ganze Palette von Techniken wie Atemübungen, Ballspielen zur Förderung der motorischen Leistungsfähigkeit und Trainingsmaßnahmen zur Ausbildung eines fotografischen Gedächtnisses. All dies soll als eine Art fokussierte Intervention verstanden werden, wenn Defizite in der zerebralen Entwicklung diagnostiziert werden. Denn oft liegt keine Dysfunktion des Gehirns vor: Kinder werden einfach nur zu früh eingeschult und ihre Lernprobleme anschließend mit pathologischen Syndromen in Verbindung gebracht. Ob die Raviv-Methode nun ein Patentrezept darstellt, kann nicht ausreichend bewiesen werden. Zwar gibt es eine kleine Studie, die im Sommer 2007 auf der jährlichen Konferenz der British Educational Research Association präsentiert wurde. Darin werden die Erfahrungen mit einer Gruppe von zwölf Kindern beschrie- ben und durchaus als positiv bewertet.
Nili Raviv selbst spricht von einer Erfolgsquote von mindestens 80 Prozent. Auch setzen rund 500 Therapeuten mittlerweile in Israel, Großbritannien, Irland und den USA die Raviv-Methode bei der Behandlung von Lernstörungen ein; in Deutschland ist sie aber noch weitgehend unbekannt. Die Ex-Architektin aus Haifa hat daraus ein erfolgreiches Familienunternehmen aufgebaut und ihren Mann sowie zwei ihrer vier Kinder eingespannt.
Eines lässt sich über ihre Methode jedenfalls mit Sicherheit sagen: Sie kann keinen Schaden anrichten. «Schließlich kommen keine chemischen Substanzen zum Einsatz», so Nili Raviv. «Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass die Therapie einfach nicht anschlägt.»

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