Jacko Eisenberg

Supersauer

von Wladimir Struminski

Jacko Eisenberg verfügt über eine gewaltige Stimme und eine eindrucksvolle Bühnenpräsenz. »Der hochgewachsene, schlanke Sänger mit dem langen Haar und dem seelenvollen Blick jagt einem wohlige Schauer über den Rücken«, begeisterten sich Kritiker. Und Jacko singt nicht nur Werke anderer, sondern komponiert und textet auch selbst. So war kaum jemand überrascht, als das Nachwuchstalent vor zwei Wochen von den Fernsehzuschauern mit großem Vorsprung vor seinen Mitbewerbern bei der vierten Staffel von Kochaw Nolad (Ein Star wird geboren) zum Sieger gekürt wurde. Mit dem Sieg schien der Jungbarde ausgesorgt zu haben: Das israelische Gegenstück zu Deutschland sucht den Superstar gilt als ein todsicheres Sprungbrett zur großen Karriere.
Seitdem aber kommt der junge Mann als charakterliche Fehlbesetzung unter Beschuß. Schnell entdeckten die Medien, daß Eisenberg nicht in der Armee gedient hatte. Wie die TV‐Produktionsgesellschaft Keshet vage erklärte, wurde Jacko »unter anderem« als Halbwaise und einziger Sohn der Familie vom Wehrdienst freigestellt. Das aber ist nur ein Teil der Wahrheit. In einem Zeitungsinterview outete sich der Sänger selbst als Wehrdienstverweigerer: »Als ich zum Einberufungsamt ging«, bekannte er, »nahm ich meine Gitarre mit und erklärte, daß ich keine Waffe anfassen werde«. Statt ihn ins Gefängnis zu stecken, ließ ihn die Armee gewähren.
Jetzt aber stößt der »Drückeberger« auf Kritik. An die Spitze der Jacko‐Opposition stellte sich der ehemalige Knessetabgeordnete und heutige Bürgermeister der Negev‐Stadt Omer, Pini Badasch. Der Wehrdienstverweigerer Eisenberg dürfe kein Vorbild für die Jugend werden. Er selbst, sagte Badasch, werde dafür sorgen, daß Eisenberg keine Konzerte in Omer geben könne und rief alle Kommunen des Landes zum Boykott auf. Nicht ohne Wirkung: Die Stadt Tel Aviv werde Eisenberg ebenfalls nicht einladen, erklärte ein Sprecher von Bürgermeister Ron Chuldai.
Allerdings gerät nicht nur Jackos Wehrdienstverweigerung, sondern auch sein angeblicher Mangel an Patriotismus ins Visier. In einem seiner Lieder, erinnerten die Medien, habe er den Staat Israel als »Hure« bezeichnet. Bei den letzten Knessetwahlen, erklärte der Softrocker, habe er nicht mitgestimmt: »Es war es nicht wert, daß ich meinen kleinen Arsch bewege.«
Das war nicht sein einziger Verbalausfall. Das Wühlen in seiner Vergangenheit verbat sich Eisenberg so: »Wenn ich eine neue Freundin habe, frage ich doch auch nicht, mit wem sie früher gebumst hat.« Zu alledem kam auch noch heraus, daß der Mädchenschwarm an einem im Internet verbreiteten Pornofilm mitgewirkt hat.
Hinter der aufmüpfigen Fassade verbirgt sich womöglich eine verwundete Psyche. Als Zehnjähriger mußte Jacko den Tod seines Vaters erleben, der mit 44 einem Herzstillstand erlag. »Ich hielt seinen Kopf fest, damit er die Zunge nicht verschluckte«, schildert der junge Mann das traumatische Erlebnis. Dann sah ich, wie mein Vater aus sich selbst heraustrat und mir nur seinen Körper zurückließ.« Der Schock hat ihn fürs Leben geprägt. Dennoch: So haben sich die 40 Prozent der Zuschauer von Kochaw Nolad, die Eisenberg per Fernruf auf den Siegerthron gehievt hatten, ihr Idol nicht vorgestellt. »Hätte ich all das gewußt, hätte ich nicht für ihn gestimmt«, entrüstete sich ein empörter Anrufer beim israelischen Radio. Der Journalist Ben Kaspit, im Regelfall für politische Berichterstattung zuständig, bezeichnete Eisenberg in der Tageszeitung Maariv sogar wörtlich als »Abschaum«.
Dagegen klingt manch ein Verteidiger verlegen. Die Angriffe auf Jacko seien »nicht fair«, erklärte der Moderator von Kochaw Nolad, Zwika Hadar. Eilig fügte der aber hinzu, er selbst sei Major der Reserve, ihm liege die Armee sehr am Herzen. »Man soll Jacko einfach in Ruhe lassen. Er spricht eben so wie die Jugend heute spricht«, nahm die bekannte Sängerin Margalit Zanani, die während des Wettbewerbs als Jury‐Mitglied mitgewirkt hat, Eisenberg in Schutz. Allerdings betonte sie, ihr eigener Sohn, obwohl Einzelkind, habe bei der Armee gedient. Darauf sei sie stolz. Daß die Wertedebatte um Eisenberg so heftig ausgefallen ist, liegt aber nicht nur an der Attitüde des Siegers, sondern auch am Zeitpunkt des Streits, nur wenige Wochen nach Ende des Libanonkrieges. Nicht umsonst erheben auch viele Eltern gefallener Soldaten ihre Stimme gegen den neuen Star. An Soldatengräbern sind Rebellen unerwünscht.

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